Ilayda
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« am: 22. November 2015, 16:24:18 » |
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Der Frühnebel stieg auf und gab den Blick auf das kleine Tal in den Retekbergen frei, in dem die Falken seit einigen Tagen lagerten. Auf den Zelten hatte sich Reif gebildet und der Atem der Soldaten bildete kleine Wölkchen, während sie schon dabei waren, das Lager abzubrechen und alles zusammenzupacken. Lediglich drei Personen beteiligten sich nicht an dem geschäftigen Treiben. Vor dem niedrigen Eingang zu der Grabstätte standen der Wolf des Trupps, der Vogt und der einzige anwesende Zivilist an diesem Ort zusammen. Gaerion hielt ein kleines Büchlein in den Händen in dem er soeben eine letzte Notiz niedergeschrieben hatte. Valentins Blick ging immer wieder sehnsüchtig zu den Falken herüber als würde er grade lieber Zelte abbauen als hier zu stehen. Der Bogen in seinen Händen wirkte seltsam zierlich bei ihm. Die Hände des Vogtes verschwanden bis zum Ellenbogen unter ihren Achseln. Gaerion klappte das Buch zusammen und steckte es weg. „Alles weitere kann ich euch erst sagen, wenn ich in Tharemis war.“ Valentin nickte. „Kommst du mit uns zusammen nach Silbertor? Oder machst du dich direkt wieder zur Acht? Ich habe gehört, dass das Wetter um diese Jahreszeit schrecklich für die Unterfedern sein soll.“ Ein schiefes Grinsen ging über sein Gesicht. Ehe Gaerion antworten konnte, sprach Sarah: „Bevor wir den Ort verlassen, müssen wir hier noch ein paar Dinge regeln.“ Valentin nickte und pfiff zweimal lang, woraufhin die Falken umher ihre Arbeit unterbrachen und zu den drei einsamen Gestalten auf dem Platz zusammenkamen. Valentin blickte in die Runde, schaute noch einmal zu Sarah und wartete einen Moment, bis sie ihm mit einem winzigen Nicken signalisierte weiterzumachen. „Bevor wir dieses Drecksloch von einem Tal verlassen, gibt es noch ein paar Sachen, die erledigt werden müssen.“ Er wechselte nachdenklich den Bogen von einer in die andere Hand. „Ich habe euch vor ein paar Tagen schon gesagt, was ich von der ganzen Sache hier halte. Rika war, als sie bei uns angefangen hat, ein ziemliches Würstchen. Ich war zuerst dagegen, sie als Küken zu nehmen. Reicht schon, wenn keiner von euch ordentlich Bericht erstatten kann. Ich brauche nicht auch noch einen gestotterten Bericht. Aber sie hat gezeigt, was sie wert ist. Jeder von euch hat im Laufe der Zeit seine Gedärme irgendwann einmal von ihr wieder zurückgestopft bekommen. Und ohne ihren Einsatz wären viele von uns nicht mehr hier.“ Valentin griff den Bogen mit beiden Händen und hielt ihn vor sich. „Sandheim. Es kommt immer wieder auf Sandheim. Wir haben Cyon dort begraben. Wir haben unseren Priester dort verloren. Und wie wir jetzt wissen, haben wir dort auch Rika verloren. Die Geschichte, die uns seitdem verfolgt, ist hier zu einem weiteren Tiefpunkt gekommen. Bis vorgestern war ich überzeugt, dass Rika immer noch eine von uns wäre. Kopftuch hin oder her, ich war nicht bereit sie aufzugeben. Ich habe jedem von euch geschworen, dass ich niemanden zurücklassen werde, solange ich atme. Doch heute muss ich eingestehen, dass ich dieses Versprechen nicht immer halten kann.“ Valentin hob Rikas Bogen vor sich. Wartete einen Moment und mit einem dumpfen, seltsam unbedeutenden Knacken zerbrach er das Stück Holz über seinem Knie. „Condra hat eine neue Heldin. Ich hätte sie lieber als Falken behalten.“ Er ließ die beiden Stücke fallen wo er stand und blickte kurz zu Sarah. Das Schweigen ringsum war drückend. Sara und Valentin hielten Blickkontakt, bis Sarah mit einem neuerlichen Nicken den Moment beendete und sich auch selber an die Soldaten wandte. „Euer Wolf hat fast alles gesagt, was zu sagen war. Eins bleibt mir noch. Nicht nur Cyon, Valerian und Rika haben wir in Sandheim verloren. Vieles hat dort begonnen und so ist auch Iras Tod im Endeffekt auf Sandheim zurückzuführen. Tuffen wird sich nicht mit dem zufrieden geben, was er bisher angestellt hat. Er wird weitermachen. Bisher waren wir die Gejagten, waren auf seine Aktionen angewiesen, um reagieren zu können. Konnten ihn nicht packen, weil wir rein gar nichts von ihm wussten. Das soll sich jetzt ändern. Wir haben eine erste Spur aufgenommen und werden sie verfolgen. Wir werden ihn so lange jagen, bis wir ihn erlegt haben.“ Nochmals nickte Sarah dem Wolf zu. Valentin ließ seine Schultern rollen und klatschte grob in die Hände. „So. Wie weit sind die Zelte? Haben wir schon Meldung von den Spähern, wie schlimm der Schnee auf dem Pass ist? Macht mal voran, ich will spätestens in einer Stunde auf dem Weg sein.“ Nur langsam kamen die Umherstehenden in Bewegung. Die üblichen Routinen schienen plötzlich schwer und unendlich langsam begann der Trupp, seine Befehle auszuführen.
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