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Maria in Japan - 2018
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Thema: Maria in Japan - 2018 (Gelesen 9287 mal)
Maria
Queen of Deadlines
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Maria in Japan - 2018
«
am:
03. März 2018, 13:20:20 »
[Ich nutze Condra-Webspace für die Fotos, weil alle Uni-Cloud-Lösungen mir ab Ende März nicht mehr zur Verfügung stehen. Falls das nicht geht, sag bitte Bescheid, Dennis]
Wie die meisten von euch wissen, bin ich im März und April 2018 in Japan und habe versprochen, darüber zu berichten. Keine Ahnung, ob ich immer Zeit habe, ausführlich Tagebuch zu führen, aber ich werde es versuchen.
Ach ja, ich bin nicht gut darin, interessante Text zu schreiben, also wird das hier wohl eher ein TLDR...
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Maria
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Re:Maria in Japan - 2018
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Antworten #1 am:
03. März 2018, 13:20:47 »
Vorbereitung
Die Vorbereitung auf Japan war ein guter Vorwand, in den Weihnachtsferien hart zu prokrastinieren und weder die Klassenarbeiten zu korrigieren, noch für das Abschlusskolloquium zu lernen.
Jeden Tag Expedia, Skyscanner, Kayak und Momondo checken, wie sich die Flugpreise entwickeln, Test-Emails an jap. Sprachschulen schicken und sich eine Reiseroute überlegen. Als Sprachschule wollte ich eine Schule außerhalb der typischen Orte wie Tokyo, Osaka oder Kyoto – billiger und mehr „Alltagsjapan“.
Die ersten Schule flogen raus, weil sie die Anfrage-Emails gar nicht erst beantworteten (!), weitere Schulen, weil sie entweder zu teuer oder nicht bereit waren, alle meine Fragen zu beantworten (schlechtes Zeichen bei Dienstleistern, die von Kundenzufriedenheit und Weiterempfehlung leben).
Übrig blieben eine Schule in Sapporo und zwei in Fukuoka. Den Ausschlag gab dann die Tatsache, dass Alf an der einen Schule in Fukuoka gewesen war und ich für die Erwähnung seines Namens einen Rabatt bekam. Also: Asahi Nihongo Language School, mit Homestay.
Tag 1: Anreise, 1. März
Es ist 3:45 und ich bin mir sicher, dass wir viel zu früh am Flughafen sein werden... Aber so bleibt noch genug Zeit, um im engen Hotelzimmer Brote zu schmieren (ja, Tobi, voll deutsch!) und kurz die Emails für Flugänderungen zu checken. Meine Mutter wird nicht müde, mich davon überzeugen zu wollen, dass ich zu wenig anhabe und mir „den Arsch abfrieren werde“. Ich bin da trotz Minusgraden draußen anderer Meinung, T-Shirt, Pullover, Regenjacke und Schal sind für die paar Minütchen „Bus-Hoppsen“ ausreichend und Fukuoka wird 15°C haben. Ihr zuliebe ziehe ich bis zur Verabschiedung ihren Cardigan an...
Der kostenlose Shuttlebus vom Ibis Budget zum Flughafen Brüssel ist um diese Uhrzeit sehr leer. Ich habe heute wohl meinen hilfreichen Tag, denn ich sichere sowohl einem panischen Flugreisenden, als der Bus an seinem Hotel schon abfahren will, seinen Platz, indem ich den Fahrer stoppe und erkläre später zwei verloren aussehenden Frauen, wie sie zu ihrem Finnair-Schalter kommen.
Bei der Gepäckabgabe die unliebsame Neuigkeit, dass ich mein Gepäck in Tokyo Haneda wahrscheinlich claimen, durch den Zoll bringen und dann wieder aufgeben muss, obwohl Fukuoka das Endziel ist. Na toll, das wird mit nur 1,5 Stunden Stopover ein Gerenne.
Beim Zoll habe ich einen kurzen Aussetzer als der Mann mich nach meinem nächsten Stop fragt und ich „Haneda“ statt „Heathrow“ sage (damn you, Gehirn, das sich gerade überlegt, wie lange der baggage claim in Tokyo dauert).
Kostenloses WLAN ist übrigens die beste Erfindung ever, diesen Preis verdienen die Duty-Free-Zonen nicht – meine erste Reiseübelkeit habe ich beim Durchschreiten der strategisch plazierten und nicht auf dem Weg zu den Terminals vermeidbaren Parfümläden. Yuck!
Es ist 6:20 und mein Flug hebt erst um 7:45 ab... Cue waiting time und people watching. Außer mir scheint dieser super-frühe Flug vor allem von Business-Leute genutzt zu werden. Mal schauen, ob meine Mutter Recht hat und der asiatisch aussehende Mann, der direkt vor mir eingecheckt hat, tatsächlich nach Japan fliegt.
Langsam wird es draußen hell und aus den Fenstern sieht man das Treiben auf dem Rollfeld.
Der Abflug verzögert sich wegen der Wetterlage um 20 Minuten, trotzdem landen wir fast zeitgenau mit hartem Aufsatz in Heathrow, wo es schneit – horizontal... Der Pilot ist bei seiner Abschiedsdurchsage sichtlich stolz darauf, pünktlich zu sein.
Youtube sei Dank finde ich meinen Weg vom Terminal 5 zu Terminal 3 sehr einfach, dort suche ich den ersten British Airways-Schalter auf, um zu erfahren, ob das mit dem Gepäck in Tokyo stimmt und die Boardkarte für den letzten Teilflug nach Fukuoka zu kriegen. Und ja, Inge hatte Recht, der Mann von eben checkt nach Tokyo ein...
Im Wartebereich von Japan Airlines sind sehr viele gutgelaunte Asiaten, die aussehen, als ob sie gerade nach eine Kurzurlaub in Europa zurückfliegen – ich fühle mich also noch nicht underdressed.
Wegen der eisigen Kälte werden die Tragflächen des Flugzeugs mehrfach enteist, daher ist auch dieser Flug leicht verspätet. Ziemlich lustig, das Enteisungsspray ist einmal orange und einmal grün, was das weiße Flugzeug auf einmal bunt macht.
Beim Boarding – hatte ganz vergessen, WIE höflich Japaner sind, sowohl die Flugbegleiter als auch der Fahrer des Gangways verbeugen sich vor jedem vorbeigehenden Passagier – Dauerbücken. Mein Sitzplatz (den ich mir wegen Cheapo-Economy Class nicht aussuchen konnte) ist in der Mitte. Neben mir sitzt links ein spanischer Student und rechts ein Japaner im selben Alter wie ich. Vor mir und seitlich Familien mit Kleinkindern. Diese werden sich allerdings trotz Weinen zwischendurch als weniger nervig herausstellen als der japanische Idiot neben mir. Seine Arme und Beine ragen über die Armstützen heraus, während er auf seinem Laptop tippt. Die Beine kriege ich passiv-aggressiv durch Schuhe-unter-Vordersitz-Schieben weg, aber seine Ellbogen pieken mich jedes Mal aus dem Schlaf wach, wenn er sich bewegt. Irgendwann gebe ich meine Höflichkeit auf, tsk-tske ihn mehrfach, um dann anschließend lauter „mukatsuku“ (annoying) zu murmeln und dann die nächste Steigerungsform, „chou-meiwaku“ (you're super-annoying) zu nehmen. Endlich scheint er es zu kapieren... Soviel zur japanischen Rücksichtnahme!
Richtig schlafen wie es mein Plan war wird spätestens dann unmöglich, als im Flugzeug 5 Stunden vor der Landung wieder das normale Licht angeschaltet wird. Wtf? In Japan ist es zu dieser Zeit immer noch nachts, daher verstehe ich es nicht. Das Licht wurde um 22 Uhr Tokioter Ortszeit ausgeschaltet, wenn diese Maßnahme die Passagiere vor Jetlag bewahren soll, warum folgt das Anschalten dann nicht ebenfalls diesem Zeitplan?
Während den 13 Stunden Flug schaffe ich folgende Filme: „Wonder Woman“, „Mord im Orientexpress“ und – klassisch Maria, die sich durch alle angebotenen Titel gewühlt hat – die Dokumentation „The Wonderful Life of Kittens“, was wunderbar von Turbulenzen ablenkt. Vom Honest Trailer für „Justice League“ abgeschreckt, versuche ich außerdem Kingsmen 2 zu sehen, der ist aber zu sehr cartoonish und zu albern geraten, und Wukong, den gibt es aber leider nur auf Chinesisch mit jap. Untertiteln (buh!).
Pluspunkte sammelt die Airline beim Essen: Das Abendessen ist entweder europäisch (Pasta) oder japanisch. Ich nehme das Rindfleischcurry, lecker – aber irgendwie muss jemand beim Würzen der Misosuppe für den Verlust von Geschmacksintensivität beim Fliegen überkompensiert haben, das Zeug ist super-salzig. Das Frühstück ist europäisch, mit Croissant, Früchten, Joghurt und einem Pilz-Käse-Schinken-Omelett, dazwischen gibt es als Snacks einmal Senbei (Rice cracker) und einmal einen riesigen Schoko-Muffin sowie ständig Getränke – soviel zum Thema Abnehmen...
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Letzte Änderung: 27. März 2018, 14:14:29 von Maria
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Maria
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Re:Maria in Japan - 2018
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Antworten #2 am:
03. März 2018, 13:21:40 »
Tag 2: Ankunft und Dazaifu, 2. März
Ankunft in Tokyo Haneda um 7:20, ich haste durch eine Phalanx von weiteren verbeugten JAL-Mitarbeitern. Erster Müdigkeitsschub in der langen Schlange vor den Einwanderungsschaltern, vor allem aber ist es mir in Haneda SOWAS von zu warm. Nachdem ich meine Koffer habe (lucky, die kommen am Band fast am Anfang) futtere ich noch schnell alle Früchte (1 Apfel, 2 Mandarinen und Weintrauben), da ich diese sonst durch die Pflanzen-Quarantäne genehmigen lassen müsste – sieht bestimmt lustig aus, wie ich da auf meinem Kofferhaufen sitze und so schnell wie möglich mein deutsches Obst esse – hätte weniger Früchte mitnehmen sollen, aber das ist mir erst beim Ausfüllen des Zollformulars aufgefallen.
Da ich keine Ahnung habe, wohin ich nach dem Zollschalter muss (die in London geholte Bordkarte ist genauso unhilfreich wie der ausgedruckte Flugplan) suche ich einen JAL-Schalter und lasse mein Gepäck dort. Die Frau dort ist super hilfreich und dazu auch noch humorvoll. Sie lacht: „Hot day today, isn't it?“ trotz Außentemperaturen unter 10°, aber mit einer Maria vor sich, die sich gerade mit dem Pass Luft zufächelt. Naja, im Inneren von Haneda ist es eher 25°, ich habe keine Ahnung, wie alle hier mit Winterjacke und Mütze sitzen können.
Das erste, was ich nach Ankunft am Abfluggate mache, ist also die nächste Toilette aufzusuchen und den Pullover auszuziehen. Mit dem grün-grauen T-Shirt steche ich aus den nach Fukuoka fliegenden Japanern heraus, einer Menge von Leuten in schwarzen Anzügen, ich bin die einzige Europäerin. Meine Sitznachbarn diesmal sind zum Glück Vorzeige-Japaner und lassen mich in Ruhe schlafen.
Der Vibe von Takamatsu ist bereits am Flughafen und am Bahnhof komplett anders als das poshe Tokyo, zu meiner Erleichterung gibt es hier auch nicht so dürre Menschen und casual angezogene. Eine Japanerin in der U-Bahn läuft mir hinterher, als mein Wecker beim Aufstehen unbemerkt aus meiner Hosentasche rutscht – Karma für gute Reise-Taten...
Auf dem Weg zur Schule bin froh über meine Google Streetview-Vorplanung, denn Navigation aus einer U-Bahnstation heraus und ohne Beschilderung ist nicht so einfach – und mit zwei Koffern plus Rucksack plus Laptoptasche auch nicht lustig.
Endlich bei Asahi Nihongo angekommen, merke ich beim Hinsetzen und Kofferumpacken zum ersten Mal den Jetlag als leichtes Schwanken im Kopf. Ohne Vorwarnung drückt mir die Mitarbeiterin der Schule den Telefonhörer ans Ohr, es ist meine erste Gastmutter. Das Gespräch wird etwas konfus, weil ich ihr keinen genauen Zeitplan geben kann, ich muss erstmal Geld jagen, mir die Prepaid-Bahnkarte holen – und mein Smartphone mit der zur Schule geschickten japanischen Simkarte einrichten.
Zwei Dinge klappen nicht so ganz. Ersten brauche ich drei Anläufe, bis der Automat im 7/11-Convenience Store Geld ausspuckt (ich wurde langsam panisch, dass die Santander Visa nicht funktioniert, aber der Automat hat für Magnetkarten wohl ein 30.000Yen-Limit). Zweitens kann ich die Simkarte von Mobal zwar online aktivieren, aber das Freischalten dauert laut der Webseite „bis zu zwei Arbeitstagen“. Mist. Daher schlage ich das Angebot der Gastmutter aus, dass sie mich schon in Futsukaichi, dem Umsteigebahnhof, aufsammeln will, weil ich nicht weiß, wie lange ich bis dahin brauche und sie en route nicht kontaktieren kann.
In einem Einkaufszentrum nahe dem Tenjin-Bahnhof kaufe ich die Frettchen-Prepaid-Zugkarte (@ Valhalla: Leider doch kein Erdmännchen) „Nimoca“ und suche die Zugverbindung raus. Dank eines älteren Japaners, der mir sagt, dass der Schnellzug und der Bummelzug dieselbe Preisklasse haben, erreiche ich mein Ziel, Gojou, schneller als erwartet und auch hier weiß ich dank Google Streetview genau, welche Hintergassen ich nehmen muss.
Meine erste Gastmutter, Frau Tsuruda, begrüßt mich. Das Haus ist für japanische Verhältnisse krass leer und aufgeräumt und man bemerkt sowohl die Anwesenheit von Kleinkindern (sie hat drei Enkel, deren Spielzeug sich in jedem Zimmer findet), ihre Erfahrung mit ausländischen Gästen (zwei leere Schlafzimmer, jede Menge deutsche Süßigkeiten, die sie wohl von vorigen Gästen geschenkt bekommen hat) als auch die Abwesenheit eines Ehemanns, von dem jede Spur fehlt, sogar Bilder. Aber ich werde definitiv nicht nachfragen!
Meine Lambertz-Dose gesellt sich zu den anderen Süßigkeiten dazu und meine noch nicht geleerte Brotdose wandert in den Kühlschrank. Der erste Programmpunkt meiner Japanreise wird eine Auto-Rundtour durch Dazaifu. Die Zwischenstopps sind ein Shinto-Schrein auf einem Berg (nicht so spannend), ein Schulausflug-Park auf einer Bergspitze (der nur über eine 8km-Serpentinenstraße zu erreichen ist und sich toll als Ausgangspunkt für Trailrunning eignen würde mit seinem Toilettenhaus), ein sehr weitläufiger Park, der sich dort erstreckt, wo im frühen Mittelalter der namensgebende Dazai-fu, Verwaltungssitz für ganz Kyushu, war (hübsch, mit picknickenden Leuten, probenden Saxophonisten und Familien mit Kindern) und zwei weiteren Sehenswürdigkeiten in der Nähe, Kanzeon-ji und Kaidan-in, ein Kloster.
In Bewegung zu bleiben hilft mir, den Jetlag zu ignorieren, daher frage ich Frau Tsuruda nach der Rückkehr zu ihrem Haus, wo der nächste Supermarkt oder 100Yen-Laden ist, weil ich eine Hülle für die Nimoca und eine Geldbörse für das Kleingeld kaufen will. Ich laufe an gassigehenden Nachbarsfrauen vorbei und nicke freundlich, da ich keine Ahnung habe, ob Gojou noch klein genug ist, um jeden Menschen auf der Straße zu grüßen. Im 100Yen-Laden kriege ich zwar keine „Gajin“-Ausrufe, aber immerhin starrt mich ein kleines Mädchen an.
Das Abendessen ist eine leckere Gemüsesuppe mit Ei-Stich – ich nehme sie an, obwohl die Schulregeln sagen, dass ich jedes Essen bei den Gastfamilien vorher bestellen und bezahlen soll. Mit einer Runde Fernsehen, Duschen, Handwäsche und der Einrichtung meines Smartphones, dessen Sim jetzt funktioniert, halte ich bis 22 Uhr durch und falle dann ins Bett - nachdem ich der Gastmutter hundert Mal versichert habe, dass ich weder mehr Decken noch eine zusätzliche Heizung im Zimmer brauche. In der Dusche hätte ich mich bestimmt auch verbrüht, wenn das hilfreiche Touchpanel nicht die krasse Wassertemperatur von 43° angezeigt hätte...
Erkenntnis des Tages: Japaner sind absolute Frostbeulen – und es sieht so aus, als ob 80% aller Menschen entweder erkältet oder Allergiker sind – soviele Menschen tragen Mundschutz auf der Straße.
Erkenntnis des Tages zwei: Google Streetview ist für Japan echt gut, weil es hier weder Schilder mit Straßennamen noch Hausnummern gibt.
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Letzte Änderung: 27. März 2018, 14:22:17 von Maria
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Re:Maria in Japan - 2018
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Antworten #3 am:
03. März 2018, 14:03:40 »
Tag 3: Dazaifu-Tenmangu, 3. März
Der Samstag beginnt um 8:00 mit dem Handywecker. Frau Tsuruda lässt mich nicht helfen – aber zum Glück ist mein Frühstück recht einfach – Banane mit Joghurt, Schwarztee mit Milch und meine zu vernichtenden mitgebrachten Reise-Schwarz-Butterbrote.
Leider hat Frau Tsuruda Fieber und ich Gewissensbisse, da sie mich gestern herumkutschiert hat und ich es absolut für möglich hielte, dass sie wegen mir die Klimaanlage nicht auf 30° oder so gestellt hat. Sie wird heute nicht mitkommen. Sie hatte am Vortag bereits gesagt, dass ihre Freundin, Frau Inoue, uns herumführen wird, daher wird die Freundin angerufen und gebeten, sich um mich zu kümmern.
Auf dem Weg zum Arzt lässt Frau Tsuruda mich um 9:50 direkt am Tempelviertel heraus. Der Dazaifu-Tenmangu-Tempel ist sehr beliebt, daher bahne ich mir auf dem Sando (Weg zum Haupttor) den Weg durch Menschenmassen. Vor der ersten Bronzekuh ist sogar eine Schlange, damit jeder die Möglichkeit für ein „Heilige-Kuh“-Foto hat. Da ich mir nicht mehr hundertprozentig sicher bin, ob Frau Tsuruda „Juuji“ (10 Uhr) oder „Juichiji“ (11 Uhr) gesagt hatte, gehe (bzw. nehme die ultramodernen Rolltreppen) ich direkt den Berg hoch zum Nationalmuseum, aber Frau Inoue ist nicht am Treffpunkt, also habe ich noch Zeit. Zuerst entscheide ich mich für einen Abstecher in einen Bambuswald (komplett einsam), aber wie überall in Japan mit vielen Warnhinweisen (jeder Aufzug hier sagt dir, dass du vorsichtig sein sollst, weil die Türe schließt...) versehen.
Ich mache ein Foto mit einer versteckter liegenden und nicht in Beschlag genommenen Kuh.
Was einen netten Plausch mit einem niedlichen alten Ehepaar aus Fukuoka hervorruft, die es interessant finden, dass ich nicht mich selbst, sondern das Schlüsselanhänger-Maskottchen auf der Kuh ablichte. Die sehr lachfaltige Frau kichert über ihren eigenen Witz: „ushidoshi“ - ein Wortspiel, der Ausdruck „toshidoshi“ heißt „gleichalt“, also Japaner, die gleichalt sind, und deswegen untereinander keine Höflichkeitsformen benutzen müssen, „ushidoshi“ aber bedeutet „Kuh-gleich“, Selbstironie, die Frau und ihr Ehemann sind beide im Jahr der Kuh geboren und besuchen deshalb häufig den Dazaifu-Tenmangu mit den vielen Kuh-Statuen. Der Legende nach soll Sugawara no Michizane auf einer Kuh geritten sein. Ich verabschiede mich gut gelaunt und bewundere die wirklich sehr gut riechenden Pflaumenblüten (die in wärmeren Jahren im März schon verblüht wären) und mache eine Runde um den Tempelbezirk. Jede Menge chinesische und koreanische Touristen, die von Tourguides mit Fähnchen in Gruppen herum geführt werden, aber außer mir keine Weißen.
Um kurz vor 11 ruft mich Frau Inoue fürsorglich an, um dann verwundert zu sein, dass ich bereits fast vor ihr stehe. Sie erklärt mir die Bauweise des 2005 erbauten Nationalmuseums – und ich muss ein wenig schmunzeln, als ihr Enthusiasmus dafür sorgt, dass sie die bilingualen „Please do not touch“-Schilder ignoriert, der Glaskasten mit dem Modell danach ihre Fingerabdrücke hat und sie von der daneben sitzenden Mitarbeiterin böse angeschaut wird. Aber Frau Inoue ist „Volunteer guide“, das heißt, sie arbeitet ehrenamtlich für das Museum – die Mitarbeiterin wird also später stillschweigend den Glaskasten reinigen.
Nach den Erklärungen weiß Frau Inoue nicht ganz, was sie mir noch zeigen soll, daher ergreife ich die Initiative und frage nach den momentanen Ausstellungen. Frau Inoue empfiehlt die Dauerausstellung zur Geschichte Kyushus – worauf ich auch deutlich mehr Lust habe als die (auch noch teurere) Ausstellung von Schriftrollen auf Alt-Japanisch. Auf der vierten Etage drängt mich Frau Inoue zur Inanspruchnahme eines weiteren dort sitzenden Volunteer Guides. Zuerst lehne ich ab, weil der Mann dort eine andere Aufgabe zu haben scheint und hole mir einen englischen Audio-Guide, aber dann laufen uns zwei weitere Volunteer Guides über den Weg. Einer davon ist Geschichtslehrer und wird mich die nächste Stunde lang durch die Räume führen. Leider scheint er meine Japanisch-Fähigkeiten hart zu überschätzen, er spricht sehr schnell und mit Fachbegriffen. Ich bin froh über die Geschichtsseminare der Bonner Japanologie, zumindest die Namen der Geschichtsperioden verstehe ich, den Rest durch Raten und Lesen der (extrem verkürzenden) englischen Beschriftungen der Exponate.
Trotzdem sehr interessant, Kyushu ist historisch der „internationalste“ Teil Japans, wegen der Nähe zu China und als Landepunkt sowohl aller Invasionen als auch Handelswege wie der Seidenstraße.
Ich bedanke mich bei dem Geschichtslehrer, nachdem er mich auf der untersten Etage noch zu einem Mitmach-Raum geführt hat, in dem man Kleidung der Jomon-Periode anziehen kann, enttäuschenderweise billig gemachte Karnevalskostüme – und irgendwie sind hier nur kleine Kinder, daher verzichte ich höflich und gehe lieber in das Asia-Experience-Räumchen (Raum mit Gegenständen aus verschiedenen asiatischen Ländern zum Anfassen, leider auch eher für Kinder) und versuche mich darin, unterschiedliche asiatische Musikinstrumente zum Klingen zu bringen.
Frau Inoue hat die ganze Zeit am Volunteer Counter gewartet. Sie fragt mich, ob ich bereits Hunger habe (ja, es ist 12:30) und ob ich japanisches Essen mag (öh, ja? Sonst würde ich in Japan nicht überleben können...). Sie empfiehlt ein Soba-Restaurant auf der Sando, ich biege aber vorher ab, weil ich einen Punkt auf der Japan-Bucket-List streichen und am Dazaifu-Tenmangu ein Ema (Votivbild) für erfolgreiches Bestehen der zweiten Staatsprüfung aufhängen will. Auf das Beten vor dem Suguwaru no Michizane gewidmeten Hauptschrein verzichte ich aber. 200m Schlange stehen ist sehr... japanisch – wie auch die Schlangen vor den Mochi (Reisküchlein)-Läden zeigen.
Ich fühle mich leicht an das mit „Gastfreundschaft-überhäuft-Werden“ in Frankreich erinnert, als Frau Inoue hinter meinem Rücken einen Talisman für „Sicheres Autofahren“ für mich kauft – verdammt, ich hätte es wissen müssen, als die aus dem Blauen kommende Frage kam, ob ich einen Führerschein habe. Aber Ablehnen ist nicht, fait accompli...
Das Soba-Restaurant ist komplett voll, daher nehmen wir auf Stühlen im Eingangsbereich Platz. Und es wird noch voller, bis der Eingang auch mit stehenden Menschen voll ist. Als eine mittelalte Frau mit einer Oma hineinkommt, stehe ich auf, um die Seniorin sitzen zu lassen – und setze eine Fauxpas-Kettenreaktion in Gang. Die alte Dame verzichtet dankend, sie sei noch topfit. Jetzt steht Frau Inoue auf, um ihr den Platz anzubieten, daneben stehen noch zwei weitere Japaner stillschweigen auf. Die Seniorin beteuert, den Platz nicht zu brauchen, aber jetzt hat die Szene so viel Aufmerksamkeit und dauert schon so lange, dass sie sich dann doch setzt. Natürlich sind jetzt mehr Plätze frei... Und mindestens 8 Leute stehen dumm im Gang, including me. Wobei ich die tolle Ausrede habe, mich nicht setzen zu wollen, weil dann der Jetlag zuschlägt – das ist übrigens gar nicht mal so gelogen, ich merke die Müdigkeit nur, wenn mein Körper runter fährt. Ende des Lieds: Eine wartende Familie wird an den Tisch geführt, alle Stehenden können sich setzen.
Frau Inoue bestellt ihr Standardmenü, kalte Soba (dünne Buchweizennudeln) und Tempura, ich die heiße Suppen-Version des ganzen. Als Dessert die berühmten Mochi, für die es die langen Schlangen gab. Sehr lecker alles, auch wenn ich die Tradition, das heiße Nudelwasser zu trinken, nicht ganz nachvollziehen kann, es schmeckt halt... wie Nudelwasser. Während des Essens führen wir ein angeregtes Gespräch, teils auf Englisch, teils auf Japanisch. Sie will Englisch üben – sie war wohl laut Frau Tsuruda Englischlehrerin in einer Mittelschule, aber wie fast alle japanischen Englischlehrer ist ihre Konversationsfähigkeit nicht besser als die deutscher Achtklässler – ein Grund, warum sie ihren Beruf vor mir verschweigt. Frau Inoues Tochter hat einen Schweizer geheiratet, daher ist Frau Inoue auch "international", schon mehrfach in Europa gewesen und will wieder dort hin, auch nach Deutschland, auf Weihnachtsmärkte. Ich lade sie ein und meine das auch komplett ernst, vor allem, da sie mir das Essen bezahlt hat und sich weigert, Geld anzunehmen...
Wir trennen uns auf dem Weg zurück in den Tempel, sie will ihr Auto holen, ich will noch etwas rumlaufen.
Nach etwas Cat-Stalking (ich beobachte eine junge japanische Crazy-Cat-Lady dabei, wie sie abseits des Trubels im Wald hinter einem Café heimlich die wilden Tempelkatzen füttert) fängt es an zu regnen und ich muss noch die 20 Minuten zu Fuß zurück.
Plötzlich sind die Straßen fast komplett leer, da sich alle Besucher unter Vordächer und in die Geschäfte verziehen, ich mit meiner Regenjacke lächle etwas über das wetterscheue Verhalten. Japaner mögen irgendwie keine Regenjacken, Schirme sind die Weapon of Choice. Ich falle auf jeden Fall auf mit meiner neongrünen Jacke, den Kopfhörern, dem Teebecher – und weil ich die einzige bin, die zu Fuß durch den Regen geht.
Auf dem Rückweg wundere ich mich über etwas, das wie eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme aussieht: An jedem Fußgängerüberweg sitzt ein meist älterer Mensch in Uniform, der darauf aufpasst, dass bei grüner Fußgängerampel kein Auto einen der die Straße überquerenden Fußgänger überfährt. Ob in Japan so viele rote Ampel missachtet werden?
Im 7/11 hole ich Geld und danach im Supermarkt Essen, weil ich immer noch nicht sicher bin, ob ich bei Frau Tsuruda weiterhin kostenlos Abendessen bekomme (das ist gegen die Schulregeln).
Da ich von ihr den Schlüssel auch ohne Schlüsselpfand bekommen habe (auch gegen die Schulregeln) schleiche ich mich ins Haus, sie ist im Bett und schreibe an diesem Tagebuch weiter. Sie steht um 18:00 auf und ist verwundert, dass ich schon da bin – okay, ich habe kein Licht angemacht, weil die Bildschirmhelligkeit ausreicht.
Es gibt Essen, was mich jetzt zur Überlegung zwingt, wie ich mich erkenntlich zeigen kann. Es gibt eine Art Gulasch, einen Salat, natürlich Reis und ich habe mir Tsukemono (eingelegtes Gemüse) gekauft. Lecker! Wie schon beim letzten Mal in Japan gemerkt, wird beim Essen oft der Fernseher angemacht, diesmal läuft eine Essensshow und danach eine Tier-Sendung. Frau Tsuruda bietet mir nach dem Essen Bier an, ich darf diesmal abspülen (yay!), alle anderen Angebote wie Einkaufen gehen oder morgens Frühstück machen, schlägt sie aus. Ich esse ihren Salat auf, als sie den Rest wegschmeißen will (mottainai!) und sie geht danach ins Bett – sie sieht nicht gut aus, mir wäre es lieber, dass sie nicht auf Teufel komm heraus versucht, am nächsten Tag etwas mit mir zu unternehmen.
Erkenntnis des Tages: Biete alten Damen in Japan nicht deinen Platz an.
Erkenntnis des Tages zwei: Die Japaner haben Punzieren und Cuir Bouilli im 18. Jahrhundert von den Europäern übernommen.
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Letzte Änderung: 08. März 2018, 13:46:42 von Maria
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Re:Maria in Japan - 2018
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Antworten #4 am:
04. März 2018, 15:57:28 »
Tag 4: Yanagawa, 4. März
Ich versuche heute etwas früher aufzustehen, schaffe es auch, vor Frau Tsuruda unten in der Küche zu sein, aber ich darf trotzdem nicht beim Frühstück helfen – nur den Tisch decken und abspülen. Fast kapituliere ich vor den vier Scheiben Toast mit Salat und Gemüseauflage plus der Bananen-Joghurt-Kombination.
Nach einer weiteren Runde Fernsehen und Aufsammeln meiner Handwäsche, die Frau Tsuruda peinlicherweise für mich von der Terasse, wo ich sie aufgehangen hatte, reingeholt hat, fahren wir zuerst nochmal zum Dazaifu-Tenmangu, weil ich durch Internetrecherche herausgefunden habe, dass dort ein nur einmal im Jahr stattfindendes Event sein wird, das „Kyokusui no En“, ein Brauch aus der Heian-Zeit. Als Hofdamen und Gelehrte verkleidete moderne Dichter/innen und auch Studentinnen, die bei Lyrik-Wettbewerben gewonnen haben, sitzen in einem japanischen Garten an einem extra dafür angelegten Bächlein. Kinder in Heianzeit-Pagenkostümen lassen bachaufwärts kleine Boote zu Wasser, auf denen Sake-Becher stehen. Bis der Sake-Becher bei den Dichtern ankommt, dürfen diese versuchen, Gedichte (meist Haiku-ähnlich) zu verfassen, dann nehmen sie den Becher, trinken und rezitieren die gerade geschriebenen Zeilen, als Wettbewerb untereinander. Als Zuschauer muss man Sitze reservieren, aber ich pflichte Frau Tsuruda bei, als sie meint, dass das Zuschauen evtl. zu langweilig wird (das Sake-Picknick dauert zwei Stunden). Für die Parade, die ich aber unbedingt sehen will, sind wir eine Stunde zu früh dran, daher umrunden wir die Menschenmassen auf kleinen Pfädchen, die ich gestern als crazy cat stalker gefunden habe und nehmen den Weg hinauf zum Bergschrein. Frau Tsuruda bleibt auf meine Nachfrage, ob sie sich das Treppensteigen WIRKLICH zutraut, unten auf einer Bank sitzen, ich klettere hoch und dann wieder hinunter.
Dann ist es Zeit für die Parade. Pflichtbewusst reihen wir uns ordentlich am Rande des Weges ein. Inzwischen ist es so sonnig, dass ich den Pullover ausziehe und mit ist es trotzdem noch zu warm (21°). Also: Sonnencreme! Die Prozession kommt nach einer Schar von sehr höflichen Polizisten, die die fotogeilen Zuschauer bitten, nicht über die Linien zu treten.
Das Ganze ist eine Art Heian-Reenactment, mit Kostümen, Waffen und Musikern, daher mag ich es und stelle mich auch gerne ein zweites Mal an anderer Stelle an den Weg, um auf die den inneren Tempel abschreitenden Darsteller zu warten.
Der zweite Programmpunkt heute ist nach einem kurzen Abstecher zu den Souvenirgeschäften auf dem Sando (Algen-Fischei-Paste gekauft! Auch wenn ich Tobi damit wohl jagen kann...) die Stadt Yanagawa, eine Art Venedig mit Kanälen. Da es Mittagszeit ist, fragt mich Frau Tsuruda nach Essensvorlieben. Diesmal bin ich besser vorbereitet und wähle das billigste Essen, Ramen (Nudelsuppe). Wir haben Glück, in dem bei Einheimischen sehr beliebten Restaurant Hayataka am Rand der Hauptstraße sind gerade Plätze frei geworden und die Preise sind niedrig (ihre Suppe kostet 3, 20€, meine plus Gyoza 4,50,€), aber ich bin nicht schnell genug, um zu bezahlen. Und auch die Autobahngebühr kann ich nicht beisteuern, weil das automatisch von einem Gerät in ihrem Auto abgebucht wird, als wir die Mautstation durchfahren. In Yanagawa habe ich dann die Chance und bezahle die Bootstour. Bootsführer staken Boote mit 12 Personen durch die nicht tiefen Kanäle, man bückt sich unter den Brücken, die „Gondolieri“ singen und erzählen Geschichten, weisen auf Sehenswürdigkeiten am linken und rechten Ufer hin und es ist eine sehr entspannende Stunde – bis auf das Augen-Zukneifen, weil es auf dem Wasser so hell ist. Ich bin sehr froh über die geliehenen Bambushüte. Zwischendurch verfüttere ich noch deutsche Fruchtgummies an japanische Jungen im Boot, Frau Tsuruda sind sie zu sauer.
Am anderen Ende der Stadt steigen wir aus dem Boot. Es ist ein wenig schade, dass Frau Tsuruda so wenig „bummelfreudig“ ist und ich will sie nicht immer dazu drängen, in die kleinen Geschäfte, die die Kanäle säumen, zu gehen. Die ganze Stadt hat sich mit Hinamatsuri (Puppenfest)-Dekorationen geschmückt, sehr hübsch.
Sie kauft eine Packung gegrillter-Aal-Reisbällchen, die wir mitnehmen, vielleicht als Abendessen.
Auf dem Rückweg versuchen wir erfolglos, den Schildern zu einem lokalen Fabrikoutlet einer bekannten Koushou-(jap. Pfeffer)-Marke zu folgen. Als das Internet uns sagt, dass dieses eh schon geschlossen ist, halten wir an einer Markthalle mit lokalen Produkten und sie kauft ein.
Der letzte Stop heute ist eine riesige Shopping Mall (sehr amerikanisch!). Frau Tsuruda führt mich zu einem Dagashi-Ya (Laden mit traditionellen billigen jap. Süßigkeiten, gab es früher an jeder Straßenecke, jetzt nur noch als teurere Nostalgie-Version). Wir kaufen beide eine ganze Tüte voll (auch für dich, Anna!). Statt dem Aal zuhause will Frau Tsuruda lieber in ein Restaurant in der Mall, auch wenn dies wie alle Nicht-Ramen-Etablissements bedeutet, vor der Türe auf den Aufruf zu warten. Ich wähle ein Gericht mit süß-saurer Essigsoße (Wakadori no Kurosuitame) und ein Eis, sie ein Eier-Fleischgericht – und sie bezahlt wieder, diesmal mit der Ausrede einer Rabattkarte.
Und dann schenkt sie mir auch noch ihre Dagashi-ya-Tüte, obwohl sie behauptet hatte, das wäre für ihre Enkel. ARGH! Ich erkläre ihr, dass die Schulregeln sagen, dass man alles selbst bezahlen soll, aber sie meint, das wäre das erste Mal, dass sie sowas hört, die deutschen Studenten vorher hätte sie auch eingeladen.
Zum Fernsehen gibt es Dagashi-ya-Snacks und süßen Reiswein für beide – der hat zwar nur 18%, aber irgendwie macht der trotzdem leichtköpfig.
Wir reden noch bis 22:30, ich übergebe Visitenkarten mit Einladung nach Deutschland, dann dusche ich mich (der Tag war zu warm) und sie geht ins Bett. Schade, hier wäre ich auch gerne geblieben, ab morgen werde ich bei der zweiten Gastfamilie sein.
Memo to self: Geschenke schicken!
Erkenntnis des Tages: Maria muss schneller beim Bezahlen sein!
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Re:Maria in Japan - 2018
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Antworten #5 am:
05. März 2018, 14:48:32 »
Tag 5: Orientierungstag, 5. März
Frau Tsuruda hatte mir am Vorabend gesagt, dass sie morgens früh nicht da sein wird, weil ihre hochschwangere älteste Tochter eine Untersuchung haben wird und sie daher auf das Enkelkind, Kaho, aufpassen wird, sie würde mich aber danach um 9:30 verabschieden.
Nach Mitternacht wird es dann dramatisch anders, es gibt nicht nur Starkregen und ein heftiges Gewitter, ihr viertes Enkelkind wird eine Woche zu früh geboren, daher geht sie Kaho bereits um 4 Uhr morgens holen und als ich um 7:30 aufstehe, ist sie zum vierten Mal Oma geworden und Kaho kräht fröhlich durch das Haus. Während des Frühstücks kommt der sehr müde Papa, Akira, vorbei, wird wie ich mit Frühstück (Frau Tsuruda hat tatsächlich gestern in der Markthalle Graubrot gefunden) versorgt, zeigt erste Fotos und Videos und vor dem Familienaltar im Tatami-Rauch wird Weihrauch entzündet. Hier lüftet sich das Ehemann-Geheimnis: Er ist verstorben, denn sein Foto steht in der Nische.
Ich packe, während die beiden über die Geburt reden. Akira fährt um 9:10 zurück ins Krankenhaus (japanische Männer kriegen maximal zwei Tage Urlaub für Geburten) und nimmt mich zum Bahnhof mit. Viel Zeit zur Verabschiedung bleibt daher nicht...
Memo to self: Geschenk für Miharu (das neugeborene Mädchen) besorgen, für Frau Tsuruda Aachen/Monschau-Kühlschrankmagnete und Ayurveda-Tee
Der Schnellzug nach Fukuoka wird mit den Ausläufern des Berufsverkehrs ziemlich voll und ich bin froh, nicht noch einen weiteren Koffer dabei zu haben. Ich bin pünktlich um zehn vor zehn an der Schule und treffe dort auf drei weitere Lernwillige, die ab diesem Monat ihre Sprachkurse beginnen: Jan-Ole, Christian (beide deutsch) und Laura (Niederländerin). Wir füllen Formulare aus und unterhalten uns auf Englisch – was die Sekretärin der Schule, Akiko, dazu bringt, uns zu fragen, warum wir kein Deutsch sprechen. Äh, um nicht unhöflich zu sein? Sie erklärt als „Orientierung“, wie die Schule funktioniert, also wie der erste Tag abläuft, was Fukuoka so besonders macht und was es für Angebote es außerhalb des Unterrichts gibt. Nichts Neues, wenn man die Webseite durchgelesen hat. Mal schauen, ob ich Zeit für das Sprach-Tandem haben werde.
Die beiden Männer sind Japanisch-Anfänger, Laura ist trotz Selbststudium besser als ich und kommt aus Korea, wo sie gerade ein Auslandsjahr verbracht hat. Ihr Englisch ist auch sehr gut, sie hat als Kind in Singapur gelebt – macht Spaß, mit ihr auf beiden Sprachen zu reden, wir wechseln ständig. Ich bemitleide die beiden japanischen Studentinnen der Frauen-Uni etwas, die ab heute ein Schnupper-Praktikum in der Sprachschule machen, sie scheinen noch nichtmal dem (schlechten) Englisch von Akiko folgen zu können oder sind zu schüchtern für Englisch, zumindest eine der beiden stellt aber von sich aus Fragen in Japanisch.
Beim Einstufungstest, bei mir und Laura Level 4 (Vokabeln, Partikel, Verbformen, Keigo und Satzergänzungen) habe ich dann das Gefühl, komplett versagt zu haben, da ich noch nicht mal fertig geworden bin, aber egal, dann muss ich halt mehr wiederholen.
Die Schule bestellt als kostenloses Mittagessen Bento-Boxen (allerdings bescheidene Qualität), ich esse eins meiner Aal-Reisbällchen und verstaue meine Tsukemono im Schul-Kühlschrank. Eine Stunde später (wir verbringen die Zeit mit Quatschen) werden wir von einer Japanerin abgeholt, die laut Akiko in Harvard studiert hat. Dafür ist ihr Englisch aber nicht wirklich gut – oder habe ich nur sehr hohe Ansprüche?
Sie führt uns in Schlangenlinien durch Tenjin, vor allem an interessanten Konsumtempeln wie Maid Cafes, 100Yen-Shops und Shopping malls vorbei (ihr Versuch, Gebräuche in einem buddhistischen Tempel zu erklären, schlägt dafür fehl..). Zwischendurch versuchen wir, die beiden Jungen mit Sim-Karten auszurüsten, ohne Erfolg. Ich bin froh, mein Handy schon eingerichtet zu haben.
Zurück in der Schule führt eine Lehrerin ein Interview auf Japanisch mit mir und gibt dann die Testergebnisse bekannt. Ich war wohl zumindest erfolgreich genug, dass ich in meinem anvisierten Level starten kann: Level 5 oder Lower Intermediate. Sie stellt mir meine chinesische Mitschülerin vor, Shi-Xhe oder auch Angela (christlicher Taufname). Wir werden mit den Kapiteln weitermachen, die in der Uni auch der letzte normal vermittelte Stoff waren, Höflichkeitssprache.
Ich hoffe, die Chinesin spricht genug...
Da die Matsuos Bescheid gesagt haben, dass sie um 18 Uhr zuhause sein werden, mache ich mich um 17:15 auf den Weg – was sich als zu früh herausstellt, ich stehe um 17:40 vor dem Haus, obwohl ich absichtlich langsam gegangen bin. Mit zwei Koffern kann ich aber auch nicht mehr irgendwelche Abstecher machen, daher bin ich froh, dass bereits ein Auto vor der Garage steht und im Haus das Licht an ist.
Herr Matsuo macht mir auf und trägt einen Koffer rein. Mir ist es etwas peinlich, dass die nassen Koffer (es hat die ganze Zeit geregnet) den Boden voll tropfen, seine Chiharu Frau bringt Handtücher. Der Hund ist deutlich kleiner als erwartet (Mini-Katzengröße), sehr anhänglich und sehr „ich lecke jeden Zentimeter Haut ab“. Ich übergebe pflichtbewusst meine Mitbringsel und packe meine Koffer in den Wandschrank.
Nach Klärung der Anrede (Nobutaka-san und Chiharu-san) bereitet sie das Essen vor. Insgesamt scheint hier (als Außenseiterin kann ich mich aber auch irren) ein sehr traditionelles Rollenverhältnis zu herrschen. Sie kocht, während er fern sieht und morgens sehr früh das Haus für seinen Bürojob verlässt. Während des Essens bringt sie ihm neue Getränke. Außer meinen übriggebliebenen Aal-Reisbällchen gibt es Nikujaga (Rindfleisch mit Kartoffeln), gegrilltes Knorpel-Hähnchenfleisch, Miso-Suppe und Sashimi. Auch hier bleibt mein Versuch, an die Schulregel mit dem Essen-Vorbestellen und -Bezahlen zu erinnern eher fruchtlos – mal schauen, ob ich stattdessen Früchte als Geschenk kaufe.
Als er sieht, dass ich den Fernsehsendungen einigermaßen folgen kann, installiert Nobutaka einen Fernseher in meinem Zimmer und erklärt mir dann alle Hausfunktionen. Ich dusche mich und sitze dann solange auf dem Sofa vor dem Riesenfernseher, bis es mir zu peinlich ist, dass Chiharu auf dem Boden sitzt (Platz wäre für alle drei, wenn man direkt nebeneinander sitzen würde). Mit dem Vorwand „Hund bespaßen“ setze ich mich auch auf den Teppich.
Memo to self: An das Gochisousama deshita denken und an die vermaledeiten Hausschluppen!
Nach dem Blogschreiben gehe ich dann ins Bett.
Erkenntnis des Tages: Hunde mit Windeln sind irgendwie falsch...
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Letzte Änderung: 10. März 2018, 15:26:07 von Maria
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Re:Maria in Japan - 2018
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Antworten #6 am:
06. März 2018, 14:49:20 »
Tag 6: Erster Schultag, 6. März
Ich wache um kurz vor sieben auf, als Nobutaka zur Arbeit geht und kann nicht mehr einschlafen, trotz wirklich gemütlichem Bett (3 Lagen Decken, alles sehr fluffig). Zum Frühstück gibt es Toast, Butter, Marmelade, Yakult und einen Salat.
Ich versuche, den kürzesten Weg zur U-Bahnstation und dann zur Schule zu finden, ohne an jeder Ecke das Smartphone zu zücken. Daher bin ich gerade noch rechtzeitig, die Schulglocke läutet, als ich mich gerade im Klassenzimmer hingesetzt habe. Die Lehrerin, Frau Ueda, erklärt, bis wo wir diese Woche kommen werden (für mich Wiederholung, aber halt schon Ewigkeiten her). Angela ist typisch chinesisch sehr fleißig und hat den Stoff, den ich in der Uni in 1,5 Jahren hatte, in zwei Monaten gelernt. Ihr Englisch ist sehr gut, sie hat in Boston studiert.
Der Unterricht ist nicht ganz so, wie die Werbung der Schule verspricht: „70% der Stunde sind die Schüler aktiv, der Lehreranteil sind nur 30 %“ - heute ist es anders herum, aber das kann daran liegen, dass heute ein ganzes Grammatikkapitel durchgenommen wird. Weil wir nur zur zweit sind (die normale Kursgröße sind 4-5 Leute), geht es recht schnell. Frau Ueda scheint manchmal etwas überfordert, wenn Fragen kommen, die von ihrem Vorbereitungsblatt abweichen.
Was mich in der Pause aber ehrlich gesagt aufregt, ist die Tatsache, dass es den versprochenen kostenlosen Tee nicht gibt, sondern nur heißes Wasser. Auch auf Nachfrage nicht. Wtf? Ich hatte sogar explizit danach gefragt, weil kostenlose Getränke einer der Punkte waren, die die andere Schule der engeren Auswahl, Genki-JACS, auf jeden Fall angeboten hatte.
Mein allererster Eindruck der Schule ist nicht 100% positiv, aber es war ja bis jetzt nur ein Tag.
Der Unterricht endet um 12:15, danach gehe ich mit Laura bei CocoCurry Mitagessen und danach shoppen, mal wieder ein 100Yen-Laden für Hefte und Radiergummi. Mein Plan, mir ein Oberteil zu kaufen, wird komplizierter. Die Kleidergrößen in den Läden sind auf Mini-Japanerinnen ausgelegt, hier wäre meine Größe eine XXL.
Wir verbringen eine lange Zeit im Secondhandladen Bookoff, erst in der Frauenabteilung, dann bei den Männern. Ich habe zumindest mehr Glück als Laura, deren Oberweite auch sehr unjapanisch ist und finde einen Baumwollpulli.
Sie kauft sich ein Buch, wir trinken in einer Bäckerei ein Ginger Ale (ich bin mal wieder froh über mein Ortsgedächtnis, weil ich mich von der Stadtführung gestern an die unterirdische Geschäftsstraße erinnern konnte) und ich kaufe für das Essen mit der Gastfamilie drei Stücke Kuchen ein, um mich für das Abendessen zu revanchieren.
Außerdem habe ich mich breitschlagen lassen, das japanische Äquivalent von Whatsapp, LINE, zu nutzen, um der Gastmutter Nachrichten schreiben zu können, wie z.B. jetzt, wann ich nach Hause komme.
Der Ehemann ist noch nicht zurück. Er arbeitet spannenderweise in einer Wagashi-Fabrik, die süßes Bohnenmus für die traditionellen Süßigkeiten herstellt. Als er kommt, wird der Tisch-Grill rausgekramt, ich kann wieder nichts machen...
Es gibt Takoyaki (Oktopus-Bällchen), weichen Kartoffelsalat, Misosuppe und Tofu. Ich schaffe es weder, Chiharu noch Nobutaka zu schlagen, mein Bällchen-Count sind 15 Stück, insgesamt ergibt die gesamte Schüssel Teig 70 Bällchen.
Ich mache Handwäsche und folge der Japan-Sitte des „Jeden Abend Duschen oder Baden“. Schlecht für die Haut, aber sonst würde man als „Stinker“ oder „unhygienisch“ gelten.
Dann mache ich eine To-Do und Einkaufsliste für die nächsten Tage und meine Gasteltern erklären mir, wie der Schlüssel funktioniert. Auch sie sind über die Schulregeln erstaunt, wie das 10000Yen-Pfand.
Erkenntnis des Tages: Japanische Männerkleidung ist teils sehr feminin...
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Letzte Änderung: 06. März 2018, 15:01:55 von Maria
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Re:Maria in Japan - 2018
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Antworten #7 am:
07. März 2018, 13:38:33 »
7. März Zweiter Schultag
Kein sonderlich ereignisreicher Tag. Ich kaufe mir ein Monatsticket (Teikiken) und ärgere mich, das nicht schon am ersten Schultag gemacht zu haben, der Antrag dauerte weniger lange als erwartet.
Der Schultag ist heute sehr lang, bis 12:30 zusammen Grammatik mit Angela, danach Einzelunterricht mit einer anderen älteren Lehrerin – was den Vorteil hat, dass ich mir schwerpunktmäßig Problembereiche aussuchen kann.
Die Schule hat die Chance nicht genutzt und keinen kostenlosen Tee hingestellt... Hmm, obwohl der Unterricht das ist, was ich erwartet habe, beginne ich die Entscheidung zu bereuen, vor allem, wenn ich höre, dass Jan-Ole und Laura auch Probleme hatten (falsche Abrechnung, last minute-Änderungen, Versprechen nicht eingehalten, 2 Stunden zu spät abgeholt...)
Ich trage mich trotzdem für alle Schulaktivitäten in dieser Woche ein, hole mir in der kurzen Mittagspause mit den „Jungs“ (aka. den anderen gleichalten Deutschen, haha, wir sind soviel älter als die ganzen Japanerinnen, die Deutsch an der Schule lernen) ein Bento vom einem Straßen-Caterer und nach der Schule gehe ich mit Jan-Ole und Laura zusammen einkaufen (Annas Liste abarbeiten!), wir essen bei Yoshinoya und kaufen Süßigkeiten in einem Konbini.
Am Abend nehmen ich und Laura das kostenlose Kursangebot wahr, heute „Japanische standardisierte Lebensläufe schreiben“. Das lohnt sich, werde ich also weiter belegen.
Die beiden japanischen Praktikantinnen vom ersten Tag, Rena und Seira, sind auch dabei und bitten uns danach noch um ein Interview, weil sie die Lesefähigkeiten von Ausländern erforschen sollen.
Ich begleite Laura um 19:00 zum Bahnhof. Sie hat den kapitalen Fehler begangen, nicht eingelaufene neue Schuhe angezogen zu haben und wir verstecken uns in einer Seitengasse hinter einem Getränkeautomaten, wo sie Blasenpflaster aufträgt.
Bevor ich ins Matsuo-Haus zurückkehre, kaufe ich im Supermarkt ein und bin vom komplett automatisierten Kassenautomaten überfordert, wo man selbst Geld einwerfen muss.
Als Dankeschön-Geschenk heute bringe ich Amaou-Erdbeeren mit (riesig, total süß, haben gerade Saison, sind aber teuer – 4 Stück kosten 4 Euro).
Es ist mir immer etwas peinlich, dass Chiharu alles alleine macht, Erdbeeren waschen, sie hat meine Wäsche abgenommen und säuberlich gefaltet auf mein Bett gelegt.
Zeit, meine Höflichkeits-Sprachfähigkeiten auszuprobieren!
Erkenntnis des Tages: Ich habe zuviel Reis gegessen und jetzt Lust auf Gemüse.
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Letzte Änderung: 19. März 2018, 12:58:18 von Maria
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Re:Maria in Japan - 2018
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Antworten #8 am:
07. März 2018, 15:05:58 »
Oh, cool, Japan ist ja wirklich gut erschlossen, was Google Street View angeht; man kann sogar virtuell in die Berge fahren...
Danke für den Reisebericht, meine nächsten Mittagspausen sind gerettet!
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Re:Maria in Japan - 2018
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Antworten #9 am:
08. März 2018, 13:37:17 »
8. März: Neko-Cafe und verlorenes Ticket
Chiharu hat es heute beim Frühstück übertrieben: Misosuppe, gegrillter Fisch, Salat, Yakult, der Kartoffelsalat aus dem Kühlschrank und ein Reisbällchen – das ich nicht mehr schaffe und stattdessen mitnehme.
Weil es stark regnet, ist heute morgen die U-Bahn viel, viel voller als gestern (wenn man es mit den „überfüllt“-Maßzahlen der Tokyo-Metro sagt, 180 bis 200%, also so eng, dass man aneinder gepresst wird und nur noch aufs Handy schauen kann, wenn man die Hand mit dem Gerät schon beim Einsteigen hoch genommen hatte). So ganz verstehe ich den Zusammenhang zum Regen nicht, gehen die Leute sonst zu Fuß oder fahren Fahrrad?
Ich steche schon wieder nicht nur heraus, weil ich die einzige Westlerin bin, sondern mich auch mit meiner neongrünen Regenjacke als greller Farbfleck in einem Meer von dunklen neutralen Farben des arbeitenden Volkes treiben lasse. Zumindest mein von der Gastmutter geliehene Regenschirm passt sich aber ein, hier geht niemand nur mit Regenkleidung vor die Tür.
Der Schultag ist genauso wie gestern, ich und Angela (Gou-san) wechseln uns beim Bearbeiten der Grammatikaufgaben ab. Ab dem nächsten Tag wird das Mittelstufen-Buch verwendet werden und ich rücke automatisch auf "Level 5" auf. Ich bin nur erstaunt, wie stark ich selbst „steuern“ muss, also meiner Nachmittags-Lehrerin in den Einzelstunden sagen muss, was ich machen will.
Weil es heute gefühlt schweinekalt ist, entscheide ich mich beim Mittagessen für Oden (warmes Gemüse, das stundenlang in Brühe vor sich hinküchelt) und kaufe auch Milch für mein deutsches Müsli.
Der Besuch beim Katzencafe, für den ich mich angemeldet habe, ist auf 16:00 vorverlegt worden. Erster Eindruck: Stinkt nach Katzenpisse und die Möbel sind die Kratzbäume der Katzen.
Japan scheint deutlich weniger Auflagen für solche Tiercafes zu haben als Deutschland, denn die Katzentoiletten stehen mitten im Gastraum und die Katzen laufen auch in der Küche und auf den Tischen herum. Es kostet für eine Stunde, ein Getränk und ein Dessert faire 1500Yen (ca. 11,50€). Viele der Katzen sehen angeschlagen aus, später lese ich, dass die meisten ehemalige Straßenkatzen oder Unfallkatzen sind, die ein besseres Leben bekommen sollen. Das erklärt aber nicht, warum nichts gegen den Katzenschnupfen und die Triefaugen unternommen wird. Das Cafe gibt uns kostenlos Leckerlis, die wir an die ca. 20 Tiere verteilen, uns also ihre Aufmerksamkeit erkaufen. Einige davon sind auch wirklich sehr freundlich, der 2m große Jan-Ole hat irgendwann eine kleine Katze als Katzenschal auf den Schultern, die dort freiwillig hingeklettert ist. Die Praktikantinnen Seira und Rena, die von der Schule „gezwungen“ wurden, den Ausflug zu begleiten, machen fleißig Fotos davon.
Insgesamt interessante Erfahrung, aber nichts, was ich nochmal machen muss, das Katzencafe in Aachen gefiel mir besser.
Zurück in der Schule dann der Schock: Das ausziehbare Halteband meines gestern erst gekauften Monatstickets ist abgerissen, und die Karte samt Hülle ist weg. FUCK! Ich laufe zurück zum Katzencafe in der Hoffnung, dass es beim Rucksack-in-Schließfach-Stopfen abgerissen ist, aber leider nicht.
Ich gehe auch alle Stellen ab, die ich an diesem Tag besucht habe, aber das Ticket ist nirgendwo, nicht im Konbini, nicht im Hotto-Motto-Bentoladen, nicht auf der Straße – FUCK. Gefrustet gebe ich auf und begleite Jan-Ole, der beim Suchen geholfen hat, in den 100Yen-Laden und zum Bookoff - Pikachu-Plushie getto!
Dann fahre ich nach Hause und frage die Gasteltern um Rat. Sie sagen, ich soll morgen zu den Angestellten der U-Bahnstation und zum Kouban (Mini-Polizeiwache) gehen und ansonsten die U-Bahngesellschaft fragen, ob sie es neu austellen können.
Nach etwas mehr Fernsehen, Duschen und Hund kraulen (der von der Größe und Fellweichheit her ein guter Katzenersatz ist) gehe ich ins Bett.
Erkenntnis des Tages: Haltebänder halten nix...
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Letzte Änderung: 19. März 2018, 12:39:54 von Maria
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Re:Maria in Japan - 2018
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Antworten #10 am:
10. März 2018, 09:10:31 »
Freitag 9.3. Nomihoudai
Weil ich vor der Schule alle Hilfe bemühen will, die ich in Japan für „Dinge verloren“ kriegen kann, stehe ich heute um 6:45 auf. Ich muss Guthaben der Nimoca für die Fahrt in die Stadt nutzen,grr, wie unnötig.
Erste Anlaufstelle: Das Service-Center in der Akasaka-Station, wo ich das Ticket zuletzt bewusst gesehen habe. Die beiden älteren Herren dort schreiben sich meinen Namen auf und ich soll in ein paar Tagen nochmal fragen oder anrufen. Ich frage, wo die nächste Polizeiwache für das Viertel Daimyo ist (Kouban). Die soll in der 4-Choume (Viertel 4) sein, nach dem Starbucks links. Leider hat der Mann nicht gesagt, wie wie weit ich gehen muss und als ich auf Google nach „Kouban“ suche, wird die Wache in 2km Entfernung angezeigt, was ich vor dem Unterrichtsbeginn nicht schaffen würde, daher gehe ich Richtung Schule. Ein wenig misstraue ich Google Maps aber doch, denn der Stationsangestellte meinte ja, das wäre in der Nähe und suche stattdessen einfach nach „Keisatsu“ (Polizei). Jupp, es gibt eine Kouban hier in Daimyo.
Ich jogge dahin und werde von den drei Polizisten erstmal auf Englisch mit „Gutto Moonin“ begrüßt, was ich auf Japanisch beantworte und dann mein Anliegen vortrage. Der ca. 20jährige Kouhai (Dienstjüngster) nimmt meine Daten auf und scheitert daran, meinen Namen ohne Kanji in die Datenbank einzutragen. Ich schaue mir währenddessen die „Gesucht“-Poster an und höre einem Telefonat zu, wo der dritte Polizist versucht, einer alten Dame Buslinien und Umsteigemöglichkeiten zu erklären – und schmunzele etwas als der Chefpolizist nach dem Telefonat sagt „Hä, warum ruft die nicht das Busunternehmen an?“.
Leider sind jetzt mit der U-Bahn, dem Kouban und der Schule alle Hilfssysteme ausgenutzt.
Untericht ist wie immer, unterbrochen von einer Pause mit Nigiri und Mitarashi-Dango (letzteres ist definitiv nicht mein Ding, diese Mischung von salzig und klebrig-süß), endet aber schon um 14:30.
Ich habe mich heute für drei Angebote der Schule eingetragen, der kostenlose Kurs heute soll das Thema „Hakata-Dialekt“ haben, fällt aber aus, weil ich die einzige willige Person bin. Mehr Zeit für Einkäufe, vor allem weiter die Liste von Anna abarbeiten. Um 17:00 fällt mir auf, dass das mit dem Einkaufen heute eine dumme Idee war, weil ich den schweren Rucksack jetzt zum Yakitori (Hähnchenspieße) und zum Karaoke mitschleppen muss. Aber zu den Matsuos zurückfahren will ich auch nicht, weil ich dann zweimal den Fahrpreis bezahlen muss. Also sitze ich in der Schullobby und werde von Moto, einer der Japanerinnen, die Deutsch lernt, in Anspruch genommen, um die Aussprache von Ö,Ä,Ü zu üben. Sie mag die deutsche Metalband RAGE und lernt für Reisen zu deutschen Konzerten Deutsch.
Karaoke muss auch ausfallen, weil ich und Alexander B. die einzigen Teilnehmer sind, aber zumindest zum Yakitori geht eine größere Gruppe, ich, Christian, Kenji (Arzt, lernt Deutsch seit zwei Jahren), Alexander und seine japanische Freundin. Die Yakitori-Bar ist direkt um die Ecke, verräuchert und voll mit Gruppen von japanischen Geschäftsleuten. Der Tisch ist zwar für 5 Leute gedacht, aber sehr klein – und jeder am Tisch muss dasselbe Set bestellen. Ich hatte zwar nicht vor, viel zu essen und zu trinken, will aber nicht am Katzentisch mit den Turteltäubchen Alex und Freundin sitzen – daher: Yakitori plus All-you-can-drink (nomihoudai).
Um den stolzen Preis von 3500 Yen (27€) auch auszunutzen, trinke ich mich einmal durch ein Best Of der japanischen Feierabend-Getränke: Erst Bier (Kirin Lager, schmeckt wie Kölsch), dann Highball (Whisky, Fruchtsaft und Wasser), dann der „Cocktail“ Gin-Lemon, dann noch ein Highball, Shochu Spirits (nicht meins), warmer Amazake und zum Abschluss einfach noch Wasser. Needless to say, ich bin sehr schnell sehr betrunken, was meine Japanischfähigkeiten aber nicht schlechter macht. Ich übersetze zwischen Christian und Kenji hin und her (größtenteils dumme Wortwitze).
Um 22:00 geht der insgesamt sehr lustige Abend zu Ende, als wir alles Essen, auch das nachbestellte, verschlungen haben und Kenji fast einschläft. Er verabschiedet sich daher sofort vor der Bar und schlurft zu seinem Bus. Nach einem längeren Gespräch am U-Bahn-Eingang, wo man in Deutschland am besten Japanisch lernen kann, trenne ich mich von Christian, fahre mit der U-Bahn zurück und versuche, ohne zu Torkeln die Treppen hoch und nach Hause zu gehen.
Meine Gasteltern sind amüsiert, als ich ihnen sage, dass ich zuviel getrunken habe, ich dusche mich und falle mit dem Wunsch ins Bett, möglichst sofort einzuschlafen.
Erkenntnis des Tages: Trinken ist lustig, aber in Japan sehr teuer.
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Letzte Änderung: 10. März 2018, 15:38:39 von Maria
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Re:Maria in Japan - 2018
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Antworten #11 am:
11. März 2018, 02:43:09 »
Samstag, 10.3. Rumlaufen
Ich habe keinen Kater, das ist schon mal gut, aber Durst und das Leitungswasser hier ist untrinkbar und schmeckt wie kaltes Schwimmbad. Nach dem Frühstück frage ich, ob ich mit dem Hund Kota Gassi gehen darf. Er bekommt ein Geschirr angezogen, schwierig, weil er so freudig aufgeregt ist. Leider scheint er entweder mir nicht zu vertrauen oder er geht nie nach draußen. Er schnuppert zwar an allen Laternenpfählen, läuft aber nicht neben mir her – und zittert auch die ganze Zeit, keine Ahnung, ob das Angst oder Kälte ist, auf jeden Fall gehe ich nach einer Viertelstunde zurück. Um kurz vor 10 fällt mir siedendheiß ein, dass heute um 10 Uhr der Verkaufsbeginn der Studio-Ghibli-Museum-Tickets für April ist, ich mache mich also zum nächsten Lawson auf. Ich bin wohl nicht die einzige, die gerade versucht, die Tickets zu kaufen, es dauert 5 Minuten bis der Automat nicht mehr „Momentan ist das System überlastet“ anzeigt und ich ein Ticket ergattere.
Auf dem Weg zum Supermarkt (Essen für den Abend) finde ich eine Bäckerei, die (teures) Körnerbrot verkauft. Ich kaufe Gemüse, Frischkäse und von einem Gemüsestand Mikan (Manderinen) ein, die ich im Matsuo-Haus Chiharu anbiete.
Ich habe immer noch keine Ahnung, was Chiharu den ganzen Tag so macht, heute sehe ich nur, dass sie eine Canvas-Abdeckung repariert, die ihr Mann von der Arbeit mitgebracht hat. Sie bietet mir Granola (Haferflocken) mit Milch an, bad idea, die sind absolut überzuckert.
Ich hänge mit ihr zusammen meine Futons und Bettdecken auf, um sie bei dem schönen Wetter heute zu lüften. Dann mache ich meine Hausaufgaben und ziehe mich um, weil ich joggen gehen will. Laufklamotten Japanese style: Man trägt Schichten, also über den langen Leggings eine kurze Hose, über dem langärmligen Sweatshirt oder den Armlingen ein T-Shirt oder eine Laufjacke. Und Handschuhe, warum auch immer. Langärmlig ist mir zu warm. Ich nehme Handy und etwas Kleingeld mit und laufe in Richtung Oohori Kouen (Ohori Park). Meine Orientierung ist richtig, der Park ist wirklich sehr nahe.
Die 2km-Runde um den See hat einen federnden Belag, ist ausgeschildert und mit vorgeschriebener Laufrichtung. Bei dem schönen Wetter sind viele Leute im Park, Familien mit Kindern, Pärchen, Omas mit Komplett-gegen-Sonnenstrahlen-verhüllt-Walking-Outfit, alte Männer, die Falken wie Tauben füttern und auch viele Jogger. Einige davon sind auf einmal sehr viel bemühter, sich nicht von mir überholen zu lassen, aber ich lasse ihnen das Vergnügen, es ist immerhin der erste lange Lauf nach dem Bänderanriss. Insgesamt laufe ich 5 Mal um den See, bevor ich über die Brücke spaziere (schlechte Idee, mir wird kalt) und über den Hii River zurücklaufe. Auf dem Rückweg kaufe ich das Wasser, das ich morgens vergessen hatte. Zuhause dusche ich und wasche meine Sportkleidung aus.
Nobutaka kommt früher von der Arbeit und das Ehepaar fährt danach zu einer Videothek (ja, das gibt es in Japan noch überall, ist aber auch deutlich billiger als früher in Deutschland – was wohl daran liegt, dass die Videothek nicht die offiziellen Ausleih-DVD-Version anbietet, sondern illegalerweise die normale Kauf-DVD). Sie kommen mit einem großen Stapel DVDs zurück, der erste Film, den sie sehen, ist „Die Mumie“ (der mit Tom Cruise), der zweite Film ist „Shinobi no Kuni“, dann gibt es Abendessen, ich esse zum ersten Mal im Leben Natto (nicht so schlimm, wie alle behaupten, ich bin wahrscheinlich durch altes Kimchi einiges an Fermentation gewöhnt) und auch sonst klappt das mit dem „Ich habe mir selbst Essen gekauft, weil ich die Gastfamilie nicht behelligen soll", mal wieder nicht - ich kriege zum Natto Reis, Misosuppe und Noriblätter.
Der dritte Film ist „John Wick 2“, den ich aber gerne für ein Skype-Gespräch mit Tobi eintausche, der vierte ist „Police to Joshikousei“ - schade nur, dass die Lautstärke so krass hoch ist, ob mein Gastvater schwerhörig ist?
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Letzte Änderung: 19. März 2018, 12:44:00 von Maria
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Antworten #12 am:
11. März 2018, 12:26:20 »
Sonntag, 11. März: Jogging-Sightseeing
Ich habe vergessen, zu fragen, ob heute zu einer bestimmten Zeit gefrühstückt wird. Wird zum Glück nicht, ich habe also um 8:30 noch nichts verpasst. Nobutaka hat schon um 8:00 das Haus verlassen und macht einen Ausflug mit dem Motorrad (oder trifft sich mit jemanden, so ganz habe ich das von oben nicht hören können).
Leider ist die Gastfamilie wirklich nicht unternehmungsfreudig, ich hätte gedacht, heute was mit ihnen machen zu können. So esse ich erstmal und sage Chiharu, dass ich heute wieder laufen gehen werden. Sie meint, sie müsse jetzt auch das Haus verlassen, ich solle dann, wenn ich gehe, den Hund in den Zimmerzwinger einschließen und den Schlüssel mitnehmen.
Ich lungere noch bis 12:30 im Wohnzimmer herum, weil ich zuviel gegessen habe, zusammen mit Kota, der zuerst Chiharu hinterher heult und sich dann bei mir auf den Schoß setzt (aha Hund, bin ich damit endlich angenommen worden?). Als ich mich umziehe und Kota einsperre, jault er herzzerreißend – aber Anweisung ist Anweisung.
Erstes Ziel ist der Atago-Schrein auf einem Berg mit Aussicht auf Fukuoka. Ich laufe einfach drauflos, durch Wohnviertel und durch Parkalleen mit spazierenden Rentnern mit Hunden. Mitten im Schreinberg verlaufe ich mich, Sackgasse und muss dann doch Google bemühen – die Karte leitet mich über enge Treppen und Pfade zum Schrein hinauf. Die Aussicht ist wirklich schön, selbst ich als „Meereshasserin“ muss zugeben, dass die Stadt sehr idyllisch liegt, zwischen Bergen und Hügeln, durchzogen von vier Flüssen, die so flach und klar sind, dass man auf den Grund sehen kann, wahrscheinlich Brackwasser, mehreren Kanälen und mit Strand direkt vor der Haustür. Die Luft und Temperatur heute ist auch sehr angenehm, Meeresbrise und sonnig.
Mein nächstes Ziel wähle ich mir von dem Ausblick aus: Der Strand vor dem Fukuoka Tower. Auf dem Weg dorthin meldet sich Chiharu und fragt, wann ich nach Hause komme, ich sage ihr, dass es noch ca. eine Stunde dauert, aber dann gesteht sie mir, dass sie ihren Schlüssel vergessen hat. Also gebe ich den Plan, in einer Strandbar ein Eis zu essen, auf und renne schnell zurück, mit Zwischenstopp beim Supermarkt für mehr Wasser. Kota ist so froh, dass er erst an meinen Beinen herumhüpft und sich dann neben mir auf dem Sofa einkringelt, als ich das von heute morgen übrig gebliebene Nigiri und Kimchi esse.
Chiharu hat heute wohl den Wocheneinkauf gemacht, sie kommt mit vollen Tüten beladen durch den Eingang. Heute gibt es Kimchi Nabe, sehr lecker – wohl auch, weil meine Gasteltern gemerkt haben, dass ich fermentiertes Essen mag. Ich bin schon satt, als zum krönenden Abschluss noch Udon-Nudeln in den Eintopf gekippt werden. Während des Essens läuft diesmal das Taiga-Drama „Segodon“ und danach wird wie jeden Abend eine Comedyshow gesehen. Wie jeden Abend schläft Nobutaka dabei ein und Chiharu arbeitet in der Küche (Abwasch, für den nächsten Tag vorkochen).
Erkenntnis des Tages: Für nächstes Wochenende schon mal eigene Tourziele raussuchen.
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Letzte Änderung: 19. März 2018, 12:57:19 von Maria
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Re:Maria in Japan - 2018
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Antworten #13 am:
12. März 2018, 15:47:09 »
Montag, 12. März: Koinobori
Erster Station heute ist das Servicecenter der U-Bahn. Dort sitzt dieselbe Angestellte, die mir auch das Ticket verkauft hat. Ja, man kann sich die Monatskarte neu ausstellen lassen. Puh, kostet nur nochmal 1100Yen und kann auch erst am nächsten Tag gemacht werden, weil die Karte an diesem Tag gesperrt wird, ich nutze also wieder die Nimoca.
In der Schule versucht Jan-Ole mich zu dem Kuchen-All-You-Can-Eat-Buffet Sweets Paradise am Donnerstag zu überreden, aber ich weiß nicht, ob ich soviel süßes Zeug schaffe – im Gegensatz zu herzhaftem Essen erreiche ich bei Kuchen sehr schnell meine Grenze. Und der Donnerstag ist der Tag, für den ich mich mit Y-san verabredet habe, meiner anvisierten Tandempartnerin. Jan meint, ich soll sie mitnehmen, aber nach Austausch von Line-Nachrichten wird klar, dass sie nicht will und ich sehe es als prior commitment, das Treffen mit ihr wahrzunehmen.
Es ist etwas schade, dass Gou nach dem Unterricht immer so schnell zu ihrem Praktikum muss, ich würde sie gerne über ihre Japan-Erfahrungen ausfragen.
Da die Jungen noch Hausaufgaben machen wollen, gehe ich alleine in die Stadt, mal wieder als Einzige ohne Winterjacke – aber andererseits haben die Fukuoka-Natives ja vielleicht Recht, wenn sie sich genauso schnell erkälten wie M-sensei, dann brauchen sie die Mützen und Handschuhe.
Eigentlich will ich bei Big Camera eine neue Hülle für meinen Laptop finden, aber Fehlschlag. Die einzigen Hüllen in der Größe 15.4 Inch sind für ein MacBook Pro und damit viel zu dünn für mein massives Thinkpad plus Neunzellen-Akku. Also werde ich das rattige alte Neopren-Ding weiter nutzen müssen...
Ich gehe in den Mitsukoshi, eigentlich, um Kendama zu finden, aber dort gibt es jetzt schon Koinobori. Ich werde von einer ultrahöflichen Angestellen an die nächste weiter gereicht. Ich muss zugeben, dass das Kaufhaus-Keigo (Höflichkeitssprache) für mich schwer zu verstehen ist, gnaah.
Ich überrumpele die arme junge Verkäuferin etwas mit meinen Sonderwünschen: Nur die Flaggen ohne Stange und bitte auch mit zusätzlichem Mädchen-Fisch. Als sie nach Anruf beim Lieferanten mit dem Preis ankommt, schlucke ich erstmal, 54000 Yen (411 Euro). Äh ja, das bestelle ich dann doch nicht ohne Rücksprache mit Tobi. Sie sucht mir den Preis eines billigeren Sets raus (ähnlich dem, das an der Wand hängt), aber so leid es mir für sie auch tut, ich habe online qualitativ bessere und günstigere Versionen gesehen. Ich habe ein schlechtes Gewissen, als ich mich verabschiede, aber es war wohl nicht die beste Idee, in einem Nobel-Geschäft mit der Suche anzufangen.
Big Camera und Mitsukoshi hatten keine Kendama (dafür Reiskocher, die ich anschmachte), Kiddy Land im Parco bietet nur Merchandise wie Disney, Rilakkuma und Hello Kitty – unerwarteterweise werde ich in einem Mini-100Yen Laden auf dem Weg zum Bahnhof fündig, zwar hässliches Plastik, aber dafür direkt zwei Stück für 216 Yen.
Der Höhepunkt des Tages ist der Don Quijote in Nishijin. Laut Internet eine sehr kleine Filiale, mich erschlägt sie trotzdem, mit Blink-LED-Ketten, überall Lautsprechern mit Werbung (viel davon auf Chinesisch), engen Gängen zwischen Regalen bis an die Decke und einfach nur voll – in jeder Hinsicht. Ohne es zu beabsichtigen, laufe ich in die Sex-Abteilung (okay, der Vorhang hätte mich warnen können), aber auch davor sind die offen einsehbaren Regale voller Erwachsenenspielzeuge.
Die Waren, die ich mitnehme, sind harmloserer Natur: Ein Hanafuda-Kartenspiel, billiges Wasser in 2-Liter-Flaschen und Nigiri. Obwohl ich neugierig bin: Ob mir das Gakuran-Kostüm stehen würde? Die Männerkostüme haben zumindest meine Größe...
Durch Internetrecherche schlauer halte ich an der Kasse Ausschau nach der „Bitte geben Sie mir keine Plastiktüte“-Karte, aber die gibt es hier wohl nicht. Seufz, eines der Dinge, was mir an Japan missfällt, ist der Verpackungswahn. Alles hier wird drei bis vierfach verpackt, so entsteht jede Menge Plastikmüll!
Es ist kurz vor 6, beide Gasteltern sind zuhause und es gibt sofort Essen. Grandios: Kimchi-Käse-Risotto (gekocht mit den Resten von gestern, njam) plus einem Kasten voller unterschiedlicher Fleisch, Fisch und Salatsorten. Mit dem Komochi Shishamo (Kleine gegrillte Fische mit Bäüchen voller Fischrogen, werden ganz gegessen) kann ich mich nicht anfreunden, das ist mir zu bitter, dafür ist der Rest lecker, cremiger Kürbissalat, Frikadelle, Schweinelende...
Ein wenig schade ist, dass die Gastmutter das dicke Zwiebelbett, auf dem das Protein lag, wegschmeißt, meine innere Stimme ruft, dass man die Zwiebeln super anbraten und mit Reis zu einer weiteren Mahlzeit verarbeiten könnte, aber es wäre extrem unhöflich, sich hier einzumischen. Beim Essen läuft eine Art Werbesendung (Comedians stellen interessante neue Produkte vor), danach die Live-Action-Version von Kuragehime.
Ich schaffe es, mit Momoko Line-Kontakt (Line ist das japanische WhatsApp) zu kriegen, dann schlafe ich nach Hausaufgaben und dem obligatorischen täglichen Wanikani und Bunpro-SRS ein.
Erkenntnis des Tages: Japanische BHs haben alle Polsterung, die genauso dick ist, als ob man sich Socken rein stopfen würde (Shoutout an die Tanzverein-Mädels).
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Letzte Änderung: 19. März 2018, 12:59:15 von Maria
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Re:Maria in Japan - 2018
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Antworten #14 am:
14. März 2018, 15:54:12 »
Dienstag, 13.3. Canal City
Ich muss noch einmal eine Gebühr zahlen, um die Monatskarte neu ausgestellt zu bekommen, aber das Ding hat eh schon 10300Yen gekostet...
Ui, meine Gasteltern haben tatsächlich für heute etwas geplant! Am Abend wollen wir in die Shopping Mall Canal City fahren und Tempura essen – außerdem soll es dort sowohl Spielzeuggeschäfte als auch internationale Ketten wie H&M und Zara geben, die meine Kleidergröße führen.
Aber zuerst wieder Schule und Mittags eine wilde Kombination aus meinem teuren Brot, Frischkäse, Tomaten, Pickles, Yakitori-Spieß und Sesamnudeln vom Konbini.
Ich glaube, Frau M. hat mich angesteckt, mein Hals kratzt den ganzen Morgen trotz Tee und sie hat den Nachmittags-Einzelunterricht mit dem jungen Mittdreißiger Herrn K. getauscht. Er hat als Übungsmaterial einen Originaltext aus einer japanischen Wirtschaftszeitschrift mitgebracht, ich soll alle Linking Words rausschreiben, wir verbringen die Stunde damit, über Bedeutungsunterschiede solcher Satz-Konnektoren zu reden, wobei ich mich total schwer damit tue, auf Japanisch vollkommen kreativ eigene Textsituationen zu erfinden, in denen ein Konnektor passend wäre. Hmm, mein Wort-Instinkt hinkt in dieser Sprache weit hinter Englisch her.
Danach Lesen mit Textverständnis, ich kenne einige der Schriftzeichen nicht, die sind N1-Niveau des JLPT (internationaler Japanisch-Sprachtest). Insgesamt ist mir Frau M. für die Einzelstunden doch lieber, sie versteht zwar weniger Englisch, aber bei ihr übe ich mehr.
Nach der Schule fahre ich zum Zentralbahnhof Hakata, um dort meinen Rail Pass zu bekommen. Die junge Angestellte fragt mich, ob ich Deutsche bin, sie hätte 1,5 Jahre Deutsch gelernt und will wissen, wohin ich fahren will. Kleiner Plausch, bis hinter mir der nächste Kunde auftaucht und ich mich mit „Einen schönen Tag noch“ verabschiede.
Wenn ich schonmal in Hakata bin, kann ich auch den Dachgarten besuchen, er soll außer dem Kinder-Wunderland (aka. Mini-Bummelbahn) einen Schrein haben, der Reisenden Glück bringt. Gewidmet ist er einem Ingenieur aus Trier, der im 19. Jahrhundert für den Bau der Eisenbahn nach Kyuushuu "importiert" worden war.
Die Fahrstühle bis nach ganz oben sind gut versteckt, aber ich bin nicht alleine auf dem Dach, größtenteils junge Japaner mitten in ihrem Date. Die Aussicht vom Atago-Schrein war aber besser, daher bleibe ich nach dem Bet-Ritual (am Eingang Hände waschen, Münze in Opferbox reinschmeißen zweimal Klatschen, zweimal verbeugen, einmal klatschen, am Torii noch einmal verbeugen) auch nicht lange, sondern fahre nach Nishijin zurück.
Nobutaka ist noch nicht von der Arbeit zurück, aber als er kommt, sperren wir den Hund (cue klägliches Jaulen) ein und klettern ins Auto (automatisch öffnende Schiebetür hinter der Fahrertür, obwohl es ein normaler Kombi ist). Auch dieser Wagen ist ein Elektro-Hybrid, genau wie der von Frau Tsuruda – deutlich beliebter als in Deutschland, aber ich erschrecke mich manchmal an Straßenecken, weil sich Hybridautos so „anschleichen“ könne, wenn man Kopfhörer, auch auf ganz leise gestellte, aufhat.
Canal City ist nahe der Innenstadt in Hakata. Wie überall in Japan ist Parken teuer - sogar in Nishijin, wo ich gerade wohne, kostet ein Stellplatz pro Tag schon 4-6€. Im Parkhaus macht das für 3 Stunden dann 6,50€ - und das auch nur, wenn man in der Mall etwas kauft oder isst.
Ich folge den beiden, die sich gut auszukennen scheinen, in den Gebäudekomplex und nehme gerne das Angebot an, bis 18:30 frei rumlaufen zu können. Das gibt mir Zeit, in den Jump Shop zu gehen, in einem weiteren Dagashiya zu stöbern, bei H&M und Zara enttäuscht festzustellen, dass die zwar wirklich Kleidung bis Größe 42 haben, die Qualität von Fast Fashion aber auch in Japan unterirdisch ist und ich mir sowas nicht mehr kaufen werde.
Wenn Muji nur mehr Farben hätte als weiß, beige und hellblau.... Überhaupt ist die Kleidung hier sehr oft sehr „neutral“, wie das Beige der Langmäntel der Frauen (meist Trenchcoats) oder das Schwarz der Uniform-gleichen Anzüge beider Geschlechter.
Ich bleibe in der Muji-Bücherecke hängen, wo es Aufklapp-, Design- und Nähbücher gibt und werde dort von Nobutaka und Chiharu überrascht. Auf dem Weg zum Tempura-Restaurant gibt es die LED-Musik-Wasserfontänen-Show in der Mitte von Canal City – mein einziger Gedanke: Okay, wer auch immer das programmiert hat...
Ich nehme mir das billigste Tempura-Set für 800Yen und es ist definitiv genug, mit Reis, Mentaiko, Misosuppe und Pickles dazu. Von Nobutaka lasse ich mir die Namen der Gemüsesorten auf den Holzschildern vorlesen, bis jetzt kenne ich z.B. Aubergine nicht als Kanji.
Memo to self: Satsuma-imo (Süßkartoffel)-Tempura könnte Shiso-Tempura von Platz 1 meines Rankings vertreiben.
Auf dem Rückweg lerne ich mehrere Dinge: Erstens, dass die beiden wohl eine Liebe für Filme verbindet (Chiharu nimmt sich alle Prospekte des Kinos mit), zweitens, dass sie gerne singt (im Auto, als alte japanische Popsongs im Radio kommen) und drittens, dass es Friseure gibt, die einen Haarschnitt für 1000Yen anbieten – lässt meinen Entschluss schwanken, zu dem Edelfriseur zu gehen.
Den gesamten Rest-Abend und fast bis Mitternacht verbringe ich dann damit, mich durch die japanische Ebay-Version, aka. Rakuten, zu kämpfen. Ich eröffne ein Konto und bestelle die Karpfenflaggen für Tobis Patenkind und ein Iroha Karuta.
Erkenntnis des Tages: Meine Gastfamilie ist zu spendabel, ich habe einen Starbucks-Becher geschenkt bekommen – die lokale Fukuoka-Version.
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Letzte Änderung: 19. März 2018, 12:49:09 von Maria
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