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Outtime Foren => Off Topic & Fun Board => Thema gestartet von: Maria am 03. März 2018, 13:20:20



Titel: Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 03. März 2018, 13:20:20
[Ich nutze Condra-Webspace für die Fotos, weil alle Uni-Cloud-Lösungen mir ab Ende März nicht mehr zur Verfügung stehen. Falls das nicht geht, sag bitte Bescheid, Dennis]

Wie die meisten von euch wissen, bin ich im März und April 2018 in Japan und habe versprochen, darüber zu berichten. Keine Ahnung, ob ich immer Zeit habe, ausführlich Tagebuch zu führen, aber ich werde es versuchen.

Ach ja, ich bin nicht gut darin, interessante Text zu schreiben, also wird das hier wohl eher ein TLDR...


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 03. März 2018, 13:20:47
Vorbereitung

Die Vorbereitung auf Japan war ein guter Vorwand, in den Weihnachtsferien hart zu prokrastinieren und weder die Klassenarbeiten zu korrigieren, noch für das Abschlusskolloquium zu lernen.
Jeden Tag Expedia, Skyscanner, Kayak und Momondo checken, wie sich die Flugpreise entwickeln, Test-Emails an jap. Sprachschulen schicken und sich eine Reiseroute überlegen. Als Sprachschule wollte ich eine Schule außerhalb der typischen Orte wie Tokyo, Osaka oder Kyoto – billiger und mehr „Alltagsjapan“.
Die ersten Schule flogen raus, weil sie die Anfrage-Emails gar nicht erst beantworteten (!), weitere Schulen, weil sie entweder zu teuer oder nicht bereit waren, alle meine Fragen zu beantworten (schlechtes Zeichen bei Dienstleistern, die von Kundenzufriedenheit und Weiterempfehlung leben).
Übrig blieben eine Schule in Sapporo und zwei in Fukuoka. Den Ausschlag gab dann die Tatsache, dass Alf an der einen Schule in Fukuoka gewesen war und ich für die Erwähnung seines Namens einen Rabatt bekam. Also: Asahi Nihongo Language School, mit Homestay.

Tag 1: Anreise, 1. März

Es ist 3:45 und ich bin mir sicher, dass wir viel zu früh am Flughafen sein werden... Aber so bleibt noch genug Zeit, um im engen Hotelzimmer Brote zu schmieren (ja, Tobi, voll deutsch!) und kurz die Emails für Flugänderungen zu checken. Meine Mutter wird nicht müde, mich davon überzeugen zu wollen, dass ich zu wenig anhabe und mir „den Arsch abfrieren werde“. Ich bin da trotz Minusgraden draußen anderer Meinung, T-Shirt, Pullover, Regenjacke und Schal sind für die paar Minütchen „Bus-Hoppsen“ ausreichend und Fukuoka wird 15°C haben. Ihr zuliebe ziehe ich bis zur Verabschiedung ihren Cardigan an...

Der kostenlose Shuttlebus vom Ibis Budget zum Flughafen Brüssel ist um diese Uhrzeit sehr leer. Ich habe heute wohl meinen hilfreichen Tag, denn ich sichere sowohl einem panischen Flugreisenden, als der Bus an seinem Hotel schon abfahren will, seinen Platz, indem ich den Fahrer stoppe und erkläre später zwei verloren aussehenden Frauen, wie sie zu ihrem Finnair-Schalter kommen.

Bei der Gepäckabgabe die unliebsame Neuigkeit, dass ich mein Gepäck in Tokyo Haneda wahrscheinlich claimen, durch den Zoll bringen und dann wieder aufgeben muss, obwohl Fukuoka das Endziel ist. Na toll, das wird mit nur 1,5 Stunden Stopover ein Gerenne.

Beim Zoll habe ich einen kurzen Aussetzer als der Mann mich nach meinem nächsten Stop fragt und ich „Haneda“ statt „Heathrow“ sage (damn you, Gehirn, das sich gerade überlegt, wie lange der baggage claim in Tokyo dauert).

Kostenloses WLAN ist übrigens die beste Erfindung ever, diesen Preis verdienen die Duty-Free-Zonen nicht – meine erste Reiseübelkeit habe ich beim Durchschreiten der strategisch plazierten und nicht auf dem Weg zu den Terminals vermeidbaren Parfümläden. Yuck!

Es ist 6:20 und mein Flug hebt erst um 7:45 ab... Cue waiting time und people watching. Außer mir scheint dieser super-frühe Flug vor allem von Business-Leute genutzt zu werden. Mal schauen, ob meine Mutter Recht hat und der asiatisch aussehende Mann, der direkt vor mir eingecheckt hat, tatsächlich nach Japan fliegt.

Langsam wird es draußen hell und aus den Fenstern sieht man das Treiben auf dem Rollfeld.

Der Abflug verzögert sich wegen der Wetterlage um 20 Minuten, trotzdem landen wir fast zeitgenau mit hartem Aufsatz in Heathrow, wo es schneit – horizontal... Der Pilot ist bei seiner Abschiedsdurchsage sichtlich stolz darauf, pünktlich zu sein.

Youtube sei Dank finde ich meinen Weg vom Terminal 5 zu Terminal 3 sehr einfach, dort suche ich den ersten British Airways-Schalter auf, um zu erfahren, ob das mit dem Gepäck in Tokyo stimmt und die Boardkarte für den letzten Teilflug nach Fukuoka zu kriegen. Und ja, Inge hatte Recht, der Mann von eben checkt nach Tokyo ein...

Im Wartebereich von Japan Airlines sind sehr viele gutgelaunte Asiaten, die aussehen, als ob sie gerade nach eine Kurzurlaub in Europa zurückfliegen – ich fühle mich also noch nicht underdressed.

Wegen der eisigen Kälte werden die Tragflächen des Flugzeugs mehrfach enteist, daher ist auch dieser Flug leicht verspätet. Ziemlich lustig, das Enteisungsspray ist einmal orange und einmal grün, was das weiße Flugzeug auf einmal bunt macht.

Beim Boarding – hatte ganz vergessen, WIE höflich Japaner sind, sowohl die Flugbegleiter als auch der Fahrer des Gangways verbeugen sich vor jedem vorbeigehenden Passagier – Dauerbücken. Mein Sitzplatz (den ich mir wegen Cheapo-Economy Class nicht aussuchen konnte) ist in der Mitte. Neben mir sitzt links ein spanischer Student und rechts ein Japaner im selben Alter wie ich. Vor mir und seitlich Familien mit Kleinkindern. Diese werden sich allerdings trotz Weinen zwischendurch als weniger nervig herausstellen als der japanische Idiot neben mir. Seine Arme und Beine ragen über die Armstützen heraus, während er auf seinem Laptop tippt. Die Beine kriege ich passiv-aggressiv durch Schuhe-unter-Vordersitz-Schieben weg, aber seine Ellbogen pieken mich jedes Mal aus dem Schlaf wach, wenn er sich bewegt. Irgendwann gebe ich meine Höflichkeit auf, tsk-tske ihn mehrfach, um dann anschließend lauter „mukatsuku“ (annoying) zu murmeln und dann die nächste Steigerungsform, „chou-meiwaku“ (you're super-annoying) zu nehmen. Endlich scheint er es zu kapieren...  Soviel zur japanischen Rücksichtnahme!

Richtig schlafen wie es mein Plan war wird spätestens dann unmöglich, als im Flugzeug 5 Stunden vor der Landung wieder das normale Licht angeschaltet wird. Wtf? In Japan ist es zu dieser Zeit immer noch nachts, daher verstehe ich es nicht. Das Licht wurde um 22 Uhr Tokioter Ortszeit ausgeschaltet, wenn diese Maßnahme die Passagiere vor Jetlag bewahren soll, warum folgt das Anschalten dann nicht ebenfalls diesem Zeitplan?

Während den 13 Stunden Flug schaffe ich folgende Filme: „Wonder Woman“, „Mord im Orientexpress“ und – klassisch Maria, die sich durch alle angebotenen Titel gewühlt hat – die Dokumentation „The Wonderful Life of Kittens“, was wunderbar von Turbulenzen ablenkt. Vom Honest Trailer für „Justice League“ abgeschreckt, versuche ich außerdem Kingsmen 2 zu sehen, der ist aber zu sehr cartoonish und zu albern geraten, und Wukong, den gibt es aber leider nur auf Chinesisch mit jap. Untertiteln (buh!).

Pluspunkte sammelt die Airline beim Essen: Das Abendessen ist entweder europäisch (Pasta) oder japanisch. Ich nehme das Rindfleischcurry, lecker – aber irgendwie muss jemand beim Würzen der Misosuppe für den Verlust von Geschmacksintensivität beim Fliegen überkompensiert haben, das Zeug ist super-salzig. Das Frühstück ist europäisch, mit Croissant, Früchten, Joghurt und einem Pilz-Käse-Schinken-Omelett, dazwischen gibt es als Snacks einmal Senbei (Rice cracker) und einmal einen riesigen Schoko-Muffin sowie ständig Getränke – soviel zum Thema Abnehmen...


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 03. März 2018, 13:21:40
Tag 2: Ankunft und Dazaifu, 2. März

Ankunft in Tokyo Haneda um 7:20, ich haste durch eine Phalanx von weiteren verbeugten JAL-Mitarbeitern. Erster Müdigkeitsschub in der langen Schlange vor den Einwanderungsschaltern, vor allem aber ist es mir in Haneda SOWAS von zu warm. Nachdem ich meine Koffer habe (lucky, die kommen am Band fast am Anfang) futtere ich noch schnell alle Früchte (1 Apfel, 2 Mandarinen und Weintrauben), da ich diese sonst durch die Pflanzen-Quarantäne genehmigen lassen müsste – sieht bestimmt lustig aus, wie ich da auf meinem Kofferhaufen sitze und so schnell wie möglich mein deutsches Obst esse – hätte weniger Früchte mitnehmen sollen, aber das ist mir erst beim Ausfüllen des Zollformulars aufgefallen.

Da ich keine Ahnung habe, wohin ich nach dem Zollschalter muss (die in London geholte Bordkarte ist genauso unhilfreich wie der ausgedruckte Flugplan) suche ich einen JAL-Schalter und lasse mein Gepäck dort. Die Frau dort ist super hilfreich und dazu auch noch humorvoll. Sie lacht: „Hot day today, isn't it?“ trotz Außentemperaturen unter 10°, aber mit einer Maria vor sich, die sich gerade mit dem Pass Luft zufächelt. Naja, im Inneren von Haneda ist es eher 25°, ich habe keine Ahnung, wie alle hier mit Winterjacke und Mütze sitzen können.

Das erste, was ich nach Ankunft am Abfluggate mache, ist also die nächste Toilette aufzusuchen und den Pullover auszuziehen.  Mit dem grün-grauen T-Shirt steche ich aus den nach Fukuoka fliegenden Japanern heraus, einer Menge von Leuten in schwarzen Anzügen, ich bin die einzige Europäerin.  Meine Sitznachbarn diesmal sind zum Glück Vorzeige-Japaner und lassen mich in Ruhe schlafen.

Der Vibe von Takamatsu ist bereits am Flughafen und am Bahnhof komplett anders als das poshe Tokyo, zu meiner Erleichterung gibt es hier auch nicht so dürre Menschen und casual angezogene. Eine Japanerin in der U-Bahn läuft mir hinterher, als mein Wecker beim Aufstehen unbemerkt aus meiner Hosentasche rutscht – Karma für gute Reise-Taten...

Auf dem Weg zur Schule bin froh über meine Google Streetview-Vorplanung, denn Navigation aus einer U-Bahnstation heraus und ohne Beschilderung ist nicht so einfach – und mit zwei Koffern plus Rucksack plus Laptoptasche auch nicht lustig.

(https://condra.de/jdownloads/Versteckt/Japan1Koffer.jpg)

Endlich bei Asahi Nihongo angekommen, merke ich beim Hinsetzen und Kofferumpacken zum ersten Mal den Jetlag als leichtes Schwanken im Kopf. Ohne Vorwarnung drückt mir die Mitarbeiterin der Schule den Telefonhörer ans Ohr, es ist meine erste Gastmutter. Das Gespräch wird etwas konfus, weil ich ihr keinen genauen Zeitplan geben kann, ich muss erstmal Geld jagen, mir die Prepaid-Bahnkarte holen – und mein Smartphone mit der zur Schule geschickten japanischen Simkarte einrichten.

Zwei Dinge klappen nicht so ganz. Ersten brauche ich drei Anläufe, bis der Automat im 7/11-Convenience Store Geld ausspuckt (ich wurde langsam panisch, dass die Santander Visa nicht funktioniert, aber der Automat hat für Magnetkarten wohl ein 30.000Yen-Limit). Zweitens kann ich die Simkarte von Mobal zwar online aktivieren, aber das Freischalten dauert laut der Webseite „bis zu zwei Arbeitstagen“. Mist. Daher schlage ich das Angebot der Gastmutter aus, dass sie mich schon in Futsukaichi, dem Umsteigebahnhof, aufsammeln will, weil ich nicht weiß, wie lange ich bis dahin brauche und sie en route nicht kontaktieren kann.

In einem Einkaufszentrum nahe dem Tenjin-Bahnhof kaufe ich die Frettchen-Prepaid-Zugkarte (@ Valhalla: Leider doch kein Erdmännchen) „Nimoca“ und suche die Zugverbindung raus. Dank eines älteren Japaners, der mir sagt, dass der Schnellzug und der Bummelzug dieselbe Preisklasse haben, erreiche ich mein Ziel, Gojou, schneller als erwartet und auch hier weiß ich dank Google Streetview genau, welche Hintergassen ich nehmen muss.

Meine erste Gastmutter, Frau Tsuruda, begrüßt mich. Das Haus ist für japanische Verhältnisse krass leer und aufgeräumt und man bemerkt sowohl die Anwesenheit von Kleinkindern (sie hat drei Enkel, deren Spielzeug sich in jedem Zimmer findet), ihre Erfahrung mit ausländischen Gästen (zwei leere Schlafzimmer, jede Menge deutsche Süßigkeiten, die sie wohl von vorigen Gästen geschenkt bekommen hat) als auch die Abwesenheit eines Ehemanns, von dem jede Spur fehlt, sogar Bilder. Aber ich werde definitiv nicht nachfragen!

Meine Lambertz-Dose gesellt sich zu den anderen Süßigkeiten dazu und meine noch nicht geleerte Brotdose wandert in den Kühlschrank. Der erste Programmpunkt meiner Japanreise wird eine Auto-Rundtour durch Dazaifu. Die Zwischenstopps sind ein Shinto-Schrein auf einem Berg (nicht so spannend), ein Schulausflug-Park auf einer Bergspitze (der nur über eine 8km-Serpentinenstraße zu erreichen ist und sich toll als Ausgangspunkt für Trailrunning eignen würde mit seinem Toilettenhaus), ein sehr weitläufiger Park, der sich dort erstreckt, wo im frühen Mittelalter der namensgebende Dazai-fu, Verwaltungssitz für ganz Kyushu, war (hübsch, mit picknickenden Leuten, probenden Saxophonisten und Familien mit Kindern) und zwei weiteren Sehenswürdigkeiten in der Nähe, Kanzeon-ji und Kaidan-in, ein Kloster.

(https://condra.de/jdownloads/Versteckt/Japan2Ausblick.jpg)
(https://condra.de/jdownloads/Versteckt/Japan3Tsuruda.jpg)

In Bewegung zu bleiben hilft mir, den Jetlag zu ignorieren, daher frage ich Frau Tsuruda nach der Rückkehr zu ihrem Haus, wo der nächste Supermarkt oder 100Yen-Laden ist, weil ich eine Hülle für die Nimoca und eine Geldbörse für das Kleingeld kaufen will.  Ich laufe an gassigehenden Nachbarsfrauen vorbei und nicke freundlich, da ich keine Ahnung habe, ob Gojou noch klein genug ist, um jeden Menschen auf der Straße zu grüßen. Im 100Yen-Laden kriege ich zwar keine „Gajin“-Ausrufe, aber immerhin starrt mich ein kleines Mädchen an.

Das Abendessen ist eine leckere Gemüsesuppe mit Ei-Stich – ich nehme sie an, obwohl die Schulregeln sagen, dass ich jedes Essen bei den Gastfamilien vorher bestellen und bezahlen soll. Mit einer Runde Fernsehen, Duschen, Handwäsche und der Einrichtung meines Smartphones, dessen Sim jetzt funktioniert, halte ich bis 22 Uhr durch und falle dann ins Bett - nachdem ich der Gastmutter hundert Mal versichert habe, dass ich weder mehr Decken noch eine zusätzliche Heizung im Zimmer brauche. In der Dusche hätte ich mich bestimmt auch verbrüht, wenn das hilfreiche Touchpanel nicht die krasse Wassertemperatur von 43° angezeigt hätte...

Erkenntnis des Tages: Japaner sind absolute Frostbeulen – und es sieht so aus, als ob 80% aller Menschen entweder erkältet oder Allergiker sind – soviele Menschen tragen Mundschutz auf der Straße.
Erkenntnis des Tages zwei: Google Streetview ist für Japan echt gut, weil es hier weder Schilder mit Straßennamen noch Hausnummern gibt.


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 03. März 2018, 14:03:40
Tag 3: Dazaifu-Tenmangu, 3. März
Der Samstag beginnt um 8:00 mit dem Handywecker. Frau Tsuruda lässt mich nicht helfen – aber zum Glück ist mein Frühstück recht einfach – Banane mit Joghurt, Schwarztee mit Milch und meine zu vernichtenden mitgebrachten Reise-Schwarz-Butterbrote.

Leider hat Frau Tsuruda Fieber und ich Gewissensbisse, da sie mich gestern herumkutschiert hat und ich es absolut für möglich hielte, dass sie wegen mir die Klimaanlage nicht auf 30° oder so gestellt hat. Sie wird heute nicht mitkommen. Sie hatte am Vortag bereits gesagt, dass ihre Freundin, Frau Inoue, uns herumführen wird, daher wird die Freundin angerufen und gebeten, sich um mich zu kümmern.

Auf dem Weg zum Arzt lässt Frau Tsuruda mich um 9:50 direkt am Tempelviertel heraus. Der Dazaifu-Tenmangu-Tempel ist sehr beliebt, daher bahne ich mir auf dem Sando (Weg zum Haupttor) den Weg durch Menschenmassen. Vor der ersten Bronzekuh ist sogar eine Schlange, damit jeder die Möglichkeit für ein „Heilige-Kuh“-Foto hat. Da ich mir nicht mehr hundertprozentig sicher bin, ob Frau Tsuruda „Juuji“ (10 Uhr) oder „Juichiji“ (11 Uhr) gesagt hatte, gehe (bzw. nehme die ultramodernen Rolltreppen) ich direkt den Berg hoch zum Nationalmuseum, aber Frau Inoue ist nicht am Treffpunkt, also habe ich noch Zeit. Zuerst entscheide ich mich für einen Abstecher in einen Bambuswald (komplett einsam), aber wie überall in Japan mit vielen Warnhinweisen (jeder Aufzug hier sagt dir, dass du vorsichtig sein sollst, weil die Türe schließt...) versehen.

(https://condra.de/jdownloads/Versteckt/Japan4Chuui.jpg)

Ich mache ein Foto mit einer versteckter liegenden und nicht in Beschlag genommenen Kuh.

(https://condra.de/jdownloads/Versteckt/Japan7Kuh.jpg)

Was einen netten Plausch mit einem niedlichen alten Ehepaar aus Fukuoka hervorruft, die es interessant finden, dass ich nicht mich selbst, sondern das Schlüsselanhänger-Maskottchen auf der Kuh ablichte. Die sehr lachfaltige Frau kichert über ihren eigenen Witz: „ushidoshi“ - ein Wortspiel, der Ausdruck „toshidoshi“ heißt „gleichalt“, also Japaner, die gleichalt sind, und deswegen untereinander keine Höflichkeitsformen benutzen müssen, „ushidoshi“ aber bedeutet „Kuh-gleich“, Selbstironie, die Frau und ihr Ehemann sind beide im Jahr der Kuh geboren und besuchen deshalb häufig den Dazaifu-Tenmangu mit den vielen Kuh-Statuen. Der Legende nach soll Sugawara no Michizane auf einer Kuh geritten sein.  Ich verabschiede mich gut gelaunt und bewundere die wirklich sehr gut riechenden Pflaumenblüten (die in wärmeren Jahren im März schon verblüht wären) und mache eine Runde um den Tempelbezirk. Jede Menge chinesische und koreanische Touristen, die von Tourguides mit Fähnchen in Gruppen herum geführt werden, aber außer mir keine Weißen.

(https://condra.de/jdownloads/Versteckt/Japan5Ume.jpg)

Um kurz vor 11 ruft mich Frau Inoue fürsorglich an, um dann verwundert zu sein, dass ich bereits fast vor ihr stehe. Sie erklärt mir die Bauweise des 2005 erbauten Nationalmuseums – und ich muss ein wenig schmunzeln, als ihr Enthusiasmus dafür sorgt, dass sie die bilingualen „Please do not touch“-Schilder ignoriert, der Glaskasten mit dem Modell danach ihre Fingerabdrücke hat und sie von der daneben sitzenden Mitarbeiterin böse angeschaut wird. Aber Frau Inoue ist „Volunteer guide“, das heißt, sie arbeitet ehrenamtlich für das Museum – die Mitarbeiterin wird also später stillschweigend den Glaskasten reinigen.

Nach den Erklärungen weiß Frau Inoue nicht ganz, was sie mir noch zeigen soll, daher ergreife ich die Initiative und frage nach den momentanen Ausstellungen. Frau Inoue empfiehlt die Dauerausstellung zur Geschichte Kyushus – worauf ich auch deutlich mehr Lust habe als die (auch noch teurere) Ausstellung von Schriftrollen auf Alt-Japanisch. Auf der vierten Etage drängt mich Frau Inoue zur Inanspruchnahme eines weiteren dort sitzenden Volunteer Guides. Zuerst lehne ich ab, weil der Mann dort eine andere Aufgabe zu haben scheint und hole mir einen englischen Audio-Guide, aber dann laufen uns zwei weitere Volunteer Guides über den Weg. Einer davon ist Geschichtslehrer und wird mich die nächste Stunde lang durch die Räume führen. Leider scheint er meine Japanisch-Fähigkeiten hart zu überschätzen, er spricht sehr schnell und mit Fachbegriffen. Ich bin froh über die Geschichtsseminare der Bonner Japanologie, zumindest die Namen der Geschichtsperioden verstehe ich, den Rest durch Raten und Lesen der (extrem verkürzenden) englischen Beschriftungen der Exponate.

Trotzdem sehr interessant, Kyushu ist historisch der „internationalste“ Teil Japans, wegen der Nähe zu China und als Landepunkt sowohl aller Invasionen als auch Handelswege wie der Seidenstraße.

Ich bedanke mich bei dem Geschichtslehrer, nachdem er mich auf der untersten Etage noch zu einem Mitmach-Raum geführt hat, in dem man Kleidung der Jomon-Periode anziehen kann, enttäuschenderweise billig gemachte Karnevalskostüme – und irgendwie sind hier nur kleine Kinder, daher verzichte ich höflich und gehe lieber in das Asia-Experience-Räumchen (Raum mit Gegenständen aus verschiedenen asiatischen Ländern zum Anfassen, leider auch eher für Kinder) und versuche mich darin, unterschiedliche asiatische Musikinstrumente zum Klingen zu bringen.

Frau Inoue hat die ganze Zeit am Volunteer Counter gewartet. Sie fragt mich, ob ich bereits Hunger habe (ja, es ist 12:30) und ob ich japanisches Essen mag (öh, ja? Sonst würde ich in Japan nicht überleben können...). Sie empfiehlt ein Soba-Restaurant auf der Sando, ich biege aber vorher ab, weil ich einen Punkt auf der Japan-Bucket-List streichen und am Dazaifu-Tenmangu ein Ema (Votivbild) für erfolgreiches Bestehen der zweiten Staatsprüfung aufhängen will. Auf das Beten vor dem Suguwaru no Michizane gewidmeten Hauptschrein verzichte ich aber. 200m Schlange stehen ist sehr... japanisch – wie auch die Schlangen vor den Mochi (Reisküchlein)-Läden zeigen.
Ich fühle mich leicht an das mit „Gastfreundschaft-überhäuft-Werden“ in Frankreich erinnert, als Frau Inoue hinter meinem Rücken einen Talisman  für „Sicheres Autofahren“ für mich kauft – verdammt, ich hätte es wissen müssen, als die aus dem Blauen kommende Frage kam, ob ich einen Führerschein habe. Aber Ablehnen ist nicht, fait accompli...

Das Soba-Restaurant ist komplett voll, daher nehmen wir auf Stühlen im Eingangsbereich Platz. Und es wird noch voller, bis der Eingang auch mit stehenden Menschen voll ist. Als eine mittelalte Frau mit einer Oma hineinkommt, stehe ich auf, um die Seniorin sitzen zu lassen – und setze eine Fauxpas-Kettenreaktion in Gang. Die alte Dame verzichtet dankend, sie sei noch topfit. Jetzt steht Frau Inoue auf, um ihr den Platz anzubieten, daneben stehen noch zwei weitere Japaner stillschweigen auf. Die Seniorin beteuert, den Platz nicht zu brauchen, aber jetzt hat die Szene so viel Aufmerksamkeit und dauert schon so lange, dass sie sich dann doch setzt. Natürlich sind jetzt mehr Plätze frei... Und mindestens 8 Leute stehen dumm im Gang, including me. Wobei ich die tolle Ausrede habe, mich nicht setzen zu wollen, weil dann der Jetlag zuschlägt – das ist übrigens gar nicht mal so gelogen, ich merke die Müdigkeit nur, wenn mein Körper runter fährt. Ende des Lieds: Eine wartende Familie wird an den Tisch geführt, alle Stehenden können sich setzen.

Frau Inoue bestellt ihr Standardmenü, kalte Soba (dünne Buchweizennudeln) und Tempura, ich die heiße Suppen-Version des ganzen. Als Dessert die berühmten Mochi, für die es die langen Schlangen gab. Sehr lecker alles, auch wenn ich die Tradition, das heiße Nudelwasser zu trinken, nicht ganz nachvollziehen kann, es schmeckt halt... wie Nudelwasser.  Während des Essens führen wir ein angeregtes Gespräch, teils auf Englisch, teils auf Japanisch. Sie will Englisch üben – sie war wohl laut Frau Tsuruda Englischlehrerin in einer Mittelschule, aber wie fast alle japanischen Englischlehrer ist ihre Konversationsfähigkeit nicht besser als die deutscher Achtklässler – ein Grund, warum sie ihren Beruf vor mir verschweigt. Frau Inoues Tochter hat einen Schweizer geheiratet, daher ist Frau Inoue auch "international", schon mehrfach in Europa gewesen und will wieder dort hin, auch nach Deutschland, auf Weihnachtsmärkte. Ich lade sie ein und meine das auch komplett ernst, vor allem, da sie mir das Essen bezahlt hat und sich weigert, Geld anzunehmen...

Wir trennen uns auf dem Weg zurück in den Tempel, sie will ihr Auto holen, ich will noch etwas rumlaufen.

(https://condra.de/jdownloads/Versteckt/Japan6Dazaifu.jpg)

Nach etwas Cat-Stalking (ich beobachte eine junge japanische Crazy-Cat-Lady dabei, wie sie abseits des Trubels im Wald hinter einem Café heimlich die wilden Tempelkatzen füttert) fängt es an zu regnen und ich muss noch die 20 Minuten zu Fuß zurück.

Plötzlich sind die Straßen fast komplett leer, da sich alle Besucher unter Vordächer und in die Geschäfte verziehen, ich mit meiner Regenjacke lächle etwas über das wetterscheue Verhalten. Japaner mögen irgendwie keine Regenjacken, Schirme sind die Weapon of Choice. Ich falle auf jeden Fall auf mit meiner neongrünen Jacke, den Kopfhörern, dem Teebecher – und weil ich die einzige bin, die zu Fuß durch den Regen geht.

Auf dem Rückweg wundere ich mich über etwas, das wie eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme aussieht: An jedem Fußgängerüberweg sitzt ein meist älterer Mensch in Uniform, der darauf aufpasst, dass bei grüner Fußgängerampel kein Auto einen der die Straße überquerenden Fußgänger überfährt. Ob in Japan so viele rote Ampel missachtet werden?

Im 7/11 hole ich Geld und danach im Supermarkt Essen, weil ich immer noch nicht sicher bin, ob ich bei Frau Tsuruda weiterhin kostenlos Abendessen bekomme (das ist gegen die Schulregeln).
Da ich von ihr den Schlüssel auch ohne Schlüsselpfand bekommen habe (auch gegen die Schulregeln) schleiche ich mich ins Haus, sie ist im Bett und schreibe an diesem Tagebuch weiter. Sie steht um 18:00 auf und ist verwundert, dass ich schon da bin – okay, ich habe kein Licht angemacht, weil die Bildschirmhelligkeit ausreicht.

Es gibt Essen, was mich jetzt zur Überlegung zwingt, wie ich mich erkenntlich zeigen kann. Es gibt eine Art Gulasch, einen Salat, natürlich Reis und ich habe mir Tsukemono (eingelegtes Gemüse) gekauft. Lecker! Wie schon beim letzten Mal in Japan gemerkt, wird beim Essen oft der Fernseher angemacht, diesmal läuft eine Essensshow und danach eine Tier-Sendung.  Frau Tsuruda bietet mir nach dem Essen Bier an, ich darf diesmal abspülen (yay!), alle anderen Angebote wie Einkaufen gehen oder morgens Frühstück machen, schlägt sie aus. Ich esse ihren Salat auf, als sie den Rest wegschmeißen will (mottainai!) und sie geht danach ins Bett – sie sieht nicht gut aus, mir wäre es lieber, dass sie nicht auf Teufel komm heraus versucht, am nächsten Tag etwas mit mir zu unternehmen.

Erkenntnis des Tages: Biete alten Damen in Japan nicht deinen Platz an.
Erkenntnis des Tages zwei: Die Japaner haben Punzieren und Cuir Bouilli im 18. Jahrhundert von den Europäern übernommen.


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 04. März 2018, 15:57:28
Tag 4: Yanagawa, 4. März
Ich versuche heute etwas früher aufzustehen, schaffe es auch, vor Frau Tsuruda unten in der Küche zu sein, aber ich darf trotzdem nicht beim Frühstück helfen – nur den Tisch decken und abspülen. Fast kapituliere ich vor den vier Scheiben Toast mit Salat und Gemüseauflage plus der Bananen-Joghurt-Kombination.

Nach einer weiteren Runde Fernsehen und Aufsammeln meiner Handwäsche, die Frau Tsuruda peinlicherweise für mich von der Terasse, wo ich sie aufgehangen hatte, reingeholt hat, fahren wir zuerst nochmal zum Dazaifu-Tenmangu, weil ich durch Internetrecherche herausgefunden habe, dass dort ein nur einmal im Jahr stattfindendes Event sein wird, das „Kyokusui no En“, ein Brauch aus der Heian-Zeit. Als Hofdamen und Gelehrte verkleidete moderne Dichter/innen und auch Studentinnen, die bei Lyrik-Wettbewerben gewonnen haben, sitzen in einem japanischen Garten an einem extra dafür angelegten Bächlein. Kinder in Heianzeit-Pagenkostümen lassen bachaufwärts kleine Boote zu Wasser, auf denen Sake-Becher stehen. Bis der Sake-Becher bei den Dichtern ankommt, dürfen diese versuchen, Gedichte (meist Haiku-ähnlich) zu verfassen, dann nehmen sie den Becher, trinken und rezitieren die gerade geschriebenen Zeilen, als Wettbewerb untereinander. Als Zuschauer muss man Sitze reservieren, aber ich pflichte Frau Tsuruda bei, als sie meint, dass das Zuschauen evtl. zu langweilig wird (das Sake-Picknick dauert zwei Stunden). Für die Parade, die ich aber unbedingt sehen will, sind wir eine Stunde zu früh dran, daher umrunden wir die Menschenmassen auf kleinen Pfädchen, die ich gestern als crazy cat stalker gefunden habe und nehmen den Weg hinauf zum Bergschrein. Frau Tsuruda bleibt auf meine Nachfrage, ob sie sich das Treppensteigen WIRKLICH zutraut, unten auf einer Bank sitzen, ich klettere hoch und dann wieder hinunter.
Dann ist es Zeit für die Parade. Pflichtbewusst reihen wir uns ordentlich am Rande des Weges ein. Inzwischen ist es so sonnig, dass ich den Pullover ausziehe und mit ist es trotzdem noch zu warm (21°). Also: Sonnencreme! Die Prozession kommt nach einer Schar von sehr höflichen Polizisten, die die fotogeilen Zuschauer bitten, nicht über die Linien zu treten.
Das Ganze ist eine Art Heian-Reenactment, mit Kostümen, Waffen und Musikern, daher mag ich es und stelle mich auch gerne ein zweites Mal an anderer Stelle an den Weg, um auf die den inneren Tempel abschreitenden Darsteller zu warten.

(https://condra.de/jdownloads/Versteckt/Japan8Kyokosui.jpg)

Der zweite Programmpunkt heute ist nach einem kurzen Abstecher zu den Souvenirgeschäften auf dem Sando (Algen-Fischei-Paste gekauft! Auch wenn ich Tobi damit wohl jagen kann...) die Stadt Yanagawa, eine Art Venedig mit Kanälen. Da es Mittagszeit ist, fragt mich Frau Tsuruda nach Essensvorlieben. Diesmal bin ich besser vorbereitet und wähle das billigste Essen, Ramen (Nudelsuppe). Wir haben Glück, in dem bei Einheimischen sehr beliebten Restaurant Hayataka am Rand der Hauptstraße sind gerade Plätze frei geworden und die Preise sind niedrig (ihre Suppe kostet 3, 20€, meine plus Gyoza 4,50,€), aber ich bin nicht schnell genug, um zu bezahlen. Und auch die Autobahngebühr kann ich nicht beisteuern, weil das automatisch von einem Gerät in ihrem Auto abgebucht wird, als wir die Mautstation durchfahren. In Yanagawa habe ich dann die Chance und bezahle die Bootstour. Bootsführer staken Boote mit 12 Personen durch die nicht tiefen Kanäle, man bückt sich unter den Brücken, die „Gondolieri“ singen und erzählen Geschichten, weisen auf Sehenswürdigkeiten am linken und rechten Ufer hin und es ist eine sehr entspannende Stunde – bis auf das Augen-Zukneifen, weil es auf dem Wasser so hell ist. Ich bin sehr froh über die geliehenen Bambushüte. Zwischendurch verfüttere ich noch deutsche Fruchtgummies an japanische Jungen im Boot, Frau Tsuruda sind sie zu sauer.

(https://condra.de/jdownloads/Versteckt/Japan9Yanagawa.jpg)
Am anderen Ende der Stadt steigen wir aus dem Boot. Es ist ein wenig schade, dass Frau Tsuruda so wenig „bummelfreudig“ ist und ich will sie nicht immer dazu drängen, in die kleinen Geschäfte, die die Kanäle säumen, zu gehen. Die ganze Stadt hat sich mit Hinamatsuri (Puppenfest)-Dekorationen geschmückt, sehr hübsch.

(https://condra.de/jdownloads/Versteckt/Japan10Hinamatsuri.jpg)

Sie kauft eine Packung gegrillter-Aal-Reisbällchen, die wir mitnehmen, vielleicht als Abendessen.
Auf dem Rückweg versuchen wir erfolglos, den Schildern zu einem lokalen Fabrikoutlet einer bekannten Koushou-(jap. Pfeffer)-Marke zu folgen. Als das Internet uns sagt, dass dieses eh schon geschlossen ist, halten wir an einer Markthalle mit lokalen Produkten und sie kauft ein.

Der letzte Stop heute ist eine riesige Shopping Mall (sehr amerikanisch!). Frau Tsuruda führt mich zu einem Dagashi-Ya (Laden mit traditionellen billigen jap. Süßigkeiten, gab es früher an jeder Straßenecke, jetzt nur noch als teurere Nostalgie-Version). Wir kaufen beide eine ganze Tüte voll (auch für dich, Anna!). Statt dem Aal zuhause will Frau Tsuruda lieber in ein Restaurant in der Mall, auch wenn dies wie alle Nicht-Ramen-Etablissements bedeutet, vor der Türe auf den Aufruf zu warten.  Ich wähle ein Gericht mit süß-saurer Essigsoße (Wakadori no Kurosuitame) und ein Eis, sie ein Eier-Fleischgericht – und sie bezahlt wieder, diesmal mit der Ausrede einer Rabattkarte.
Und dann schenkt sie mir auch noch ihre Dagashi-ya-Tüte, obwohl sie behauptet hatte, das wäre für ihre Enkel. ARGH! Ich erkläre ihr, dass die Schulregeln sagen, dass man alles selbst bezahlen soll, aber sie meint, das wäre das erste Mal, dass sie sowas hört, die deutschen Studenten vorher hätte sie auch eingeladen.

Zum Fernsehen gibt es Dagashi-ya-Snacks und süßen Reiswein für beide – der hat zwar nur 18%, aber irgendwie macht der trotzdem leichtköpfig.

Wir reden noch bis 22:30, ich übergebe Visitenkarten mit Einladung nach Deutschland, dann dusche ich mich (der Tag war zu warm) und sie geht ins Bett. Schade, hier wäre ich auch gerne geblieben, ab morgen werde ich bei der zweiten Gastfamilie sein.

Memo to self: Geschenke schicken!

Erkenntnis des Tages: Maria muss schneller beim Bezahlen sein!




Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 05. März 2018, 14:48:32
Tag 5: Orientierungstag, 5. März

Frau Tsuruda hatte mir am Vorabend gesagt, dass sie morgens früh nicht da sein wird, weil ihre hochschwangere älteste Tochter eine Untersuchung haben wird und sie daher auf das Enkelkind, Kaho, aufpassen wird, sie würde mich aber danach um 9:30 verabschieden.
Nach Mitternacht wird es dann dramatisch anders, es gibt nicht nur Starkregen und ein heftiges Gewitter, ihr viertes Enkelkind wird eine Woche zu früh geboren, daher geht sie Kaho bereits um 4 Uhr morgens holen und als ich um 7:30 aufstehe, ist sie zum vierten Mal Oma geworden und Kaho kräht fröhlich durch das Haus. Während des Frühstücks kommt der sehr müde Papa, Akira, vorbei, wird wie ich mit Frühstück  (Frau Tsuruda hat tatsächlich gestern in der Markthalle Graubrot gefunden) versorgt, zeigt erste Fotos und Videos und vor dem Familienaltar im Tatami-Rauch wird Weihrauch entzündet. Hier lüftet sich das Ehemann-Geheimnis: Er ist verstorben, denn sein Foto steht in der Nische.
Ich packe, während die beiden über die Geburt reden. Akira fährt um 9:10 zurück ins Krankenhaus (japanische Männer kriegen maximal zwei Tage Urlaub für Geburten) und nimmt mich zum Bahnhof mit. Viel Zeit zur Verabschiedung bleibt daher nicht...

Memo to self: Geschenk für Miharu (das neugeborene Mädchen) besorgen, für Frau Tsuruda Aachen/Monschau-Kühlschrankmagnete und Ayurveda-Tee

Der Schnellzug nach Fukuoka wird mit den Ausläufern des Berufsverkehrs ziemlich voll und ich bin froh, nicht noch einen weiteren Koffer dabei zu haben. Ich bin pünktlich um zehn vor zehn an der Schule und treffe dort auf drei weitere Lernwillige, die ab diesem Monat ihre Sprachkurse beginnen: Jan-Ole, Christian (beide deutsch) und Laura (Niederländerin). Wir füllen Formulare aus und unterhalten uns auf Englisch – was die Sekretärin der Schule, Akiko, dazu bringt, uns zu fragen, warum wir kein Deutsch sprechen. Äh, um nicht unhöflich zu sein? Sie erklärt als „Orientierung“, wie die Schule funktioniert, also wie der erste Tag abläuft, was Fukuoka so besonders macht und was es für Angebote es außerhalb des Unterrichts gibt. Nichts Neues, wenn man die Webseite durchgelesen hat. Mal schauen, ob ich Zeit für das Sprach-Tandem haben werde.

Die beiden Männer sind Japanisch-Anfänger, Laura  ist trotz Selbststudium besser als ich und kommt aus Korea, wo sie gerade ein Auslandsjahr verbracht hat. Ihr Englisch ist auch sehr gut, sie hat als Kind in Singapur gelebt – macht Spaß, mit ihr auf beiden Sprachen zu reden, wir wechseln ständig. Ich bemitleide die beiden japanischen Studentinnen der Frauen-Uni etwas, die ab heute ein Schnupper-Praktikum in der Sprachschule machen, sie scheinen noch nichtmal dem (schlechten) Englisch von Akiko folgen zu können oder sind zu schüchtern für Englisch, zumindest eine der beiden stellt aber von sich aus Fragen in Japanisch.

Beim Einstufungstest, bei mir und Laura Level 4  (Vokabeln, Partikel, Verbformen, Keigo und Satzergänzungen) habe ich dann das Gefühl, komplett versagt zu haben, da ich noch nicht mal fertig geworden bin, aber egal, dann muss ich halt mehr wiederholen.

Die Schule bestellt als kostenloses Mittagessen Bento-Boxen (allerdings bescheidene Qualität), ich esse eins meiner Aal-Reisbällchen und verstaue meine Tsukemono im Schul-Kühlschrank. Eine Stunde später (wir verbringen die Zeit mit Quatschen) werden wir von einer Japanerin abgeholt, die laut Akiko in Harvard studiert hat. Dafür ist ihr Englisch aber nicht wirklich gut – oder habe ich nur sehr hohe Ansprüche?

Sie führt uns in Schlangenlinien durch Tenjin, vor allem an interessanten Konsumtempeln wie Maid Cafes, 100Yen-Shops und Shopping malls vorbei (ihr Versuch, Gebräuche in einem buddhistischen Tempel zu erklären, schlägt dafür fehl..). Zwischendurch versuchen wir, die beiden Jungen mit Sim-Karten auszurüsten, ohne Erfolg. Ich bin froh, mein Handy schon eingerichtet zu haben.

Zurück in der Schule führt eine Lehrerin ein Interview auf Japanisch mit mir und gibt dann die Testergebnisse bekannt.  Ich war wohl zumindest erfolgreich genug, dass ich in meinem anvisierten Level starten kann: Level 5 oder Lower Intermediate. Sie stellt mir meine chinesische Mitschülerin vor, Shi-Xhe oder auch Angela (christlicher Taufname). Wir werden mit den Kapiteln weitermachen, die in der Uni auch der letzte normal vermittelte Stoff waren, Höflichkeitssprache.

Ich hoffe, die Chinesin spricht genug...

Da die Matsuos Bescheid gesagt haben, dass sie um 18 Uhr zuhause sein werden, mache ich mich um 17:15 auf den Weg – was sich als zu früh herausstellt, ich stehe um 17:40 vor dem Haus, obwohl ich absichtlich langsam gegangen bin. Mit zwei Koffern kann ich aber auch nicht mehr irgendwelche Abstecher machen, daher bin ich froh, dass bereits ein Auto vor der Garage steht und im Haus das Licht an ist.

Herr Matsuo macht mir auf und trägt einen Koffer rein. Mir ist es etwas peinlich, dass die nassen Koffer (es hat die ganze Zeit geregnet) den Boden voll tropfen, seine Chiharu Frau bringt Handtücher. Der Hund ist deutlich kleiner als erwartet (Mini-Katzengröße), sehr anhänglich und sehr „ich lecke jeden Zentimeter Haut ab“.  Ich übergebe pflichtbewusst meine Mitbringsel und packe meine Koffer in den Wandschrank.

Nach Klärung der Anrede (Nobutaka-san und Chiharu-san) bereitet sie das Essen vor. Insgesamt scheint hier (als Außenseiterin kann ich mich aber auch irren) ein sehr traditionelles Rollenverhältnis zu herrschen. Sie kocht, während er fern sieht und morgens sehr früh das Haus für seinen Bürojob verlässt. Während des Essens bringt sie ihm neue Getränke. Außer meinen übriggebliebenen Aal-Reisbällchen gibt es Nikujaga (Rindfleisch mit Kartoffeln), gegrilltes Knorpel-Hähnchenfleisch, Miso-Suppe und Sashimi. Auch hier bleibt mein Versuch, an die Schulregel mit dem Essen-Vorbestellen und -Bezahlen zu erinnern eher fruchtlos – mal schauen, ob ich stattdessen Früchte als Geschenk kaufe.

Als er sieht, dass ich den Fernsehsendungen einigermaßen folgen kann, installiert Nobutaka einen Fernseher in meinem Zimmer und erklärt mir dann alle Hausfunktionen. Ich dusche mich und sitze dann solange auf dem Sofa vor dem Riesenfernseher, bis es mir zu peinlich ist, dass Chiharu auf dem Boden sitzt (Platz wäre für alle drei, wenn man direkt nebeneinander sitzen würde). Mit dem Vorwand „Hund bespaßen“ setze ich mich auch auf den Teppich.

Memo to self: An das Gochisousama deshita denken und an die vermaledeiten Hausschluppen!

Nach dem Blogschreiben gehe ich dann ins Bett.

Erkenntnis des Tages: Hunde mit Windeln sind irgendwie falsch...


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 06. März 2018, 14:49:20
Tag 6: Erster Schultag, 6. März

Ich wache um kurz vor sieben auf, als Nobutaka zur Arbeit geht und kann nicht mehr einschlafen, trotz wirklich gemütlichem Bett (3 Lagen Decken, alles sehr fluffig). Zum Frühstück gibt es Toast, Butter, Marmelade, Yakult und einen Salat.

Ich versuche, den kürzesten Weg zur U-Bahnstation und dann zur Schule zu finden, ohne an jeder Ecke das Smartphone zu zücken. Daher bin ich gerade noch rechtzeitig, die Schulglocke läutet, als ich mich gerade im Klassenzimmer hingesetzt habe. Die Lehrerin, Frau Ueda, erklärt, bis wo wir diese Woche kommen werden (für mich Wiederholung, aber halt schon Ewigkeiten her). Angela ist typisch chinesisch sehr fleißig und hat den Stoff, den ich in der Uni in 1,5 Jahren hatte, in zwei Monaten gelernt. Ihr Englisch ist sehr gut, sie hat in Boston studiert.

Der Unterricht ist nicht ganz so, wie die Werbung der Schule verspricht: „70% der Stunde sind die Schüler aktiv, der Lehreranteil sind nur 30 %“ - heute ist es anders herum, aber das kann daran liegen, dass heute ein ganzes Grammatikkapitel durchgenommen wird. Weil wir nur zur zweit sind (die normale Kursgröße sind 4-5 Leute), geht es recht schnell. Frau Ueda scheint manchmal etwas überfordert, wenn Fragen kommen, die von ihrem Vorbereitungsblatt abweichen.

Was mich in der Pause aber ehrlich gesagt aufregt, ist die Tatsache, dass es den versprochenen kostenlosen Tee nicht gibt, sondern nur heißes Wasser. Auch auf Nachfrage nicht. Wtf? Ich hatte sogar explizit danach gefragt, weil kostenlose Getränke einer der Punkte waren, die die andere Schule der engeren Auswahl, Genki-JACS, auf jeden Fall angeboten hatte.
Mein allererster Eindruck der Schule ist nicht 100% positiv, aber es war ja bis jetzt nur ein Tag.

Der Unterricht endet um 12:15, danach gehe ich mit Laura bei CocoCurry Mitagessen und danach shoppen, mal wieder ein 100Yen-Laden für Hefte und Radiergummi. Mein Plan, mir ein Oberteil zu kaufen, wird komplizierter. Die Kleidergrößen in den Läden sind auf Mini-Japanerinnen ausgelegt, hier wäre meine Größe eine XXL.
Wir verbringen eine lange Zeit im Secondhandladen Bookoff, erst in der Frauenabteilung, dann bei den Männern. Ich habe zumindest mehr Glück als Laura, deren Oberweite auch sehr unjapanisch ist und finde einen Baumwollpulli.

Sie kauft sich ein Buch, wir trinken in einer Bäckerei ein Ginger Ale (ich bin mal wieder froh über mein Ortsgedächtnis, weil ich mich von der Stadtführung gestern an die unterirdische Geschäftsstraße erinnern konnte) und ich kaufe für das Essen mit der Gastfamilie drei Stücke Kuchen ein, um mich für das Abendessen zu revanchieren.

Außerdem habe ich mich breitschlagen lassen, das japanische Äquivalent von Whatsapp, LINE, zu nutzen, um der Gastmutter Nachrichten schreiben zu können, wie z.B. jetzt, wann ich nach Hause komme.

Der Ehemann ist noch nicht zurück. Er arbeitet spannenderweise in einer Wagashi-Fabrik, die süßes Bohnenmus für die traditionellen Süßigkeiten herstellt. Als er kommt, wird der Tisch-Grill rausgekramt, ich kann wieder nichts machen...

Es gibt Takoyaki (Oktopus-Bällchen), weichen Kartoffelsalat, Misosuppe und Tofu. Ich schaffe es weder, Chiharu noch Nobutaka zu schlagen, mein Bällchen-Count sind 15 Stück, insgesamt ergibt die gesamte Schüssel Teig 70 Bällchen.

(https://condra.de/jdownloads/Versteckt/Japan11Takoyaki.jpg)

Ich mache Handwäsche und folge der Japan-Sitte des „Jeden Abend Duschen oder Baden“. Schlecht für die Haut, aber sonst würde man als „Stinker“ oder „unhygienisch“ gelten.

Dann mache ich eine To-Do und Einkaufsliste für die nächsten Tage und meine Gasteltern erklären mir, wie der Schlüssel funktioniert. Auch sie sind über die Schulregeln erstaunt, wie das 10000Yen-Pfand.

Erkenntnis des Tages: Japanische Männerkleidung ist teils sehr feminin...


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 07. März 2018, 13:38:33
7. März Zweiter Schultag

Kein sonderlich ereignisreicher Tag. Ich kaufe mir ein Monatsticket (Teikiken) und ärgere mich, das nicht schon am ersten Schultag gemacht zu haben, der Antrag dauerte weniger lange als erwartet.  
Der  Schultag ist heute sehr lang, bis 12:30 zusammen Grammatik mit Angela, danach Einzelunterricht mit einer anderen älteren Lehrerin – was den Vorteil hat, dass ich mir schwerpunktmäßig Problembereiche aussuchen kann.

Die Schule hat die Chance nicht genutzt und keinen kostenlosen Tee hingestellt... Hmm, obwohl der Unterricht das ist, was ich erwartet habe, beginne ich die Entscheidung zu bereuen, vor allem, wenn ich höre, dass Jan-Ole und Laura auch Probleme hatten (falsche Abrechnung, last minute-Änderungen, Versprechen nicht eingehalten, 2 Stunden zu spät abgeholt...)

Ich trage mich trotzdem für alle Schulaktivitäten in dieser Woche ein, hole mir in der kurzen Mittagspause mit den „Jungs“ (aka. den anderen gleichalten Deutschen, haha, wir sind soviel älter als die ganzen Japanerinnen, die Deutsch an der Schule lernen) ein Bento vom einem Straßen-Caterer und nach der Schule gehe ich mit Jan-Ole und Laura zusammen einkaufen (Annas Liste abarbeiten!), wir essen bei Yoshinoya und kaufen Süßigkeiten in einem Konbini.

Am Abend nehmen ich und Laura das kostenlose Kursangebot wahr, heute „Japanische standardisierte Lebensläufe schreiben“. Das lohnt sich, werde ich also weiter belegen.

Die beiden japanischen Praktikantinnen vom ersten Tag, Rena und Seira, sind auch dabei und bitten uns danach noch um ein Interview, weil sie die Lesefähigkeiten von Ausländern erforschen sollen.

Ich begleite Laura um 19:00 zum Bahnhof. Sie hat den kapitalen Fehler begangen, nicht eingelaufene neue Schuhe angezogen zu haben und wir verstecken uns in einer Seitengasse hinter einem Getränkeautomaten, wo sie Blasenpflaster aufträgt.

Bevor ich ins Matsuo-Haus zurückkehre, kaufe ich im Supermarkt ein und bin vom komplett automatisierten Kassenautomaten überfordert, wo man selbst Geld einwerfen muss.

Als Dankeschön-Geschenk heute bringe ich Amaou-Erdbeeren mit (riesig, total süß, haben gerade Saison, sind aber teuer – 4 Stück kosten 4 Euro).

Es ist mir immer etwas peinlich, dass Chiharu alles alleine macht, Erdbeeren waschen, sie hat meine Wäsche abgenommen und säuberlich gefaltet auf mein Bett gelegt.

Zeit, meine Höflichkeits-Sprachfähigkeiten auszuprobieren!

Erkenntnis des Tages: Ich habe zuviel Reis gegessen und jetzt Lust auf Gemüse.


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Lix am 07. März 2018, 15:05:58
Oh, cool, Japan ist ja wirklich gut erschlossen, was Google Street View angeht; man kann sogar virtuell in die Berge fahren...
Danke für den Reisebericht, meine nächsten Mittagspausen sind gerettet!  :icon_mrgreen:


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 08. März 2018, 13:37:17
8. März: Neko-Cafe und verlorenes Ticket
Chiharu hat es heute beim Frühstück übertrieben: Misosuppe, gegrillter Fisch, Salat, Yakult, der Kartoffelsalat aus dem Kühlschrank und ein Reisbällchen – das ich nicht mehr schaffe und stattdessen mitnehme.
Weil es stark regnet, ist heute morgen die U-Bahn viel, viel voller als gestern (wenn man es mit den „überfüllt“-Maßzahlen der Tokyo-Metro sagt, 180 bis 200%, also so eng, dass man aneinder gepresst wird und nur noch aufs Handy schauen kann, wenn man die Hand mit dem Gerät schon beim Einsteigen hoch genommen hatte). So ganz verstehe ich den Zusammenhang zum Regen nicht, gehen die Leute sonst zu Fuß oder fahren Fahrrad?

Ich steche schon wieder nicht nur heraus, weil ich die einzige Westlerin bin, sondern mich auch mit meiner neongrünen Regenjacke als greller Farbfleck in einem Meer von dunklen neutralen Farben des arbeitenden Volkes treiben lasse. Zumindest mein von der Gastmutter geliehene Regenschirm passt sich aber ein, hier geht niemand nur mit Regenkleidung vor die Tür.

Der Schultag ist genauso wie gestern, ich und Angela (Gou-san) wechseln uns beim Bearbeiten der Grammatikaufgaben ab. Ab dem nächsten Tag wird das Mittelstufen-Buch verwendet werden und ich rücke automatisch auf "Level 5" auf. Ich bin nur erstaunt, wie stark ich selbst „steuern“ muss, also meiner Nachmittags-Lehrerin in den Einzelstunden sagen muss, was ich machen will.

Weil es heute gefühlt schweinekalt ist, entscheide ich mich beim Mittagessen für Oden (warmes Gemüse, das stundenlang in Brühe vor sich hinküchelt) und kaufe auch Milch für mein deutsches Müsli.

Der Besuch beim Katzencafe, für den ich mich angemeldet habe, ist auf 16:00 vorverlegt worden. Erster Eindruck: Stinkt nach Katzenpisse und die Möbel sind die Kratzbäume der Katzen.
Japan scheint deutlich weniger Auflagen für solche Tiercafes zu haben als Deutschland, denn die Katzentoiletten stehen mitten im Gastraum und die Katzen laufen auch in der Küche und auf den Tischen herum. Es kostet für eine Stunde, ein Getränk und ein Dessert faire 1500Yen (ca. 11,50€). Viele der Katzen sehen angeschlagen aus, später lese ich, dass die meisten ehemalige Straßenkatzen oder Unfallkatzen sind, die ein besseres Leben bekommen sollen. Das erklärt aber nicht, warum nichts gegen den Katzenschnupfen und die Triefaugen unternommen wird. Das Cafe gibt uns kostenlos Leckerlis, die wir an die ca. 20 Tiere verteilen, uns also ihre Aufmerksamkeit erkaufen. Einige davon sind auch wirklich sehr freundlich, der 2m große Jan-Ole hat irgendwann eine kleine Katze als Katzenschal auf den Schultern, die dort freiwillig hingeklettert ist. Die Praktikantinnen Seira und Rena, die von der Schule „gezwungen“ wurden, den Ausflug zu begleiten, machen fleißig Fotos davon.

(https://www.condra.de/jdownloads/Versteckt/Japan13NekoCafe.JPG)

Insgesamt interessante Erfahrung, aber nichts, was ich nochmal machen muss, das Katzencafe in Aachen gefiel mir besser.

Zurück in der Schule dann der Schock: Das ausziehbare Halteband meines gestern erst gekauften Monatstickets ist abgerissen, und die Karte samt Hülle ist weg. FUCK! Ich laufe zurück zum Katzencafe in der Hoffnung, dass es beim Rucksack-in-Schließfach-Stopfen abgerissen ist, aber leider nicht.

Ich gehe auch alle Stellen ab, die ich an diesem Tag besucht habe, aber das Ticket ist nirgendwo, nicht im Konbini, nicht im Hotto-Motto-Bentoladen, nicht auf der Straße – FUCK. Gefrustet gebe ich auf und begleite Jan-Ole, der beim Suchen geholfen hat, in den 100Yen-Laden und zum Bookoff - Pikachu-Plushie getto!

(https://condra.de/jdownloads/Versteckt/Japan12Pikachu.jpg)

Dann fahre ich nach Hause und frage die Gasteltern um Rat. Sie sagen, ich soll morgen zu den Angestellten der U-Bahnstation und zum Kouban (Mini-Polizeiwache) gehen und ansonsten die U-Bahngesellschaft fragen, ob sie es neu austellen können.

Nach etwas mehr Fernsehen, Duschen und Hund kraulen (der von der Größe und Fellweichheit her ein guter Katzenersatz ist) gehe ich ins Bett.

Erkenntnis des Tages: Haltebänder halten nix...


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 10. März 2018, 09:10:31
Freitag 9.3. Nomihoudai
Weil ich vor der Schule alle Hilfe bemühen will, die ich in Japan für „Dinge verloren“ kriegen kann, stehe ich heute um 6:45 auf. Ich muss Guthaben der Nimoca für die Fahrt in die Stadt nutzen,grr, wie unnötig.

Erste Anlaufstelle: Das Service-Center in der Akasaka-Station, wo ich das Ticket zuletzt bewusst gesehen habe. Die beiden älteren Herren dort schreiben sich meinen Namen auf und ich soll in ein paar Tagen nochmal fragen oder anrufen. Ich frage, wo die nächste Polizeiwache für das Viertel Daimyo ist (Kouban). Die soll in der 4-Choume (Viertel 4) sein, nach dem Starbucks links. Leider hat der Mann nicht gesagt, wie wie weit ich gehen muss und als ich auf Google nach „Kouban“ suche, wird die Wache in 2km Entfernung angezeigt, was ich vor dem Unterrichtsbeginn nicht schaffen würde, daher gehe ich Richtung Schule. Ein wenig misstraue ich Google Maps aber doch, denn der Stationsangestellte meinte ja, das wäre in der Nähe und suche stattdessen einfach nach „Keisatsu“ (Polizei). Jupp, es gibt eine Kouban hier in Daimyo.

Ich jogge dahin und werde von den drei Polizisten erstmal auf Englisch mit „Gutto Moonin“ begrüßt, was ich auf Japanisch beantworte und dann mein Anliegen vortrage. Der ca. 20jährige Kouhai (Dienstjüngster) nimmt meine Daten auf und scheitert daran, meinen Namen ohne Kanji in die Datenbank einzutragen. Ich schaue mir währenddessen die „Gesucht“-Poster an und höre einem Telefonat zu, wo der dritte Polizist versucht, einer alten Dame Buslinien und Umsteigemöglichkeiten zu erklären – und schmunzele etwas als der Chefpolizist nach dem Telefonat sagt „Hä, warum ruft die nicht das Busunternehmen an?“.
Leider sind jetzt mit der U-Bahn, dem Kouban und der Schule alle Hilfssysteme ausgenutzt.

Untericht ist wie immer, unterbrochen von einer Pause mit Nigiri und Mitarashi-Dango (letzteres ist definitiv nicht mein Ding, diese Mischung von salzig und klebrig-süß), endet aber schon um 14:30.

Ich habe mich heute für drei Angebote der Schule eingetragen, der kostenlose Kurs heute soll das Thema „Hakata-Dialekt“ haben, fällt aber aus, weil ich die einzige willige Person bin. Mehr Zeit für Einkäufe, vor allem weiter die Liste von Anna abarbeiten.  Um 17:00 fällt mir auf, dass das mit dem Einkaufen heute eine dumme Idee war, weil ich den schweren Rucksack jetzt zum Yakitori (Hähnchenspieße) und zum Karaoke mitschleppen muss. Aber zu den Matsuos zurückfahren will ich auch nicht, weil ich dann zweimal den Fahrpreis bezahlen muss. Also sitze ich in der Schullobby und werde von Moto, einer der Japanerinnen, die Deutsch lernt, in Anspruch genommen, um die Aussprache von Ö,Ä,Ü zu üben. Sie mag die deutsche Metalband RAGE und lernt für Reisen zu deutschen Konzerten Deutsch.

Karaoke muss auch ausfallen, weil ich und Alexander B. die einzigen Teilnehmer sind, aber zumindest zum Yakitori geht eine größere Gruppe, ich, Christian, Kenji (Arzt, lernt Deutsch seit zwei Jahren), Alexander und seine japanische Freundin. Die Yakitori-Bar ist direkt um die Ecke, verräuchert und voll mit Gruppen von japanischen Geschäftsleuten. Der Tisch ist zwar für 5 Leute gedacht, aber sehr klein – und jeder am Tisch muss dasselbe Set bestellen. Ich hatte zwar nicht vor, viel zu essen und zu trinken, will aber nicht am Katzentisch mit den Turteltäubchen Alex und Freundin sitzen – daher: Yakitori plus All-you-can-drink (nomihoudai).

Um den stolzen Preis von 3500 Yen (27€) auch auszunutzen, trinke ich mich einmal durch ein Best Of der japanischen Feierabend-Getränke: Erst Bier (Kirin Lager, schmeckt wie Kölsch), dann Highball (Whisky, Fruchtsaft und Wasser), dann der „Cocktail“ Gin-Lemon, dann noch ein Highball, Shochu Spirits (nicht meins), warmer Amazake und zum Abschluss einfach noch Wasser. Needless to say, ich bin sehr schnell sehr betrunken, was meine Japanischfähigkeiten aber nicht schlechter macht. Ich übersetze zwischen Christian und Kenji hin und her (größtenteils dumme Wortwitze).

Um 22:00 geht der insgesamt sehr lustige Abend zu Ende, als wir alles Essen, auch das nachbestellte, verschlungen haben und Kenji fast einschläft. Er verabschiedet sich daher sofort vor der Bar und schlurft zu seinem Bus. Nach einem längeren Gespräch am U-Bahn-Eingang, wo man in Deutschland am besten Japanisch lernen kann, trenne ich mich von Christian, fahre mit der U-Bahn zurück und versuche, ohne zu Torkeln die Treppen hoch und nach Hause zu gehen.

Meine Gasteltern sind amüsiert, als ich ihnen sage, dass ich zuviel getrunken habe, ich dusche mich und falle mit dem Wunsch ins Bett, möglichst sofort einzuschlafen.

Erkenntnis des Tages:  Trinken ist lustig, aber in Japan sehr teuer.


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 11. März 2018, 02:43:09
Samstag, 10.3. Rumlaufen

Ich habe keinen Kater, das ist schon mal gut, aber Durst und das Leitungswasser hier ist untrinkbar und schmeckt wie kaltes Schwimmbad. Nach dem Frühstück frage ich, ob ich mit dem Hund Kota Gassi gehen darf. Er bekommt ein Geschirr angezogen, schwierig, weil er so freudig aufgeregt ist. Leider scheint er entweder mir nicht zu vertrauen oder er geht nie nach draußen. Er schnuppert zwar an allen Laternenpfählen, läuft aber nicht neben mir her – und zittert auch die ganze Zeit, keine Ahnung, ob das Angst oder Kälte ist, auf jeden Fall gehe ich nach einer Viertelstunde zurück. Um kurz vor 10 fällt mir siedendheiß ein, dass heute um 10 Uhr der Verkaufsbeginn der Studio-Ghibli-Museum-Tickets für April ist, ich mache mich also zum nächsten Lawson auf. Ich bin wohl nicht die einzige, die gerade versucht, die Tickets zu kaufen, es dauert 5 Minuten bis der Automat nicht mehr „Momentan ist das System überlastet“ anzeigt und ich ein Ticket ergattere.

Auf dem Weg zum Supermarkt (Essen für den Abend) finde ich eine Bäckerei, die (teures) Körnerbrot verkauft.  Ich kaufe Gemüse, Frischkäse und von einem Gemüsestand Mikan (Manderinen) ein, die ich im Matsuo-Haus Chiharu anbiete.
Ich habe immer noch keine Ahnung, was Chiharu den ganzen Tag so macht, heute sehe ich nur, dass sie eine Canvas-Abdeckung repariert, die ihr Mann von der Arbeit mitgebracht hat. Sie bietet mir Granola (Haferflocken) mit Milch an, bad idea, die sind absolut überzuckert.

Ich hänge mit ihr zusammen meine Futons und Bettdecken auf, um sie bei dem schönen Wetter heute zu lüften. Dann mache ich meine Hausaufgaben und ziehe mich um, weil ich joggen gehen will. Laufklamotten Japanese style: Man trägt Schichten, also über den langen Leggings eine kurze Hose, über dem langärmligen Sweatshirt oder den Armlingen ein T-Shirt oder eine Laufjacke. Und Handschuhe, warum auch immer.  Langärmlig ist mir zu warm. Ich nehme Handy und etwas Kleingeld mit und laufe in Richtung Oohori Kouen (Ohori Park). Meine Orientierung ist richtig, der Park ist wirklich sehr nahe.

(https://www.condra.de/jdownloads/Versteckt/Japan14Falken.jpg)
Die 2km-Runde um den See hat einen federnden Belag, ist ausgeschildert und mit vorgeschriebener Laufrichtung. Bei dem schönen Wetter sind viele Leute im Park, Familien mit Kindern, Pärchen, Omas mit Komplett-gegen-Sonnenstrahlen-verhüllt-Walking-Outfit, alte Männer, die Falken wie Tauben füttern und auch viele Jogger. Einige davon sind auf einmal sehr viel bemühter, sich nicht von mir überholen zu lassen, aber ich lasse ihnen das Vergnügen, es ist immerhin der erste lange Lauf nach dem Bänderanriss. Insgesamt laufe ich 5 Mal um den See,  bevor ich über die Brücke spaziere (schlechte Idee, mir wird kalt) und über den Hii River zurücklaufe. Auf dem Rückweg kaufe ich das Wasser, das ich morgens vergessen hatte. Zuhause dusche ich und wasche meine Sportkleidung aus.

Nobutaka kommt früher von der Arbeit und das Ehepaar fährt danach zu einer Videothek (ja, das gibt es in Japan noch überall, ist aber auch deutlich billiger als früher in Deutschland – was wohl daran liegt, dass die Videothek nicht die offiziellen Ausleih-DVD-Version anbietet, sondern illegalerweise die normale Kauf-DVD).  Sie kommen mit einem großen Stapel DVDs zurück, der erste Film, den sie sehen, ist „Die Mumie“ (der mit Tom Cruise), der zweite Film ist „Shinobi no Kuni“, dann gibt es Abendessen, ich esse zum ersten Mal im Leben Natto (nicht so schlimm, wie alle behaupten, ich bin wahrscheinlich durch altes Kimchi einiges an Fermentation gewöhnt) und auch sonst klappt das mit dem „Ich habe mir selbst Essen gekauft, weil ich die Gastfamilie nicht behelligen soll", mal wieder nicht - ich kriege zum Natto Reis, Misosuppe und Noriblätter.
Der dritte Film ist „John Wick 2“, den ich aber gerne für ein Skype-Gespräch mit Tobi eintausche, der vierte ist „Police to Joshikousei“ - schade nur, dass die Lautstärke so krass hoch ist, ob mein Gastvater schwerhörig ist?


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 11. März 2018, 12:26:20
Sonntag, 11. März: Jogging-Sightseeing
Ich habe vergessen, zu fragen, ob heute zu einer bestimmten Zeit gefrühstückt wird. Wird zum Glück nicht, ich habe also um 8:30 noch nichts verpasst. Nobutaka hat schon um 8:00 das Haus verlassen und macht einen Ausflug mit dem Motorrad (oder trifft sich mit jemanden, so ganz habe ich das von oben nicht hören können).

Leider ist die Gastfamilie wirklich nicht unternehmungsfreudig, ich hätte gedacht, heute was mit ihnen machen zu können. So esse ich erstmal und sage Chiharu, dass ich heute wieder laufen gehen werden. Sie meint, sie müsse jetzt auch das Haus verlassen, ich solle dann, wenn ich gehe, den Hund in den Zimmerzwinger einschließen und den Schlüssel mitnehmen.

Ich lungere noch bis 12:30 im Wohnzimmer herum, weil ich zuviel gegessen habe, zusammen mit Kota, der zuerst Chiharu hinterher heult und sich dann bei mir auf den Schoß setzt (aha Hund, bin ich damit endlich angenommen worden?). Als ich mich umziehe und Kota einsperre, jault er herzzerreißend – aber Anweisung ist Anweisung.

Erstes Ziel ist der Atago-Schrein auf einem Berg mit Aussicht auf Fukuoka. Ich laufe einfach drauflos, durch Wohnviertel und durch Parkalleen mit spazierenden Rentnern mit Hunden. Mitten im Schreinberg verlaufe ich mich, Sackgasse und muss dann doch Google bemühen – die Karte leitet mich über enge Treppen und Pfade zum Schrein hinauf. Die Aussicht ist wirklich schön, selbst ich als „Meereshasserin“ muss zugeben, dass die Stadt sehr idyllisch liegt, zwischen Bergen und Hügeln, durchzogen von vier Flüssen, die so flach und klar sind, dass man auf den Grund sehen kann, wahrscheinlich Brackwasser, mehreren Kanälen und mit Strand direkt vor der Haustür.  Die Luft und Temperatur heute ist auch sehr angenehm, Meeresbrise und sonnig.

(https://www.condra.de/jdownloads/Versteckt/Japan16Atago.jpg)

Mein nächstes Ziel wähle ich mir von dem Ausblick aus: Der Strand vor dem Fukuoka Tower. Auf dem Weg dorthin meldet sich Chiharu und fragt, wann ich nach Hause komme, ich sage ihr, dass es noch ca. eine Stunde dauert, aber dann gesteht sie mir, dass sie ihren Schlüssel vergessen hat. Also gebe ich den Plan, in einer Strandbar ein Eis zu essen, auf und renne schnell zurück, mit Zwischenstopp beim Supermarkt für mehr Wasser. Kota ist so froh, dass er erst an meinen Beinen herumhüpft und sich dann neben mir auf dem Sofa einkringelt, als ich das von heute morgen übrig gebliebene Nigiri und Kimchi esse.

Chiharu hat heute wohl den Wocheneinkauf gemacht, sie kommt mit vollen Tüten beladen durch den Eingang. Heute gibt es Kimchi Nabe, sehr lecker – wohl auch, weil meine Gasteltern gemerkt haben, dass ich fermentiertes Essen mag. Ich bin schon satt, als zum krönenden Abschluss noch Udon-Nudeln in den Eintopf gekippt werden. Während des Essens läuft diesmal das Taiga-Drama „Segodon“ und danach wird wie jeden Abend eine Comedyshow gesehen. Wie jeden Abend schläft Nobutaka dabei ein und Chiharu arbeitet in der Küche (Abwasch, für den nächsten Tag vorkochen).

Erkenntnis des Tages: Für nächstes Wochenende schon mal eigene Tourziele raussuchen.


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 12. März 2018, 15:47:09
Montag, 12. März: Koinobori
Erster Station heute ist das Servicecenter der U-Bahn. Dort sitzt dieselbe Angestellte, die mir auch das Ticket verkauft hat. Ja, man kann sich die Monatskarte neu ausstellen lassen. Puh, kostet nur nochmal 1100Yen und kann auch erst am nächsten Tag gemacht werden, weil die Karte an diesem Tag gesperrt wird, ich nutze also wieder die Nimoca.

In der Schule versucht Jan-Ole mich zu dem Kuchen-All-You-Can-Eat-Buffet Sweets Paradise am Donnerstag zu überreden, aber ich weiß nicht, ob ich soviel süßes Zeug schaffe – im Gegensatz zu herzhaftem Essen erreiche ich bei Kuchen sehr schnell meine Grenze. Und der Donnerstag ist der Tag, für den ich mich mit Y-san verabredet habe, meiner anvisierten Tandempartnerin. Jan meint, ich soll sie mitnehmen, aber nach Austausch von Line-Nachrichten wird klar, dass sie nicht will und ich sehe es als prior commitment, das Treffen mit ihr wahrzunehmen.

Es ist etwas schade, dass Gou nach dem Unterricht immer so schnell zu ihrem Praktikum muss, ich würde sie gerne über ihre Japan-Erfahrungen ausfragen.
Da die Jungen noch Hausaufgaben machen wollen, gehe ich alleine in die Stadt, mal wieder als Einzige ohne Winterjacke – aber andererseits haben die Fukuoka-Natives ja vielleicht Recht, wenn sie sich genauso schnell erkälten wie M-sensei, dann brauchen sie die Mützen und Handschuhe.

Eigentlich will ich bei Big Camera eine neue Hülle für meinen Laptop finden, aber Fehlschlag. Die einzigen Hüllen in der Größe 15.4 Inch sind für ein MacBook Pro und damit viel zu dünn für mein massives Thinkpad plus Neunzellen-Akku. Also werde ich das rattige alte Neopren-Ding weiter nutzen müssen...

Ich gehe in den Mitsukoshi, eigentlich, um Kendama zu finden, aber dort gibt es jetzt schon Koinobori. Ich werde von einer ultrahöflichen Angestellen an die nächste weiter gereicht. Ich muss zugeben, dass das Kaufhaus-Keigo (Höflichkeitssprache) für mich schwer zu verstehen ist, gnaah.
Ich überrumpele die arme junge Verkäuferin etwas mit meinen Sonderwünschen: Nur die Flaggen ohne Stange und bitte auch mit zusätzlichem Mädchen-Fisch. Als sie nach Anruf beim Lieferanten mit dem Preis ankommt, schlucke ich erstmal, 54000 Yen (411 Euro). Äh ja, das bestelle ich dann doch nicht ohne Rücksprache mit Tobi. Sie sucht mir den Preis eines billigeren Sets raus (ähnlich dem, das an der Wand hängt), aber so leid es mir für sie auch tut, ich habe online qualitativ bessere und günstigere Versionen gesehen.  Ich habe ein schlechtes Gewissen, als ich mich verabschiede, aber es war wohl nicht die beste Idee, in einem Nobel-Geschäft mit der Suche anzufangen.

Big Camera und Mitsukoshi hatten keine Kendama (dafür Reiskocher, die ich anschmachte), Kiddy Land im Parco bietet nur Merchandise wie Disney, Rilakkuma und Hello Kitty – unerwarteterweise werde ich in einem Mini-100Yen Laden auf dem Weg zum Bahnhof fündig, zwar hässliches Plastik, aber dafür direkt zwei Stück für 216 Yen.

Der Höhepunkt des Tages ist der Don Quijote in Nishijin. Laut Internet eine sehr kleine Filiale, mich erschlägt sie trotzdem, mit Blink-LED-Ketten, überall Lautsprechern mit Werbung (viel davon auf Chinesisch), engen Gängen zwischen Regalen bis an die Decke und einfach nur voll – in jeder Hinsicht. Ohne es zu beabsichtigen, laufe ich in die Sex-Abteilung (okay, der Vorhang hätte mich warnen können), aber auch davor sind die offen einsehbaren Regale voller Erwachsenenspielzeuge.
Die Waren, die ich mitnehme, sind harmloserer Natur: Ein Hanafuda-Kartenspiel, billiges Wasser in 2-Liter-Flaschen und Nigiri.  Obwohl ich neugierig bin: Ob mir das Gakuran-Kostüm stehen würde? Die Männerkostüme haben zumindest meine Größe...

Durch Internetrecherche schlauer halte ich an der Kasse Ausschau nach der „Bitte geben Sie mir keine Plastiktüte“-Karte, aber die gibt es hier wohl nicht. Seufz, eines der Dinge, was mir an Japan missfällt, ist der Verpackungswahn. Alles hier wird drei bis vierfach verpackt, so entsteht jede Menge Plastikmüll!

Es ist kurz vor 6, beide Gasteltern sind zuhause und es gibt sofort Essen. Grandios: Kimchi-Käse-Risotto (gekocht mit den Resten von gestern, njam) plus einem Kasten voller unterschiedlicher Fleisch, Fisch und Salatsorten.  Mit dem Komochi Shishamo (Kleine gegrillte Fische mit Bäüchen voller Fischrogen, werden ganz gegessen) kann ich mich nicht anfreunden, das ist mir zu bitter, dafür ist der Rest lecker, cremiger Kürbissalat, Frikadelle, Schweinelende...

Ein wenig schade ist, dass die Gastmutter das dicke Zwiebelbett, auf dem das Protein lag, wegschmeißt, meine innere Stimme ruft, dass man die Zwiebeln super anbraten und mit Reis zu einer weiteren Mahlzeit verarbeiten könnte, aber es wäre extrem unhöflich, sich hier einzumischen. Beim Essen läuft eine Art Werbesendung (Comedians stellen interessante neue Produkte vor), danach die Live-Action-Version von Kuragehime.

Ich schaffe es, mit Momoko Line-Kontakt (Line ist das japanische WhatsApp) zu kriegen, dann schlafe ich nach Hausaufgaben und dem obligatorischen täglichen Wanikani und Bunpro-SRS ein.

Erkenntnis des Tages: Japanische BHs haben alle Polsterung, die genauso dick ist, als ob man sich Socken rein stopfen würde (Shoutout an die Tanzverein-Mädels).


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 14. März 2018, 15:54:12
Dienstag, 13.3. Canal City
Ich muss noch einmal eine Gebühr zahlen, um die Monatskarte neu ausgestellt zu bekommen, aber das Ding hat eh schon 10300Yen gekostet...

Ui, meine Gasteltern haben tatsächlich für heute etwas geplant! Am Abend wollen wir in die Shopping Mall Canal City fahren und Tempura essen – außerdem soll es dort sowohl Spielzeuggeschäfte als auch internationale Ketten wie H&M und Zara geben, die meine Kleidergröße führen.

Aber zuerst wieder Schule und Mittags eine wilde Kombination aus meinem teuren Brot, Frischkäse, Tomaten, Pickles, Yakitori-Spieß und Sesamnudeln vom Konbini.

Ich glaube, Frau M. hat mich angesteckt, mein Hals kratzt den ganzen Morgen trotz Tee und sie hat den Nachmittags-Einzelunterricht mit dem jungen Mittdreißiger Herrn K. getauscht. Er hat als Übungsmaterial einen Originaltext aus einer japanischen Wirtschaftszeitschrift mitgebracht, ich soll alle Linking Words rausschreiben, wir verbringen die Stunde damit, über Bedeutungsunterschiede solcher Satz-Konnektoren zu reden, wobei ich mich total schwer damit tue, auf Japanisch vollkommen kreativ eigene Textsituationen zu erfinden, in denen ein Konnektor passend wäre. Hmm, mein Wort-Instinkt hinkt in dieser Sprache weit hinter Englisch her.

Danach Lesen mit Textverständnis, ich kenne einige der Schriftzeichen nicht, die sind N1-Niveau des JLPT (internationaler Japanisch-Sprachtest).  Insgesamt ist mir Frau M. für die Einzelstunden doch lieber, sie versteht zwar weniger Englisch, aber bei ihr übe ich mehr.

Nach der Schule fahre ich zum Zentralbahnhof Hakata, um dort meinen Rail Pass zu bekommen. Die junge Angestellte fragt mich, ob ich Deutsche bin, sie hätte 1,5 Jahre Deutsch gelernt und will wissen, wohin ich fahren will. Kleiner Plausch, bis hinter mir der nächste Kunde auftaucht und ich mich mit „Einen schönen Tag noch“ verabschiede.

Wenn ich schonmal in Hakata bin, kann ich auch den Dachgarten besuchen, er soll außer dem Kinder-Wunderland (aka. Mini-Bummelbahn) einen Schrein haben, der Reisenden Glück bringt.  Gewidmet ist er einem Ingenieur aus Trier, der im 19. Jahrhundert für den Bau der Eisenbahn nach Kyuushuu "importiert" worden war.

(https://www.condra.de/jdownloads/Versteckt/Japan15Hermann.jpg)

Die Fahrstühle bis nach ganz oben sind gut versteckt, aber ich bin nicht alleine auf dem Dach, größtenteils junge Japaner mitten in ihrem Date. Die Aussicht vom Atago-Schrein war aber besser, daher bleibe ich nach dem Bet-Ritual (am Eingang Hände waschen, Münze in Opferbox reinschmeißen zweimal Klatschen, zweimal verbeugen, einmal klatschen, am Torii noch einmal verbeugen) auch nicht lange, sondern fahre nach Nishijin zurück.

Nobutaka ist noch nicht von der Arbeit zurück, aber als er kommt, sperren wir den Hund (cue klägliches Jaulen) ein und klettern ins Auto (automatisch öffnende Schiebetür hinter der Fahrertür, obwohl es ein normaler Kombi ist). Auch dieser Wagen ist ein Elektro-Hybrid, genau wie der von Frau Tsuruda – deutlich beliebter als in Deutschland, aber ich erschrecke mich manchmal an Straßenecken, weil sich Hybridautos so „anschleichen“ könne, wenn man Kopfhörer, auch auf ganz leise gestellte, aufhat.

Canal City ist nahe der Innenstadt in Hakata. Wie überall in Japan ist Parken teuer - sogar in Nishijin, wo ich gerade wohne, kostet ein Stellplatz pro Tag schon 4-6€. Im Parkhaus macht das für 3 Stunden dann 6,50€ - und das auch nur, wenn man in der Mall etwas kauft oder isst.

Ich folge den beiden, die sich gut auszukennen scheinen, in den Gebäudekomplex und nehme gerne das Angebot an, bis 18:30 frei rumlaufen zu können. Das gibt mir Zeit, in den Jump Shop zu gehen, in  einem weiteren Dagashiya zu stöbern, bei H&M und Zara enttäuscht festzustellen, dass die zwar wirklich Kleidung bis Größe 42 haben, die Qualität von Fast Fashion aber auch in Japan unterirdisch ist und ich mir sowas nicht mehr kaufen werde.

Wenn Muji nur mehr Farben hätte als weiß, beige und hellblau.... Überhaupt ist die Kleidung hier sehr oft sehr „neutral“, wie das Beige der Langmäntel der Frauen (meist Trenchcoats) oder das Schwarz der Uniform-gleichen Anzüge beider Geschlechter.

Ich bleibe in der Muji-Bücherecke hängen, wo es Aufklapp-, Design- und Nähbücher gibt und werde dort von Nobutaka und Chiharu überrascht. Auf dem Weg zum Tempura-Restaurant gibt es die LED-Musik-Wasserfontänen-Show in der Mitte von Canal City – mein einziger Gedanke: Okay, wer auch immer das programmiert hat...

Ich nehme mir das billigste Tempura-Set für 800Yen und es ist definitiv genug, mit Reis, Mentaiko, Misosuppe und Pickles dazu. Von Nobutaka lasse ich mir die Namen der Gemüsesorten auf den Holzschildern vorlesen, bis jetzt kenne ich z.B. Aubergine nicht als Kanji.

Memo to self: Satsuma-imo (Süßkartoffel)-Tempura könnte Shiso-Tempura von Platz 1 meines Rankings vertreiben.

Auf dem Rückweg lerne ich mehrere Dinge: Erstens, dass die beiden wohl eine Liebe für Filme verbindet (Chiharu nimmt sich alle Prospekte des Kinos mit), zweitens, dass sie gerne singt (im Auto, als alte japanische Popsongs im Radio kommen) und drittens, dass es Friseure gibt, die einen Haarschnitt für 1000Yen anbieten – lässt meinen Entschluss schwanken, zu dem Edelfriseur zu gehen.

Den gesamten Rest-Abend und fast bis Mitternacht verbringe ich dann damit, mich durch die japanische Ebay-Version, aka. Rakuten, zu kämpfen. Ich eröffne ein Konto und bestelle die Karpfenflaggen für Tobis Patenkind und ein Iroha Karuta.

Erkenntnis des Tages: Meine Gastfamilie ist zu spendabel, ich habe einen Starbucks-Becher geschenkt bekommen – die lokale Fukuoka-Version.


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 14. März 2018, 15:57:49
Mittwoch, 14.3.  Rakuten und Depachika
Der Morgen beginnt mit dem Check der Rakuten-Bestellungen, weil ich hoffe, dass ich schon bezahlen kann – ich habe die Bezahlmöglichkeit „Beim lokalen Konbini“ gewählt. Aber noch gibt es dazu keine Bestätigung.

Um 8:00 kommt Chiharu die Treppe hoch, um zu schauen, wo ich bleibe, denn die letzten Tage hatte ich immer früher gefrühstückt. Das war aber auch, weil ich die Sache mit dem Ticket regeln musste, eigentlich muss ich gar nicht so früh aus dem Haus, vor allem, weil ab 8:40 die Bahnen deutlich leerer werden.

Egal, ich esse also schnell was und packe meine Joggingsachen ein, weil ich für den Nachmittag eine alternative Option haben will, falls der kostenlose Kurs wieder ausfällt. Aber Jan-Ole lässt sich breitschlagen, daher sind wir mit zwei Personen genug und auch der Ausflug am Sonntag wird mit den drei Deutschen als Teilnehmenden stattfinden.

Nach der Schule begleite ich Jan zu einem Teeladen im Untergrund-Shoppingviertel Tenjin-Chikagai, kaufe Tee für Hieu und dann versuchen wir noch, in den Depachika (unterste Etage von Kaufhäusern, aka. Lebensmittel aka. Gourmet-Tempel) anderen Tee zu finden – ohne großen Erfolg, stattdessen kaufe ich Mitbringsel. Wenn ich Millionärin wäre, würde ich mich einmal quer durch die perfekt aussehenden Essensangebote hier unten fressen...

Beim Bookoff versuche ich, ein weiteres Mitbringsel abzuhaken, Anime-Merchandise, aber so einfach ist das nicht, die Serie ist wohl schon zu „alt“ (aka. mehr als ein halbes Jahr nicht mehr im Fernseh gelaufen).

Zum krönenden Abschluss gehen Jan-Ole und ich zum berühmten Ramen-Restaurant Shin-Shin. Wir passen genau den Moment ab, wo es keine Schlange gibt, aber beim Anblick der Riesenschüssel Nudelsuppe bereue ich den Kauf des Bentos in der Mittagspause – vor allem, weil es abends bei den Matsuos auch noch Essen gibt.

Ich merke aber, dass ich kein totaler Ramen-Fan bin. Ja, die Brühe ist lecker und es gibt unendliche Variationen. Ja, es ist billig und sättigend. Aber: Mir schmecken andere Gerichte deutlich besser.

Der kostenlose Kurs heute ist passenderweise über das Thema „Nützliche Ausdrücke für Restaurants“ und wird wie immer von Herrn K. gehalten (heute mit Yoda-T-Shirt und mit bunten Socken über bunten Turnschuhen). Ich verlese mich peinlicherweise mehrfach und hoffe, dass Jan-Ole nicht zu sehr vom Level abgeschreckt ist. Mir ist es zu einfach, ihm zu schwer...

Ich schaffe es, genau meine Zeitabschätzung von „Bin um 19:20 zuhause“ einzuhalten – aber werde vor dem Haus aufgehalten: Juhuu, eine Katze! Und zwar wie ein Zeichen des Himmels und wie eine Bastet-Statue auf der Eingangspforte zu den Matsuos sitzend. Natürlich kriegt sie Futter von mir. Sie macht diese „Nja, nja“-Redegeräusche beim Essen, sowas kenne ich eigentlich nur von Youtube.

Kota riecht beim Reinkommen das Katzenfutter und schleckt mir die Hände ab. Das Abendessen heute ist der normale Salat wie auch beim Frühstück, Curry mit Reis und wieder Knorpelhähnchen. Bin pappsatt, aber noch nicht so im Essenskoma, dass ich nicht auf Japanisch die Anfragen der Rakuten-Händler beantworten kann.

Einen der Artikel kann ich schon beim 7-11-Konbini die Straße runter bezahlen gehen, die Karpfenflaggen schicken erst eine Bestätigung.

Der Abend endet mit der obligatorischen Dusche und Tee gegen den kratzenden Hals.


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 15. März 2018, 12:45:38
Donnerstag, 15. März: Sprach-Tandem
Na toll, der kratzende Hals hat sich trotz einer Aspirin am Vorabend zu einer kompletten Erkältung entwickelt, mein Hals tut weh, meine Nebenhöhlen sind zu und ich verspüre in unregelmäßigen Abständen Hustenreiz, daher geht es heute mit Schal zur Schule.  Hier schnieft aber momentan auch fast jeder, was ein Seuchenherd.

Ich nutze jede Pause, um mehr heißen Tee zu machen und lutsche Hustenbonbons. Was mir heute auffällt, ist, dass es doch nicht so gut ist, wenn die Lehrkräfte nur Japanisch sprechen können/wollen – eine der Grammatikerklärungen im Unterrichtsmaterial ist nicht wirklich ausführlich genug, aber die Kommunikation zwischen mir und Frau M. misslingt, weil sie nicht versteht, worauf ich hinaus will und ich nicht, was sie mir erklären will. „Aufgeklärte Einsprachigkeit“ hat doch Vorteile.

Nach der Schule gehe ich sofort vor die Türe und warte auf meine Sprachpartnerin Y. Wir schlendern zum Parco und verbringen 3 Stunden in einem Backwaren-Cafe (zu teuer für meinen Geschmack), aber immerhin kann man hier sitzen bleiben, da es nicht voll ist. Sie will Fluglotsin werden und muss dafür den staatlichen Test bestehen. Ein Teil der Prüfung ist Englisch (logisch bei dem Job), daher besteht sie auf Konversation, auch wenn ihre Grammatik zu wünschen übrig lässt. Ich wäre im Anschluss gerne noch am Nakasu-Ufer zu einem der Essensbuden (Yatai) gegangen, aber da sind gar keine, daher trennen wir uns nach kurzem Stadtspaziergang (mit ersten blühenden Kirschbäumen) in der U-Bahnstation. Mal schauen, ob sie sich nochmal meldet.

(https://www.condra.de/jdownloads/Versteckt/Japan17Kego.jpg)

Ich bin vor 19:00 zurück in Nishijin und nutze die frühe Stunde, um endlich mal nach rechts in die hell erleuchtete Shoutengai (Einkaufsstrasse) abzubiegen. Sehr lang, aber wenig Geschäfte, die mich reizen, bis auf einen Teeladen und ein paar Restaurants, aus denen Essensduft auf die Straße schwebt. Vor allem aber viele Pachinko-Hallen (Glücksspiel).

Ich kläre mit Chiharu die Pläne für die nächsten Tage und den Feiertag in der nächsten Woche ab, dusche und gehe sehr früh ins Bett, um mich auszukurieren, weil ich keinen Bock habe, richtig krank zu werden!


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 16. März 2018, 15:46:39
Freitag, 16.3.  Krankheits-Tag
Ich wache auf, weil mir zu warm ist. Uh-oh, ist das der erste Anflug von Fieber? Auf jeden Fall sind meine Nebenhöhlen jetzt auch zu und meine Nase läuft. Meine Gastmutter gibt mir eine dieser weißen Mundschutz-Masken für die U-Bahn mit. Sie meint, ich solle so eine Maske auch beim Schlafen tragen, damit meine Kehle nicht austrocknet. Komme mir damit ein bisschen blöd vor und mich nervt das vor dem Mund, aber ich verstehe den Sinn dahinter, denn in der Schule schniefen und husten jetzt alle - wenn man so nahe aneinander sitzt in den kleinen Räumen und die kranken Lehrer keine Maske tragen, ist klar, dass sich das schnell verbreitet.

Ich bin froh, als Frau U. sagt, dass es ihr egal wäre, wenn die Studenten Taschentücher verwenden – normalerweise ziehen Japaner die Nase hoch. Ergo: Maria nutzt jede Pause, um sich die Nase zu putzen.

Richtig konzentrieren kann ich mich heute im leicht benebelten Zustand nicht, vor allem nicht beim Nachmittagsunterricht für ein Thema wie „wake“ - aka. der Ausdruck mit den tausenden Bedeutungen. Zumindest mein Appetit ist nicht beeinschränkt, ich esse Reste (Nigiri von morgens, Rest des Brots, Tomaten und zum Nachtisch Müsli).

Der eine Deutsche, Stefan, hat heute seinen letzten Tag und muss wie jeder vor der Übergabe des Zertifikats eine Abschiedsrede halten. Er redet viel zu schnell und undeutlich – aber ich hätte ihn eh als eher socially awkward eingeschätzt.

Auf dem Nachhauseweg kaufe ich in der Apotheke Erkältungsmedizin (laut Internetrecherche soll die deutlich schwächer dosiert sein als das deutsche Äquivalent) und mehr Gesichtsmasken, für umgerechnet 15€. Zuhause angekommen, haue ich mich sofort ins Bett.

Um 18 Uhr wache ich kurz vorm Wecker-Alarm von Kotas Jaulen auf, Chiharu scheint zwischenzeitlich das Haus verlassen haben, sie kommt mit Nobutaka um 18:30 und Einkäufen zurück.

Ich bin wirklich sehr froh, dass sie heute als Abendessen Mizutaki ausgewählt haben – ein weiteres Nabe-Gericht, diesmal Hühnereintopf mit Gemüse. Zusammen mit der Ponzu (Zitrus)-Soße ist die heiße Brühe genau das richtige für mich.  Lecker!

Während des Essens klingelt der Lieferservice. Er hatte vorher versucht mich anzurufen, aber ich vergesse immer, das Handy wieder laut zu stellen. Das Karpfenflaggen-Set entpuppt sich als riesige Box, aber zu meinem Erstaunen liegt keine Rechnung bei – ich habe also die Ware erhalten, ohne bis jetzt dazu zu bezahlen. Wth?

Zumindest habe ich eine Email, die mir sagt, dass der Bezahlvorgang an eine Geldsende-Firma übergeben wurde. Laut meinen Gasteltern werde ich wohl auf die offizielle Rechnung warten müssen.

Ich fange an, alle Mitbringsel zu ordnen und so aufzuteilen, dass sie möglichst unter dem Zollfreibetrag bleiben – das wird bei dem Karpfenflaggen-Set auf jeden Fall nicht funktionieren.

Brav nehme ich die zweite Pillendosis und ärgere mich etwas über meinen Körper, weil ich eigentlich den Samstag für einen Ausflug z.B. nach Yome oder Nagasaki nutzen wollte – oder nochmal an den Strand zum Joggen und ins Schwimmbad – aber mit der Erkältung wird daraus nichts, ich will auf jeden Fall am Sonntag auf den Schulausflug mit und bin jetzt lieber vorsichtig.

Alternativ-Plan für morgen: Letzte Mitbringsel besorgen, Zollerkärungen im Konbini von USB ausdrucken (meine Gasteltern sind erstaunt, dass es diese Option geben soll) und Post verschicken gehen.


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 17. März 2018, 11:54:48
Samstag 17.3. Zweiter Krankheitstag
Ich schlafe bis 9:30, aber beim Aufwachen brummt mein Kopf immer noch und ich ärgere mich über mich selber, ich habe vor lauter Kranksein die Anmeldung für das 5km-Rennen in Miyajima verpasst, die ging nur bis Freitag Abend. Also doch kein Laufevent unter blühenden Kirschbäumen, dammit!

Frühstück ist heute sehr Milchprodukt-lastig, mit Yakult, Milch auf Zucker-Cornflakes, Joghurt und Toast mit Butter.

Das Wetter ist wieder gut genug, um die Futons zum Lüften heraus zu hängen, ich staubsauge und sortiere und wiege alle Mitbringsel. Nach etwas Internetrecherche komme ich zu der Erkenntnis, dass es günstiger ist, alle Mitbringsel außer denen für Anna, Momoko und den verderblichen Süßigkeiten im zweiten Koffer zu lassen und diesen Koffer von der Gastfamilie nach Tokyo zu meinem letzten Aufenthaltsort vor dem Abflug schicken zu lassen – mit dem Gepäcklieferdienst Kuroneko Yamato (die mit der schwarzen Katze).

Dann brauche ich mir auch keinen neuen Koffer zu kaufen und in meinen schwarze Koffertasche passt auch der Reiskocher rein.

Viel mache ich sonst nicht, weil die Post heute zu hat.

Ich spaziere zum Supermarkt und kaufe dort Bier für Nobutaka und Saft für Chiharu (habe mir ihre Lieblingsmarken gemerkt – irgendwie muss ich mich für den Starbucks-Becher revanchieren, laut Internetrecherche hat der mindestens 25€ gekostet, uwaaaaah!). Mal wieder enttäuscht, den Rucksack nicht mitgenommen zu haben, weil vor einem Garagentor eine dreifarbige Katze in der Sonne döst. Überlege, dass die Mundschutz-Masken etwas Gutes haben: Man sieht meine Pickel nicht...

Zum Abendessen gibt es die Reste des Mizutaki als Risotto plus gebratenem Lachs, Würstchen und Senfblatt-Tsukemono. Und das zweite Kartenspiel wird geliefert, während wir am Tisch sitzen.

Ach ja, der Hund hat besitzergreifend meine Schuhe angepinkelt – im Schuh drin steht eine Mini-Pfütze Pisse. Seufz...

Erkenntnis des Tages: Ich muss den Film Hentai Kamen sehen! Ich dachte ja, das wäre der totale B-Movie, aber die Schauspieler sind bekannte Größen.





Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Fenya am 18. März 2018, 01:00:10
Sehr cool! Götz fliegt am 28. du kannst ihn auch per Mail kontaktieren, wenn du magst. Ich fliege am 28.4. hinterher für zwei Wochen!


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 18. März 2018, 14:18:34
Yeeha! Also ist Götz auch schon Anfang April in Japan? Ich habe nur seine Email-Adresse nicht. Am 28.4. bin ich leider schon wieder in Deutschland.


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 18. März 2018, 14:21:26
Sonntag, 18.3. Nanzouin
Hatte den Gasteltern angekündigt, um 8:30 aufzustehen. Das ist kurz bevor Nobutaka auf sein Motorrad steigt und „ausreitet“, aber ich will so früh raus, weil ich in der Apotheke stärkere Medizin holen will (scheitert, ist Sonntags nicht auf) und weil ich noch ins Einkaufszentrum will, bevor mir jemand Ellis Mitbringsel vor der Nase weg kauft.

Auf dem Weg zur Schule fällt mir auf, dass ich jetzt zuwenig Geld habe, um den Ausflug (3000 Yen) zu bezahlen, also renne ich noch zum 7-11 und bin genau zur vereinbarten Zeit vor der Schule. Alex fährt mit seinem Mini-Van vor und wir steigen zu fünft ein (Christian, Jan-Ole, ich, vorne Alex und Kanna).

Alex fährt über Nicht-Maut-Straßen, daher dauert es länger als Google angegeben hatte. Auf dem Weg hat ein Auto vor uns einen "Just do me"-Sticker, ob der Fahrerin der doppelte Sinn bewusst ist?

Bereits von der Straße kann man den Kopf des liegenden Buddha (Nehanzou) sehen. Ich bin etwas erstaunt, dass das Parken hier kostenlos ist, nur der Eintritt zur Urnenkammer kostet und ist nicht nötig, wenn man nicht zur Andacht hier ist. Der Buddha-auf-der-Schwelle zum Nirvana ist wirklich groß, größer als die Freiheitsstatue und ein beliebtes Selfie-Motiv. Ich nehme mir meine „Dosis Glück“ mit (bunte Bänder angrabbeln, die der Buddha in der Hand hält, Buddha-Fußsohlen berühren), versage aber kläglich beim „Federball in Glücksbox-Werfen"-Orakel und tröste mich mit einem Softeis.

(https://www.condra.de/jdownloads/Versteckt/Japan18Nanzoin.jpg)
10 Minuten Buddha-Bestaunen reichen für mich, daher bin ich froh, als wir weiter gehen. Ein wenig erinnert mich Nanzouin an einen buddhistischen Vergnügungspark, komplett mit Höhlen, Askese-Wasserfall, Tunnel, Felskriechgängen, Inari-Schreinchen, Maneki-Neko-Statue, Koi und Schildkrötenteich.

Die Gebäude sind sehr modern, was sich aber erklärt, als ich im Internet lese, dass der liegende Buddha 1995 vollendet wurde. Der Tempel ist der Haupttempel der Shingon-Sekte auf Kyuushuu und das Gelände nimmt eine ganze Bergseite ein – ich wäre gerne noch weiter hoch geklettert, es gab einen steilen Pfad, der mitten in einen alten Bambuswald führte.  

Alex fragt, ob wir sofort essen wollen oder lieber vorher noch mehr Besichtigung. Bin voll für letzteres, daher fahren wir zum Sasaguri no Mori, ein Wald rund um einen (sehr grünen) See. Im Herbst soll es hier sehr schön sein, aber jetzt ist es halt ein Wald um einen See – und irgendwas stinkt die ganze Zeit, keine Ahnung, ob das der aufgeweichte Bodenbelag des Wanderwegs oder das Seewasser ist. Aber die wie Mangroven im Wasser stehenden Sumpfzypressen sind interessant, sie sollen wohl auch Inspiration für eine Szene in „Mononoke-hime“ gewesen sein – allerdings sind sie nicht ursprünglich japanisch, sondern aus Nordamerika eingeführt.

(https://www.condra.de/jdownloads/Versteckt/Japan19Sasaguri.jpg)

Zum Essen gehen wir zu Joyfull, ein Family Diner – ein günstiges Restaurant mit verschiedenen Menüs. Ich wähle ein Hamburger-Set (die japanische Version ist basically eine riesige Frikadelle mit süß-saurer Soße) – das ist soviel, dass ich den Rest fürs Abendessen in meine Tupperdose packe.

Alex lässt uns vor der Schule raus, Christian hat keine Lust, mit uns ins Animate  (Riesenshop für Manga und Animenerds) zu kommen und wir gehen alle unserer Wege. Der Animate ist laut und voll (sehr viel weibliches Publikum, die Läden haben ihr Zielpublikum erweitert), lange bleiben wir nicht, sondern genehmigen uns stattdessen in der „Mampf-Etage“ aka. dem Untergeschoss japanische Harajuku-Style-Crepes und spazieren stattdessen Richtung Canal City.

Da Jan-Ole seine Krankheit bis jetzt nicht wirklich mit Medikamenten bekämpft hat, aber darüber klagt, in der vorigen Nacht nicht geschlafen zu haben, schiebe ich ihn in eine Apotheke. Der Apotheker spricht uns auf Englisch an (und bestätigt damit mein Wissen, dass richtig ausgebildete PTAs in Japan viel Englisch gelernt haben müssen) und empfiehlt Medikamente und mir noch Lutschbonbons gegen den Reizhusten.  Teures Vergnügen, aber ich will die blöde Erkältung endlich los werden.

Canal City ist für Jan vor allem Foto-Motiv (samt Wassershow), aber wir finden kein wirkliches Teegeschäft, daher verlassen wir die Mall nach einem Foto vom Dach und nach meiner Empfehlung  laufen wir zur Hakata Station, die ich heute zum ersten Mal von außen sehe, samt LED-Wald, Riesen-LED-Bildschirm und Haupteingang. Im Dachgarten sitzen jetzt, als es dämmert, keine Kinder mehr, sondern nur noch Ausflügler – Sonntags ist Shopping-Mall- und Restaurant-Zeit.

(https://www.condra.de/jdownloads/Versteckt/Japan20Hakata.jpg)

Leider zeigt Jan-Ole bei vorsichtigem Vorfühlen, ob er noch bei den Yatais (Essensbüdchen) sitzen bleiben will, kein Interesse – aber da sind tatsächlich Schlangen vor und ich habe ja auch noch meinen Hamburger, daher geht es für uns beide nach Hause.

Juhu, ich glaube, die Katze hat nur auf mich gewartet, sie sitzt diesmal auf der Gartenlaterne, ein dunkler Blob-Umriss auf einem Lichtball, was wirklich lustig aussieht. Sie kriegt natürlich Futter von mir!

Nachdem ich die letzten zwei Tage nicht geduscht habe (das empfehlen hier sogar Ärzte Erkältungspatienten...) hüpfe ich jetzt unter die Brause und esse dann meine Reste.



Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 19. März 2018, 13:25:24
Montag, 19.3.  Post
Das neue Medikament scheint wirklich stärker zu sein, meiner Nase geht es etwas besser. In der Schule sind zwei neue Schüler angekommen, beides Deutsche, einer von beiden wird bei mir in der Gruppe sein, G. Physiker, der bei einer Firma arbeitet, die Industriemagnete herstellt. Vom Level her richtig, aber ziemlich laut und extrovertiert.

Der Nachmittagsunterricht macht auch heute keinen Spaß, ich habe Kopfschmerzen und bin mir auch sicher, dass das, was Frau M. gerade versucht (Kopien von ganz vielen neuen Grammatikpunkten austeilen und dazu sofort nach dem Durchlesen Übungen machen) nicht funktionieren kann, daher bitte ich am Ende der Stunde darum, am nächsten Tag einfach nochmal Verbformen zu wiederholen.

Mache einen Treffpunkt mit Jan-Ole für den nächsten Tag (Yatai, zweiter Versuch) aus, G. lehnt die Teilnahme höflich ab, weil ihm das Sitzen unter freiem Himmel im März noch zu kalt wäre. Das Wetter heute ist aber echt nicht so toll, Temperatursturz von 10° und Regen. Regenschirme sind nix für Maria, ich vergesse Chiharus Schirm immer und muss dann zurücklaufen.

Plan für heute: Alles zur Post bringen, das ist ganz um die Ecke. Chiharu kommt mit, sie hat auch ein großes Paket unterm Arm, wahrscheinlich eine Retoure. Es tut mir leid für sie, aber bei mir dauert es etwas, bis ich die ganzen Zollerklärungen und Adress-Aufkleber ausgefüllt habe.
Zum Abendessen gibt es Resteverwertung, Natto (schmeckt mir diesmal nicht, ist wohl eine ältere Version) und winzige Sojasaucen-Fischchen (erstaunlich lecker). Nur verschmähen meine Gasteltern die Schokoladenhäschen, die ich auf den Tisch gestellt habe – Süßigkeiten-Verweigerung?


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 21. März 2018, 15:49:52
Dienstag, 20. März  Causing a scene
Immer noch erkältet... In der Schule fühle ich mich wieder, als ob ich in Watte stecken würde und inzwischen sind leichte Ohrenschmerzen dazu gekommen. Hmm, ab welchem Punkt soll ich zum Arzt gehen? In Deutschland wäre ein Erkältung längst weg nach sovielen Tagen.

Habe mich mit Jan-Ole und Christian zum Abendessen verabredet, aber erst um 18 Uhr, da ich eigentlich zu den Yatais (Essenbüdchen) gehen will.

Nach der Schule laufe ich noch etwas durch Tenjin Chikagai, bestaune wie immer die Klamottenkombinationen (Farben und Schnitte, die ich nicht mischen würde, die aber seltsamerweise doch gut aussehen, nur leider alles viel zu klein) und lächele über die wie Tortendeko aussehenden BHs der Wäscheläden (pastellfarben, alles mit Spitze und Rüschen und natürlich mindestens 5cm dicker Polsterung).

Dann fahre ich zum Hauptbahnhof Hakata, um meine ersten Zugreservierungen zu tätigen. Ich stehe 35 Minuten an, weil vor mir eine ganze chinesische Reisegruppe Zugpässe kauft. Ich reiche der Angestellten am Schalter meinen Reisepass, das Formular mit den gewünschten Zugverbindungen und das Rail Pass Booklet. 

Sie fragt mich (auf Englisch), ob ich einen Rail Pass kaufen will. Ich: „Nein, ich habe schon einen, ich will Sitzreservierungen vornehmen.“

Sie: „Das geht nicht. Bitte kaufen Sie einen Pass.“ Ich: „Häh?? Warum das denn?“

Sie: „Sie haben keinen Rail Pass.“ Ich: „Aber ich bin doch vor einer Woche hier gewesen und ihre Kollegin hat meinen Reisepass und den Coupon gecheckt und mir das hier [zeige auf Booklet] gegeben.“

Sie: „Das ist kein Rail Pass.“ Ich: „Wie bitte?? Was soll das denn sonst sein?.“

Sie: „Das ist kein Rail Pass. Sie brauchen einen Gutschein.“   Ich: „Aber den habe ich doch letzte Woche schon dabei gehabt und ihre Kollegin hat mir das hier gegeben, als ich ihr meinen Gutschein und Pass gezeigt habe. Gleiche Uniform, gleicher Schalter.“  [So langsam werde ich wütend]

Sie: „Das ist aber kein Rail Pass. Möchten Sie jetzt einen Rail Pass kaufen?“  Ich: „Nein, ich habe den in Deutschland doch schon bestellt und und bezahlt. Ich dachte, das hier ist der Rail Pass?!“ 

Sie: „Nein, das ist kein Rail Pass. Sie brauchen ein Ticket.“

[Da ich mit Englisch nicht weiter komme und langsam verzweifele, wechsele ich zu Japanisch]: Ich: „Ich bin extra letzte Woche hier gewesen und habe Ihrer Kollegin alles gezeigt, sie hat meinen Pass und Coupon überprüft und sie hat mir dann das hier gegeben.“  [Tippe auf das Booklet].

Sie greift nach hinten und zeigt mir einen Kasten voller abgerissener Coupons: „Sie brauchen so was hier, damit sie einen Rail Pass kriegen. Haben Sie sowas nicht?“

Ich [langsam verzweifelt]: „Ja, doch habe ich, habe ich doch schon gesagt. Aber das hatte ich doch schon letzte Woche dabei. Warum habe ich denn jetzt keinen richtigen Rail Pass??“

Jetzt bekomme ich Angst, dass ich meine 500€ wegen der dämlichen Angestellten der letzten Woche verloren habe. Verdammt, und ich war auch noch nett zu der...

Sie: „Keine Ahnung, aber das hier [zeigt auf das Booklet], ist nur ein Antrag auf einen Rail Pass. Das eigentliche Ticket ist der Stempel oder Aufkleber hier drin [zeigt eine von einer Folie abgedeckte Stelle an der Innenseite] .“  Ich: „Okay, dann geben Sie mir das Ding bitte zurück und ich schaue zuhause, ob ich den Coupon noch finde.“

Sie: „Ich kann Ihnen das nicht zurückgeben.“

Ich (verstehe nicht, warum ich das Booklet nicht wieder haben kann, wenn das eh nur ein dummer Antrag ist und darin sind immerhin meine gesamten Kontaktdaten, Passnummer etc.): „Bitte geben Sie mir dann wenigstens den ausgefüllten Antrag zurück.“

Sie: „Nein! Darf ich nicht.“

Ich: „Warum dürfen Sie das nicht? Das ist doch nicht der echte Rail Pass?“ [Verzweiflung]

Sie: „Darf ich nicht.“

Ich: „Ich verstehe das nicht. Und ich verstehe auch nicht: Warum hat die Kollegin mir denn nicht den echten Pass gegeben? Ich habe ihr auf Englisch gesagt, dass ich meinen Coupon eintauschen will.“

Sie: „Weiß ich nicht. Ohne Coupon müssen Sie den Pass neu kaufen. Wollen Sie ihn neu kaufen?“

Ich [deutlich lauter]: „Nein!! Ich habe schon viel Geld dafür ausgegeben und nur wegen Ihrer Kollegin stehe ich heute ohne Pass hier. Geben Sie mir bitte den Antrag.“

Sie: „Nein!“

Ich: „Ich will ihn nur fotografieren, verdammt. Damit ich für das nächste Mal irgendwas als Beweis habe.“ 

Endlich gibt sie mir das Ding und ich fotografiere aus reiner Hilflosigkeit (was, wenn ich jetzt weder Antrag noch Coupon habe, dann habe ich gar nichts mehr in der Hand) die ausgefüllten Seiten vor der offiziellen Datumsanzeige der JR Station und schiebe ihn dann wortlos zu ihr hin.

Extremst frustriert (und halblaut auf Englisch fluchend) verlasse ich den Schalter – und hoffe, dass ich den Coupon nicht weggeschmissen habe, ich kann mich daran erinnern, darüber nachgedacht zu haben, weil ich dachte, der wäre nach Eintrag meiner Daten ins System eh wertlos.

Ich komme deswegen auch noch zu spät zum Treffen mit Jan-Ole und Christian. Der Abend geht suboptimal weiter, das Wetter ist richtig scheiße (peitschender Regen), daher will ich mich mit der Erkältung nicht in ein Yatai setzen (kein wirklicher Wetterschutz) und das Fließband-Sushi-Restaurant ist proppenvoll. Wir irren durch Tenjin, bis wir endlich die Notlösung Yoshinoya (Fleisch-auf-Reis-Schüsselgerichte) wählen.

Ich verabschiede mich von den beiden und beeile mich, nach Hause zu kommen. Zum Glück habe ich den Coupon wirklich nicht weggeschmissen, sondern in die Seitentasche des Koffers getan, aber jetzt ist es zu spät, um zurück nach Hakata zu fahren.

Meine Gasteltern meinen, die Station hätte trotz Feiertag (21. März) am nächsten Tag auf und ich solle einfach morgens hinfahren.

Erkenntnis des Tages: Auch wenn Japaner manchmal so tun, als ob sie alles auf Englisch verstanden haben, lieber nochmal auf Japanisch erklären.


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 21. März 2018, 16:32:09
Mittwoch, 21. März: Shunbun no hi
Heute ist ein nationaler Feiertag, Tagundnachtgleiche, aber die meisten großen Geschäfte haben, wie an jedem Feiertag und Sonntag auch, ab 10 Uhr auf.

Muss wieder so lange in Hakata am Schalter anstehen, aber der Umtausch ist diesmal absolut schmerzlos. Schon in der Schlange schaut sich eine Angestellte den Reisepass mit dem Visum und den Coupon an, gibt mir ein neues Booklet (aka. Antrag) und ich fülle das und das Reservierungsformular aus. Am Schalter gebe ich alles einer anderen Angestellten, der ich sofort auf Japanisch sage, dass ich den Coupon gegen den richtigen Railpass eintauschen will und sie klebt einen Sticker rein mit dem von mir gewählten Startdatum. Dann druckt sie mir die Reservierungstickets aus. Fertig.  Gah! Warum konnte die dumme Kuh vor einer Woche das nicht?

Ich bummele noch durch Hakata Station (Nobelkaufhaus und Shopping Mall inklusive), dann fahre ich mit der U-Bahn zurück nach Westen. Da ich aber erst um vier Uhr wieder zuhause sein muss, mache ich einen Abstecher zum Ohori Park, den ich bei dem Scheißwetter fast für mich alleine habe, die einzigen anderen Spaziergänger sind chinesische und koreanische Touristen.

Am Eingang finde ich als erstes jede Menge Katzen, aber leider gehören die zu einer Obdachlosen-Kolonie, also den typischen aus blauen Gewebeplanen gebauten Dackelgaragen-Haufen, in die ich nicht eindringen will.

Genausowenig will ich die Vorbereitungen auf das Hanami stören, überall werden Absperrungen errichtet und Bäume mit Seil abgezäunt, damit die Leute nicht auf den Wurzeln sitzen. Im Maizuru-Park werden auch schon Jahrmarkt-ähnliche Buden aufgebaut, die wahrscheinlich größtenteils typisches Matsuri (Sommerfest)-Essen bieten werden, sobald es mit der Kirschblüte richtig los geht.
Momentan blühen nur einzelne Bäume – und diese werden von den Chinesen für Erinnerungsfotos belagert.

Von der Burg selbst sind nur die Befestigungen übrig geblieben, ich erklettere sie kurz, staune über die vielen Krähen nahe der Turmspitze und dann gehe ich quer durch den Park, durch das Wohnviertel Jounai (übersetzt etwa: on the castle grounds), dessen Existenz ich immer noch nicht verstehe. Einzelne Häuser auf einem weiten Feld mitten in der Mitte des Ohori-Parks.

Da mein Handy sich über zuwenig Akku beschwert, nutze ich die Gelegenheit und kehre am Rand des Sees in den örtlichen Starbucks ein. Mein von den Gasteltern geschenkter Becher kam mit einem Gutschein für ein Freigetränk, ich nehme dafür einen Matcha Latte. Börks, der ist genauso süß wie in Amiland, warum hält es nicht jedes Land wie in Kanada, wo einen die Starbucks-Angestellten fragen, wieviel Zucker oder Sirup man will?

Außerdem gibt es keine Steckdosen – na toll, dann nehme ich eben den Laptop zum Aufladen meines Smartphones. Als es stärker regnet, wird der Laden auf einmal proppevoll, weil die Chinesengruppe von eben hier Zuflucht sucht.

Über die Landbrücke und dann die Strecke, die ich schon mal gejoggt bin, komme ich nach Nishijin, aber Nobutaka und Chiharu sind beim Einkaufen. Um 16:30 packt Nobutaka Kota ein und Chiharu jede Menge Geschenke und wir fahren zu ihren Eltern. Den Fotos und Erzählungen nach zu urteilen, hat Chiharus Haus schon immer ausländische SuS beherbergt, aus Deutschland, Schweden, den Niederlanden und der Schweiz.

Das Mädchen, das jetzt dort wohnt, Rena aus Hamburg, ist noch Schülerin und für ein halbes Jahr zum Austausch an einer japanischen Highschool. Dafür, dass sie auch erst ein halbes Jahr Japanisch gelernt hat, ist sie nicht schlecht, ihr Englisch auch nicht – lässt sich beurteilen, weil wir uns nicht auf Deutsch unterhalten. Wie immer ist es nicht möglich, bei den Essensvorbereitungen zu helfen, immerhin darf Rena Tee kochen – der ist allerdings sehr dünn geraten. Dann trudeln nach und nach die anderen Familienmitglieder mit eigenen Familien ein und ein Schwede namens Gustav, der vor vier Jahren dort gewohnt hatte und jetzt an der Kansai Daigaku für ein Austauschprogramm ist.

Ich kriege schon wieder ein Geschenk, diesmal ein Mitbringsel aus Disneyland, von der Nichte von Chiharu, Honoka. Bisschen peinlich, dass ich nur Gummibärchen dabei habe.

Es gibt leckeres Sushi, gekochten Bambus aus dem Wald der Großmutter, Karaage und Chawan-Mushi (fluffiges gedünstetes Ei), den selbstgemachten Umeshu muss ich leider wegen der Erkältungsmedizin ablehnen. Gustav sitzt bei den Männern, dort geht es deutlich lebhafter zu als auf der „Damenseite“, wohl auch wegen dem Alkohol. Ich halte mich so stark mit essen zurück, dass ich mehrfach aufgefordert werde, weiter zu essen. Während des Essens wuseln die beiden Dackel Daku und Musashi (taub, halbblind) herum, Kota muss im Korb warten, weil schlecht erzogen und Essen-klauend.

Während Chiharu, die Mutter, die Schwester und die Schwägerin abwaschen, kuscheln wir beiden Deutschen nach dem Essen die Hunde und unterhalten uns, unterbrochen durch Großfamilien-Fotos, pflichtbewusstes Anschauen von Familienfotoalben, Spielen mit den Kindern (Honoka, 15 und Yamato, 5) sowie Kuchen – Chiharus Vater hat Geburtstag, wusste ich auch nicht.

Insgesamt sehr netter Abend, irgendwann wurde auch die Stimmung lockerer, nur endet er bereits um 22:15, alle gehen zur gleichen Zeit. Ich bin froh, dass ich im Gegensatz zu Gustav nicht komplett Lebewohl sagen muss, für Samstag ist ja das Nacht-Hanami im Maizuru-Park geplant, dort werde ich die meisten aus Chiharus Familie wiedersehen.

Wir lassen Gustav noch am Bahnhof Tenjin aussteigen, damit er einfacher zu seinem Hotel zurück findet, der Arme hat kein WLAN, weil sein tragbarer Router nicht funktioniert.

Ich verweigere mich heute erneut der Pflichtdusche – mal schauen, ob ich morgen wirklich zum Arzt gehe oder ob die Erkältung endlich vorbei geht.


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 22. März 2018, 13:44:52
Donnerstag, 22.3. Erledigungen
Mir geht es etwas besser, ich hadere also mit der Entscheidung, ob ich wirklich zum Arzt oder noch warten soll. In der Schule starte ich wie jeden Tag zuerst den Wasserkocher, der wird aber bis zum Unterricht nicht fertig – also leider nur (k)alter Tee im Klassenraum.

Ich lasse mich von den Jungs überreden, in einen normalen Supermarkt zu gehen – ich glaube aber nicht, dass das Essen dort billiger oder besser. Wenn ich mir meine Ernährung hier in Japan anschaue, ist sie sehr proteinlastig (Fleisch, Fisch, Tofu, Milchprodukte), ich esse hier weniger Gemüse als in Deutschland, aber auch deutlich weniger Zucker.

Nach dem Unterricht schaue ich auf mein Handy und bemerke, dass mich jemand angerufen hat und auch eine Nachricht hinterlassen hat, es ist eine Nummer aus Fukuoka, aber niemand aus meiner Kontaktliste. Weil ich den Umschlag mit der Anleitung für die Simkarte nicht dabei habe, habe ich keine Ahnung, wie ich die Mailbox abhöre, also rufe ich zurück und kriege einen etwas verwirrten Japaner an den Hörer, der mir aber zumindest sagen kann, dass er ein Angestellter der Post in Fukuoka ist und mich an seine Kollegin weiter reicht, die mir erklärt, dass das Paket für El Salvador zurückgeschickt worden ist.

Ich verspreche, direkt zur Postfiliale zu kommen und fahre zurück nach Nishijin. Hahaha, dort wird mir klar, was passiert ist: Die Angestellte der kleinen Post in Akebono hat, weil sie wohl nur „Amerika“ verstanden hat, meine Landesangabe „El Salvador“ auf dem Paket durchgestrichen und „USA“ darüber geschrieben, aber so konnte das Paket mit der San-Salvador-Adresse natürlich nicht verschickt werden. Es ist ihr sehr peinlich, aber für Mittelamerika existiert die gewählte Economy-Versendungsart nicht und ich muss den Aufpreis für Luftpost zahlen.
Als Entschuldigung erhalte ich wohl die seltsamste Geschenkzusammenstellung ever: Klümpchen und Waschpulver für die Waschmaschine.

Danach kümmere ich mich darum, wie ich den zweiten Koffer nach Tokyo kriege und rufe bei der englischen Hotline von Yamato Kuroneko an  – wenn meine Gasteltern so nett sind, den Koffer dem Kurierdienst zu übergeben, wäre das super, dann habe ich sofort beide Gepäckstücke, wenn ich mit dem Shinkansen aus Kyoto ankomme.

Dann kläre ich meine Finanzen (ich führe eine Tabelle mit allen Ausgaben und checke jetzt meine Kontoauszüge für die Kreditkarte und mein Girokonto - uff, ich habe schon fast 600 Euro ausgegeben) und versuche Anna zu helfen, aber die hat inzwischen ihren Flug schon selber gebucht bekommen.

Das Abendessen heute ist üppig: Reste von gestern (Karaage und der leckere Bambus), Misosuppe, Fleisch mit Sojasprossen, Chikuwa (sowas wie Surimi), Hähnchenschenkel.

Meine erste Gastmutter hat mir eine Email geschrieben und ich habe den Fehler gemacht, zu sagen, dass ich ihr dankbar bin, auch weil sie im Vergleich zur jetzigen Familie so viel mit mir unternommen hat – und sie hat das nicht wie beabsichtigt als Lob, sondern als Aufforderung gelesen (verdammich, ich hätte es besser wissen sollen, das kann man als indirekte Beschwerde und Aufruf, tätig zu werden, verstehen) und will jetzt am Wochenende mit mir einen weiteren Ausflug machen. Im darauffolgenden Email-Wechsel versuche ich höflich abzulehnen (sie hat ja gerade das Enkelkind bekommen und ich will nicht, dass sie wegen mir Umstände macht) – wir einigen uns darauf, uns am Sonntag einfach so zu treffen, puh. 

Memo to self: Omiyage kaufen.


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Lillithienne Tasartir am 22. März 2018, 21:22:19
Fancy, Condra goes japan  :icon_mrgreen:

Wünsche dir liebe Maria gute Besserung!!!! - und falls iwer dort drüben ganz zufällig noch Platzressourcen hätte und drüber stolpert, ich suche derzeit dried butterfly pea tea blue flowers (Clitoria Ternatea), angeblich kann man damit Stoff färben *g*


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Lix am 23. März 2018, 10:31:01
*Nerd on*
Das Blau bei Schmetterlingsblütlern ist fast immer ein Anthocyan, das wird auf Stoffen immer grün, egal wie du die vorbehandelst.
*Nerd off*
 :icon_mrgreen:


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Lillithienne Tasartir am 23. März 2018, 12:05:25
Spannend!
Weil hier ist - zumindest die Baumwolle, tatsächlich am ende blau geworden:
http://pflanzenfarben2015.blogspot.de/2016/08/die-blaue-klitorie-sandras-versuch.html (http://pflanzenfarben2015.blogspot.de/2016/08/die-blaue-klitorie-sandras-versuch.html)


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 23. März 2018, 14:24:13
Ich kann es versuchen zu finden, aber die Tatsache, dass die Teegeschäfte hier noch nicht mal meinen Kawaraketsumei-cha haben oder bestellen können (und das ist eine japanische Pflanze!) macht mich nicht hoffnungsvoll.


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Lix am 26. März 2018, 19:10:58
Uh, danke für den Link, vielleicht ist da ja sogar ein bisschen Indigo drin, das ist zwar selten, aber kommt schonmal vor...


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 27. März 2018, 12:31:09
Freitag, 23.3. Okonomiyaki
Den Tag heute habe ich mir komplett verplant. Nach dem Unterricht treffe ich mich mit meiner Tandempartnerin und wir gehen in der Shitencho-Shoutengai essen (es dauert allerdings etwas, bis ich ihr auf Englisch klar gemacht habe, dass ich etwas Warmes will und nicht nur in einem der Backwaren-Cafes sitzen), zuerst Curry, dann Tee in einem Kaffeeladen. Gesprächsthema diesmal sind Kindheitserinnerungen und der Unterschied zwischen Stadt und Land. Sie hat ihren Job bei einer Bankfiliale in einer Kleinstadt gerade gekündigt, um für die Fluglotsen-Prüfung zu lernen, daher nimmt sie auch Englischkurse an der Sprachschule.
Kurz vor 17:00 sind wir zurück an der Sprachschule, ich schwatze ihr einen Kräutertee auf und dann verabschiedet sie sich, weil der Kanji-Kurs beginnt. Die Schule hat wieder zwei japanische Praktikantinnen „gezwungen“ (naja, okay, eine will Japanischlehrerin werden, das passt also) daran teilzunehmen, sie lernen also mit mir und dem deutschen Physiker, Spitzname Gigi, die unterschiedlichen Kanji für „erschaffen, machen, herstellen“.
In der kostenlosen Klasse danach ist das Thema die historische Entwicklung von japanischen Verben, besonders die te-Form. Eigentlich ganz interessant, zu erfahren, woher die Unregelmäßigkeiten der Bildung kommen (meine Vermutung war richtig - einfachere Aussprache).
Der Abschluss des Abends danach ist der Ausflug in das Okonomiyaki-Restaurant Unohana im Hochhaus IMS. Viele Büro-Türme in Japan haben auf den obersten Etagen Restaurants, deren Hauptkundschaft die arbeitende Bevölkerung im selben Gebäude ist. So sind auch hier alle anderen Gäste Salarymen. Die Schule hat vorsorglich einen Tisch für uns reserviert, aber ich bin trotzdem erstaunt, als die beiden Praktikantinnen plötzlich nicht mehr da sind – ihr Auftrag war wohl, uns bis zum Restaurant zu bringen – pff, das hätten wir auch selber geschafft...
Ich texte Laura die Adresse, damit sie direkt nach der Arbeit zu uns stoßen kann. Insgesamt sind wir drei deutsche Sprachschüler/innen (ich, Gigi und eine ältere, neu dazugestoßene Dame, Birte) und Kanna.
Laura kommt an und erzählt, wie ihr Praktikum bis jetzt gelaufen ist – und was sie für Probleme mit der Schule hatte. Das Fahrrad, das sie zuerst von der Schule bekommen hatte, war kaputt und wurde von Alex ausgetauscht, allerdings ohne dass er ihr das mitgeteilt hätte. Laura wachte also an diesem Morgens auf, ihr altes Rad war weg, das neue Rad an derselben Stelle hatte ein Schloss, aber ihr hatte niemand etwas gesagt oder den Code mitgeteilt – ohne Fahrrad kam sie zu spät zur Arbeit, da Alex nicht auf ihre Nachrichten reagierte und den Code bekam sie erst am Abend per Email. Klar, dass sie nicht gut auf ihn zu sprechen ist, als er nachkommt – und er dann auch noch hart die Chance versemmelt, sich zu entschuldigen.
Im Gegensatz zur anderen Tischseite, die alle dasselbe Okonomiyaki bestellen (langweilig!), suche ich mir das Monjayaki aus und Laura das Mochi-Käse-Okonomiyaki. Richtige Entscheidung, mein Essen ist das einzige, was auf der heißen Platte in der Mitte des Tisches direkt frisch vorbereitet wird.
Monjayaki ist wie Okonomiyaki eine Mischung von kleingeschnittenem Weißkohl, Teig und anderen Zutaten, aber deutlich flüssiger und wird mit kleinen Spateln gegessen.  Da wir beide gleich erkältet sind, haben Laura und ich keine Skrupel, unsere Gerichte zu teilen. Lecker!
Am Bahnhof Tenjin trennen wir uns und ich fahre nach Hause. Es ist 21:00 und noch immer sehr viel los, das Nachtleben scheint gerade erst loszugehen – Killer Heels und Miniröcke!


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 27. März 2018, 12:42:35
Samstag, 24.3. Sakura
Genau wie Jan-Ole und David habe ich mich von der falsch angegebenen Zeit im Schulkalender verwirren lassen und starte um 9:15 Richtung Hakata, um in der U-Bahn zu merken, dass wir uns erst um 11 Uhr am Sennen no Mon (Tausend-Jahre-Tor) in Gion treffen werden. Die eine Stunde nutze ich, um in Nakasu das Fukuoka Asian Art Museum zu besuchen, das moderne Kunst aus ganz Asien zeigt, von Indien bis Singapur und der Mongolei. Günstig (200 Yen) und gute Auswahl aller Stilrichtungen und Genres, erinnert mich an das MoMa in New York, nur viel, viel kleiner. Im obersten Stockwerk ist ein Ausstellungsraum für lokale Künstler, darunter auch die Gewinner eines Wettbewerbs von Minne, einer Plattform für Miniatur-Handarbeiten.
https://minne.com/curations/32
Vor allem die 3D-Kunst-Objekte beeindrucken mich, leider haben sie einen entsprechenden Preis, als ich sie im Museumsshop zum Verkauf angeboten finde. Da die Zeit knapp wird, bin ich froh, dass die Wanderausstellung mich nicht interessiert (Paddington der Bär) und beeile mich, zum Treffpunkt zu kommen. Die Eile war unnötig, unserer italienische Führerin Lucrezia samt Freundin kommt zu spät. Sie macht gerade ein von der Asahi-Schule vermitteltes Praktikum in einer lokalen Werbe-Zeitungsagentur und drei von ihren Kollegen/jap.Mit-Praktikanten gehen mit auf die Tour.
Die erste Station ist Joutenji, ein Zen-Tempel mit sehr hübschem Garten. Leider ist der Steingarten (der auch im Fukuoka-Werbevideo gezeigt wird) abgesperrt, aber laut Gigi ist er während der Herbstlaubfärbung wunderschön, man könne auf der Veranda des Tempels Matcha trinken und die nächtliche Lichtshow bewundern.
Etwas lustig finde ich die Denkmäler im Tempel, eins davon ist ein Dank an die Götter für Soba und Udon (Nudeln), das zweite verehrt den Japaner, der die Verarbeitungstechniken (Mühlen, Ernte, Lagerung...) aus China und Korea mitgebracht hat und die ersten Manju (runde Teigtasche) und das erste Youkan ermöglicht hat (dritte Stele).
Der Joutenji ist der Schrein, dessen Priester der Legende nach der Ursprung des Gion Yamakasa Festivals sein soll. Während einer Pestepidemie wurde er durch die Stadt getragen und seine Segnung vertrieb die Pest.
Auf der anderen Straßenseite ist ein weiteres Gebäude, das zum Joutenji gehört, hier ist allerdings nur das pompöse Tor für die Kaiserfamilie (daher seit 1000 Jahren geschlossen) und der Hyakudoishi interessant, ein Stein, der die Stelle markiert, die man beim Hyakudomairi umrundet (100-Gebete-Ritual, bei dem man zwischen einem Schrein und dem Stein 100 Mal hin und herläuft und jedesmal betet, machten früher vor allem Frauen, wenn Männer und Söhne in den Krieg zogen). Dasselbe gab es auch beim Nanzouin, nur mit einem Zähler (Drahtring mit Ringen, die man von einer Seite auf die andere legen kann).
Der zweite Tempel, Tochoji, gehört zum Shingon-Buddhismus, also der Strömung, die sagt, dass es möglich ist, Erleuchtung/Buddhasein auch schon im Diesseits zu erlangen. Er ist viel größer und hat außer einer großen Halle einen Nebentempel mit Sutras, eine rote fünfstöckige Pagode, eine Gebetskette mit klackernden Kugeln (falsche Anzahl, keine 108) und vor allem den Riesen-Holz-Buddha. Das Schnitzen der Statue wurde 1988 angefangen und dauerte vier Jahre (laut vergilbten Fotos im Versammlungssaal). Im Sockel unter dem Buddha befindet sich der „Höllenpfad“, man geht an einer Seite rein, kommt an möglichst schockierenden Bildern der sieben buddhistischen Höllen vorbei, bevor man durch einen komplett dunklen, sich in alle Richtungen windenden Gang den Ausgang sucht. Das erste Licht – und damit das „Paradies“ - ist ein Bild des Buddha, ausgeleuchtet von Laternen.  Eine gute Idee ist, finde ich, dass der Tempel für die Buddhahalle keinen Eintritt verlangt und man stattdessen für 50Yen eine Kerze und Weihrauch kauft.

Statt einem Tempel ist die nächste Station das Hakata Machiya Folk Museum, ein altes Haus in der Altstadt (von der durch die Bombenangriffe im 2. Weltkrieg nicht viel übrig ist). Drinnen steht ein Jacquard-Webstuhl mit Lochkarten, an dem ein lokaler Handwerker gerade einen Obi webt. 1 Stunde für 2cm – kein Wunder, dass die traditionellen Textilien so teuer sind. Ich versuche mein Bestes, einer englischen Touristin die japanische Beschreibung des Webstuhls zu übersetzen...
Leider sind heute keine weiteren Vorführungen angesetzt – früher hatte die Schule wohl Workshops in dem Museum reserviert, aber in dem einen Monat, wo ich da war, natürlich nicht, meh!
Am Ryuguji-Tempel gehen wir nur vorbei – hier ist die Legende das Interessanteste, der Tempel soll über dem Grab einer Meerjungfrau errichtet worden sein.
Je näher wir dem Stadtzentrum kommen, desto mehr Touristen sind unterwegs und der Kushida-Schrein ist genau wie der Tochoji ein beliebter Stopp für die organisierten Bustouren – daher ist er sehr voll. Ich kaufe mir ein Omikuji (Glückslos) und bin laut ihm „slightly lucky“.
In der Kawabata Shoutengai essen wir Udon zu Mittag – statt dem Fukuoko-Spezial-Gobo-Ten-Udon nehme ich das Hähnchen-Udon, weil da ein Salat dabei ist. Gigi gefällt der Laden, weil er immer auf der Suche nach familiengeführten Restaurants ist.
Ich fasse auch den Entschluss, hierhin zurück zu kommen, aber nicht wegen dem Essen, sondern wegen der Einkaufsstrasse. Solche Retro-Shoutengai sterben in Japan wegen der Konkurrenz zu Malls und Einkaufszentren langsam aus, aber Kawabata scheint noch sehr aktiv – im Vergleich zu der Shoutengai in Takamatsu (und das war schon 2005) gibt es hier keine leerstehenden Läden. Nicht ganz unschuldig daran ist natürlich der Tourismus, der auch mit einem Yamakasa (Lade mit Pappmaché-Berg-Figuren-Panorama) angelockt wird – hier lustigerweise in der Star Wars-Version.
Wir laufen etwas im Kreis, um den Suikyo Tenmangu-Schrein zu besichtigen, der fast zwischen den Hochhäusern verschwindet. Der Legende nach soll Sugiwara no Michizane (also der Gelehrte, der auch in Dazaifu als kami verehrt wird), hier in einen Teich geblickt haben – daher der Name „Wasserspiegel“. Aber der Hund der den Tempel verwaltenden Familie ist interessanter als das Gebäude selber, dessen wichtigste Eigenschaft ist, dass er der Stadt Tenjin den Namen verliehen hat.
Auch den Suijo-Park (öffentliche Aussichtterasse direkt am Nakasu-Fluss) und das Akarenga Cultural Center finde ich jetzt nicht soooo spannend. Letzteres ist ein rotes Backsteingebäude aus der Meiji-Zeit, erbaut von demselben Architekten wie Tokyo Station. Wir dürfen nicht in die obere Etage, ich vertreibe mir stattdessen die Zeit, mir vorzustellen, wie es innen ausgesehen hat, als es im 19. Jhd der Hauptsitz einer Versicherung war, mitsamt Marmor-Schalterhalle.
Ein Teil der Kollegen von Lucrezia verabschiedet sich hier, weil sie zurück zur Firma müssen, wir gehen noch zum Ankokuji – aber den Tempel hatten wir schon bei der Stadtführung am ersten Tag auf dem Programm und er ist eh noch nicht fertig – ich stalke also stattdessen lieber die Tempelkätzchen, die leider wie alle Katzen hier in Fukuoka Straßenkatzen sind.
Ich kaufe noch schnell ein Omiyage für Frau Tsuruda, die ich am nächsten Tag besuchen will und kehre nach Nishijin zurück, wo mich beim Öffnen der Tür Lärm empfängt. Der Tisch ist auf volle Länge ausgezogen und außer meinen Gasteltern sind Kiyomi, Chiharus Mutter, Lena und zwei Schweden im Wohnzimmer. Der wegen einem Hexenschuss auf dem Boden liegende Alex hat vor 11 Jahren Homestay bei Kiyomi gemacht und er und seine Schwester Gaby sind auf ihrer Japanreise zu Besuch vorbeigekommen. Die Westler unterhalten sich angeregt auf Englisch, bis es ganz plötzlich heißt „Aufbruch zum Hanami“.
Alles zwängt sich in Nobutakas Auto (hat hinten 5 Sitze) und wir parken am Maizuru-Park. Ich wundere mich etwas, dass wir für ein Hanami sowenig dabei haben – ich hatte keine Zeit, meine Gummibärchen-Reserven zu holen, gehe aber davon aus, dass der Rest von Chiharus Familie im Park auf uns warten wird. Zu früh gefreut – statt einem ordentlichen Hanami-Picknick unter den halb blühenden Bäumen hatten die Gasteltern wohl einen kurzen Spaziergang geplant, daher sind sie etwas pikiert, als wir Westler uns auf einmal hinsetzen wollen – können aber wegen Alex Rücken nicht ablehnen.
Also sitzen wir auf Rucksäcken und Jacken, tauschen mit der multinationalen Nachbargruppe Bier (schwedisches Craft Beer) gegen Plastikgläser und wundern uns, als die Gasteltern nach ca. 15min wieder aufbrechen wollen – stellt sich heraus, dass sie keine Eintrittsgebühr für die nächtliche Lichtshow ausgeben wollen.
Zurück im Matsuo-Haus und nach der beruhigenden Erkenntnis, dass die schwarzweiße Katze von einer jungen Studentin jeden Abend um 19h gefüttert wird, essen wir an der Tafel teure Bentoboxen (äh ja, bis auf die rohen Mini-Oktopi, die unsere Gaijin-Tischseite einhellig verschmäht) und lustige Dinge wie Umeboshi - auch wenn ich jetzt schon zusammenzucke, wenn ich sehe, wieviel Müll die Plastikboxen machen werden.
Je mehr Alkohol die Männer intus haben, desto lustiger wird das Gespräch. Kazuo, der Vater von Chiharu, Chie und ? (habe den Namen der jüngsten Schwester vergessen) versucht immer Witze zu machen, irgendwann schläft er ein, weil er wegen des Golden Retrievers zu Fuß vom Elternhaus und Ohoripark gekommen ist. Die Hunde (Daku, Musashi, Pluto) werden am Ende des Abends alle mit ins Auto gepackt und dann ist der Abend vorbei.

Memo to self: Selber Nacht-Hanami organisieren!


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 27. März 2018, 12:51:04
Sonntag, 25.3. Akizuki und Sentou
Nach dem Frühstück fahre ich nach Tenjin und steige diesmal sofort in den Tokkyuu (Schnellzug) nach Futsukaichi – daher bin ich eine Stunde zu früh und nutze die Zeit für einen Supermarkt-Quickie (Katzenfutter, Schokobrioche und Möhren) und einen kleinen Spaziergang im Stadtpark. Nix Besonderes, wird aber Sonntags morgens wohl außer von Hundehaltern von einem Leichtathletik-Schulclub genutzt. Die armen Kinder müssen einen Berg hochrennen und die Trainer nehmen die Zeit. Mir ist zu warm, trotzdem laufe ich (Anti-Erkältung) mit Schal durch die Gegend und wundere mich über die Tatsache, dass am Rand des Parks ein Apartment-Mietshaus direkt in einen alten Friedhof gebaut wurde.
Um 11 Uhr hält Frau Tsurudas Auto am Bahnhofsvorplatz. Wir fahren zu ihrem Haus, wo ihre Schwiegertochter mit dem nächsten Neugeborenen (Miharu) und der einjährigen Kaho wartet. Ich werde zum Mittagessen eingeladen (Hauptteller ähnlich wie Taco-Reis, dazu Gobo-Fleisch-Gericht, Speck-Käse-Hanten und Salat). Das Natto lehne ich ab, das kann gerne Kaho essen.
Wir nehmen Kaho mit, als wir uns nach Akizuki aufmachen, einer ehemaligen Festung, die den Charme einer Samurai-Stadt in den Bergen behalten haben soll. Leider sind die Kirschbäume auf dem Hauptweg noch nicht aufgeblüht, aber trotzdem ist viel los. Mit dem Kinderwagen kommt Frau Tsuruda nicht die steilen ehemaligen Burgzugänge hoch, daher laufe ich alleine zum Tempel und zu der Stelle hoch, an der die Burg stand (dort ist jetzt eine Grundschule).
Insgesamt scheint die Stadt außerhalb der Touri-Saison vom Bevölkerungsschwund betroffen zu sein - mehrere verlassene Häuser, die beiden hölzernen Tempel sind nicht gut gepflegt, alles hat einen Hauch von Vergänglichkeit.

Aber ein paar interessante Geschäfte – ein Laden, der Stoffe mit Sakurablättern einfärbt, ein paar Künstlerläden (leider außerhalb meines Geldbeutels), vor allem aber Flohmarktbuden in einem Teil von Akizuki, den Frau Tsuruda noch nie besichtigt hat. Da sie mit dem Kinderwagen draußen wartet, kann ich mir nicht soviel Zeit zum Stöbern nehmen, wie ich wollen würde, denn die Auswahl an japanische Antiquitäten wie Shokado-Boxen, Teebecher, Teekannen, Keramik, Kimonostoffe, Kimonos und Gürtel ist groß. Ich muss mich extrem zurückhalten (Koffer-Limits! Koffer-Limits!) und gebe nur 800 Yen aus.

Als Dankeschön für das Fahren und die Parkgebühr lade ich Frau Tsuruda in einem Hippie-mäßigen Kramsladen, der gleichzeitig als Cafe (mit Kotatsus drinnen) und Dritte-Welt-Laden fungiert, zu einem Matcha-Latte ein.

Zurück in Dazaifu holt die Schwiegertochter eine Kuchenbox aus dem Kühlschrank, kleine Kostbarkeiten aus einer französischen Patisserie – und natürlich kriege ich schon wieder Geschenke, diesmal Kuzu (Gelee) und Fukuoka-Horimon, das ich mit den Matsuos essen soll. Beim Abschied von Frau Tsuruda bin ich sehr dankbar und auch etwas wehmütig, ich glaube, bei ihr hätte ich einen noch besseren Monat in Fukuoka gehabt.

Kurz trage ich mich mit dem Gedanken, den Matsuos nicht zu erzählen, dass ich den kompletten Tag mit meiner ersten Gastmutter verbracht habe, dann schaltet mein Gehirn sich ein und sagt „Na und? Sie hatten eh nichts Besonderes für den Sonntag geplant“. Chiharu war zumindest mit Kota im Ohori Park Gassi-Gehen, Nobutaka ist wieder mit dem Motorrad unterwegs.

Ich sage Chiharu über Line Bescheid, dass ich kein Abendessen brauche, weil ich Joggen und ins Sentou (Badehaus) will, aber auf dem Weg nach Hause entscheide ich mich, dass Joggen eine dumme Idee ist (damn you, cold!), daher gehe ich direkt ins Sentou Aratoyu.

Dieses kleine Bad liegt direkt an der nordwestlichen Ecke des Ohori Parks und hat sich wahrscheinlich seit 70 Jahren nicht im Aussehen verändert: Holzschließfächer, Spiegel, alte Aushänge – und die alte Oma auf dem Aufseher-Ticket-Podest ist wahrscheinlich auch schon über 90.

Ich bezahle die 440 Yen Eintritt, ziehe meine Schuhe aus und wundere mich dann, dass ich am Eingang direkt im Umkleideraum stehe. Hier gibt es keine Trennung zwischen dem Schließfach/Massagestuhl/Milch-Kühlschrank-Raum und der Umkleide, auch wenn es die typischen Körbe gibt, in die man die Kleidung legt. Und theoretisch könnte man von der Männerseite rein sehen, wenn man sich über das Podest beugen würde. Egal, ich ziehe mich aus und gehe nur mit Shampoo, Spülung, Seife und Mikrofaser-Waschlappen bewaffnet in den Baderaum. Außer mir sind nur zwei Seniorinnen drin, eine davon ist gerade fertig und verlässt das Bad.

Ich setze mich auf den Plastikhocker und nutze die Plastikbütt unter den Wasserhähnen, um Wasser über meinen Körper zu kippen. Gründlich waschen, Haare hoch stecken und ins Wasser. Scheiße, ist das heiß! Trotz langsamem Zentimeter-für-Zentimeter-Eintauchen ist es mir nach kurzer Zeit zuviel und ich wechsele in das Mini-Becken daneben, auch heiß, aber besser zu ertragen. So habe ich Zeit den „Ausblick“ zu genießen - auf das amateurhafte Wandbild eines roten Fuji (aber hey, mit Katzen-Klecksen), auf die Shouwa-Filmposter – und die Stockflecken an der Decke.

Die Oma ist sich immer noch am Waschen – war ich zuwenig sorgfältig? Nein, des Rätsels Lösung ist, dass sie Wechselduschen macht, also sich mit kaltem Wasser abkühlt und dann wieder ins Bad steigt. Ich folge ihrem Beispiel und „kneipe“,  während sie die ganze Zeit wortlos summt und vor sich hin singt, auch als sie das Bad verlässt. Etwa 10 Minuten bin ich alleine, dann kommt eine Mutter mit ihrem Sohn rein. Ich bin etwas schockiert, als sie sich und den Jungen gerade mal mit einem Schwall Wasser begießt und dann sofort ins Becken steigt – aber vielleicht haben sie zuhause schon geduscht?

Egal, ich reibe Conditioner in meine Haare, spüle sie aus und reibe mich dann mit dem Mikrofasertuch trocken. Draußen der Fön ist mir zu teuer, daher lasse ich die Haare offen, ziehe mich an und mache zum Abschluss des Tages einen kleinen Schlenker Richtung Ohori Park, über die Brücke und finde dann noch mehr Straßenkatzen (yay!).

Wahrscheinlich wegen dem heißen Bad bin ich so platt, dass ich es nicht mehr schaffe, dieses Tagebuch weiterzuführen, sondern schlafe sofort ein.


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 27. März 2018, 12:53:48
Montag, 26.3.  Seaside Science
Weil ich so früh eingepennt bin, habe ich Lauras Frage auf Line, ob ich spontan auf einen Tagesausflug nach Karatsu mikommen will, zu spät gesehen – aber vielleicht besser so, das hätte mich in Entscheidungsnöte gebracht – Spaß oder teuer bezahlter Unterricht? In der Mittagspause gehen Jan-Ole und ich vergeblich zum Jinshu (koreanisches Restaurant), es ist zu voll, daher billiges Bento vom Straßencaterer.
Im Nachmittagsunterricht von Frau Muraoka habe ich wieder Konzentrationsschwierigkeiten, ob es am Thema, dem Nachmittagstief oder an ihrem Unterrichtsstil liegt, keine Ahnung. Da ich die Einzige bin, die um 14:30 aus hat, gehe ich alleine zur Momochi Seaside – nur um festzustellen, dass das City History Museum Montags zuhat (okay, das ist eigene Planungs-Dummheit) und dass das Robosquare nicht mehr hier, sondern umgezogen ist (die Informationen im Internet sind veraltet).
Kurzer Barfußgang am Strand – ich bin die einzige, die mit den Füßen ins Wasser geht - dann folge ich dem Fluss  (3km) bis zum Fukuoka City Science Museum in Ropponmatsu.
Der Eintritt in die Dauerausstellung kostet 500 Yen (auch hier wieder gut, dass mich die Sonderausstellung über Dinosaurier nicht interessiert, sonst wären es direkt 1500 gewesen). Das Museum ist voller kleiner Kinder – daher ist es leider nicht so einfach, die interaktiven Ausstellungsstücke in der vorgesehenen Weise zu nutzen, weil die einfach nur drauf rum tatschen und daddeln wollen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Lerneffekt hoch ist, aber viele Exponate machen Spaß – wie z.B. die Schnellschusskamera, die Videos aufnimmt, wie man einen Weitsprung macht (bei mir bedeutet das vor allem „flatternder Schal“), Verkehrskontrolle- und Abwasserkontrolle-Videospiele und sogar ein Zero-Gravity-Trainer, also so ein Sitz, der in alle Richtungen rotieren kann.
Dagegen bin ich vom Robosquare komplett enttäuscht. Bis auf drei Exponate darf man nichts davon anfassen, es sind fast alles nur Spielzeuge bis auf einen Industrieroboter in einem Schaukasten und die anfassbaren „Roboter“ (die Haustier-Ersatz-Plüschrobbe, eine Puppe und der Cubetto) sind bis auf den Cubetto, den ich schon vom Infosphere kenne, kaputt. Verschwendete Zeit!

Um 18 Uhr schließt das Museum schon, ich nehme den Weg zurück über den Fluss, vorbei an zwei Grundschulen mit blühenden Kirschbäumen rund um den Sandplatz, über den Kanal am Haus und werde von einem richtig guten Abendessen erwartet: Frittierter Tofu, weicher Tofu, Sojasprossen-Schweinefleisch-Berg, Tintenfischringe und Reis erwartet. Njam.
Wenn jetzt noch endlich die Rechnung für die Koiflaggen kommen würde, dieses blöde Bezahlsystem!


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 27. März 2018, 13:22:16
Dienstag, 27. 3.  Fukuoka City Museum
Ich lade morgens vor dem Unterricht fleißig Leute zum Yozakura Mittwoch nachts ein und Frau Ueda zieht mich zur Seite, um mir zu sagen, dass Gigi der Unterricht zu schnell geht und er um ein langsameres Tempo gebeten hat, sie sich aber schlecht dabei fühlt, mich und Zhi Ye immer warten zu lassen. Ich schlage ihr vor, dass sie uns Sonderaufgaben zur Beschäftigung geben soll.
In der Mittagspause scoute ich die Resona-Bankfiliale und versuche vergeblich, im Family-Mart-Kombini etwas Brot-Ähnliches zum Aufbrauchen meines Frischkäses zu finden und nehme mangels Alternativen am Ende ein Kare-Pan (frittierter Teigball mit Curry-Füllung) und Mochi-Stangen. Seufz, Weichbrot...
Meine Nachmittagslehrerin ist heute Frau Kumagae, mit der ich weiter durch die grammatischen Standard-Satzmuster gehe (wieso gibt es davon so viele??). Sie geht deutlich langsamer vor und schreibt zusätzliche Beispielsätze an – dafür sind ihre Erklärungen schwerer verständlich als die von Frau Morioka.
Nach der Schule habe ich mich mit Lena in Hakata verabredet, nur leider vergessen, ihr zu sagen, dass es von der Schule aus eine halbe Stunde dauert. Wir treffen uns am Haupteingang und gehen dann zu Fuß nach Kawabata in die Shoutengai, mit einem Zwischenstop im Kushida Jinja (deutlich weniger Leute als am Wochenende und diesmal mit voll aufgeblühten Kirschbäumen). Ich kaufe zwei Touri-Souvenirs in einem 100Yen-Laden, finde leider keinen passenden Visitenkartenhalter aus Hakata-Ori und ärgere mich, dass die Zenzai-Bude an diesem Tag nicht aufhat.
Am Ausgang der Ladenstraße steigen wir in die U-Bahn und fahren nach Nishijin, um zu Fuß zum City History Museum zu gehen. Na toll, das hat auch nur bis 17:30 auf, warum haben japanische Museen am Abend nicht auf? Die Stunde reicht gerade für einen Durchlauf durch die permanente Ausstellung – das Museum hat zwar weniger „Nationalschätze“ aufzuweisen als das Kokubutsukan in Dazaifu, aber dafür eine bessere Aufteilung und meiner Meinung nach die interessantere Aufmachung. Für das Verkleiden mit asiatischen Nationaltrachten (sind aber eh in schlechtem Zustand) bleibt keine Zeit mehr.
Lena war noch nicht am Meer, wir kaufen uns Eis in einem Konbini und sitzen am Strand und am Pier bis kurz vor dem Sonnenuntergang. Zur blauen Stunde ist die gesamte Szenerie verdammt idyllisch, samt fliegenden Fischen und roten Sonnenball hinter blauen Inseln am Horizont.
Da ich schlecht im Abschied-Sagen bin, ist dieser sehr am Eingang zur U-Bahn in Nishijin sehr kurz. Lena wird bis Juli in Fukuoka bleiben, also das gesamte deutsche Schuljahr. Bin etwas neidisch.
Auf dem Weg zu den Matsuos laufe ich wie jeden Abend nicht nur an zwei „Snacks“ (Hostessen-Bars), sondern auch an Siro Coffee vorbei, ein Cafe, das auf Instagram gehypt wird – obwohl es mitten in diesem Wohnviertel liegt, sind hier ständig junge, hippe Menschen, die auch Schlange stehen. Ich bin wahrscheinlich überkritisch, aber als ich sehe, dass es die Heißgetränke nur in Plastikbechern gibt und die Vorhänge des minimalistisch eingerichteten Cafes ungesäumter Ikea-Bomull sind, verspüre ich wenig Lust, dem Trend zu folgen.
Auch heute ist das Essen wirklich gut: Nudelsalat, weicher Tofu, Glasnudeln in Pilz-Miso-Sesam-Soße, Nira-Leber-Gebratenes, Reis, Hijiki-Furikake und Kimchi. Über die Nahrung im Matsuo-Haus kann ich mich sowas von nicht beklagen!
Jetzt nur nicht einschlafen, bis ich mit der Familie geskypt habe...


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 11. April 2018, 12:21:33
Mittwoch, 28.3. Haarschnitt und Hanami
Als ich Chiharu beim Frühstück erzähle, dass ich ein Hanami-Picknick organisiere, leiht sie mir zwei kleine Gewebeplanen, worüber ich mich sehr freue, denn dann muss ich keine Mülltüten im Konbini kaufen. Heute ist es auch wieder richtig warm und alle Kirschbäume im Viertel sind komplett aufgeblüht – überall hellrosa Wolken.
Einen kleinen „Wtf?“-Moment habe ich beim Herabsteigen in die U-Bahn. Es hat nicht nur irgendjemand schwarze Tinte über die Stufen gekippt, auf der Treppe kommt mir auch ein alter glatzköpfiger Mann in einer Mittelschul-Mädchen-Schuluniform entgegen. Aber alle Japaner, die zur Arbeit eilen, würdigen dem seltsamen Auftritt noch nicht einmal einen Blick...
Ich erinnere alle in der Schule nochmal an die Zeit, wann wir uns treffen wollen (19:15, damit auch die beiden Praktikantinnen Zhiyi und Laura die Chance haben, nach der Arbeit dazu zu stoßen). Bis auf Birte und Gigi kommen alle mit.
Während der Mittagspause erledige ich dann einen ganz großen Punkt auf meiner To-Do-Liste: Endlich die Bezahlung für die blöden Koifahnen vornehmen. Ich ärgere mich zwar, dass das von dem Rakuten-Shop beauftragte Inkasso-After-Sale-Unternehmen Nissen unfähig ist und mir nach zwei Wochen, mehreren Nachfragen (von Chiharu auf sprachliche Richtigkeit gecheckt), nochmaliger Bestätigung der Adresse und der Bitte, mir die Rechnung doch als Email-Anhang zu schicken, immer noch nicht die Rechnung und Anleitung für die Zahlung beim Konbini geschickt hat. Deppen! Deswegen muss ich jetzt extra nach Tenjin zu der Risona-Bank rennen, bei der Nissen sein Konto hat (bei allen Fremdbanken müsste ich horrende Überweisungsgebühren zahlen) und den ziemlich komplizierten Prozess des „Genkinfurikomi“ (Überweisung ohne eigenes Bankkonto durch Einzahlen von Bargeld) durchlaufen, natürlich komplett auf Japanisch, weil es für diesen Service kein Englisch gibt - und komplett mit Bank-Fachbegriff-Kanji.
Laura kommt als moralischer Support mit – den ich auch bitter benötige, weil der Automat, als ich nicht schnell genug passendes Kleingeld finde und einwerfe, die Transaktion unterbricht – waah! Ich habe zwar ein etwas schlechtes Gewissen, weil danach ein Bankangestellter wartend dabei steht, ohne dass ich ihn um Hilfe bitte, aber der zweite Anlauf klappt dann doch.
Nach der Schule habe ich um 15:00 den per Email verabredeten Friseurtermin bei Nakamura, einem Friseur, der in New York gearbeitet hat (Mode-Fotoshoots, auch z.B. für Vogue). Ich bin alleine im Laden und sage dem „Biyoushi“ Yasu, dass meine einzige Bedingung ist, dass ich noch einen Pferdeschwanz machen kann, er macht für mich das Vorher-Foto und schneidet dann unzeremoniell meinen Zopf ab.
Dann wäscht er meine Haare – trotz Kopfmassage fühlt sich das für mich eher komisch als entspannend an. Ich bin auch erstaunt, wie schnell der eigentliche Haarschnitt vorbei ist – fast bin ich enttäuscht, aber dann beginnt erst das eigentliche Styling, mit Glätteisen werden meine Kringelöckchen begradigt, mit Lockenstab Wellen in die nun schulterlangen Haare gemacht und dann Gel reingerieben. Lustig, dass er genau dieselbe Länge gewählt wie das eine andere Mal, als ich bei einem teuren Friseur war (Anfang Studium in Bonn, suchten Haarmodelle).  Nach Tipps zur Haarpflege (mein Haar sei zu trocken => Haaröl, nicht mit nassen Haaren schlafen gehen) und der Verneinung der Frage, ob ich mit kurzen Haaren besser aussehen würde. Ich zahle die 5400 Yen (42 Euro) und bewundere in jedem Spiegel das ungewohnte Seitenprofil.
Da ich noch viel Zeit habe, schlendere ich durch Daimyo, das Szeneviertel. Jede Menge Hipster-Cafés, Secondhandläden, kleine Boutiquen (aber ich weiß ja schon, dass mir nichts davon passt, grr) und Restaurants. Ich verstehe, warum hier so viele junge Leute sind.
Ich komme am Iwataya aus, auch hier ist viel los. Mein Versuch, das Ashiyu (heißes Fußbad) im Kego-Schrein zu nutzen, scheitert schon wieder an den Öffnungszeiten, der Tempeldiener bringt vor meinen Augen die „Geschlossen“-Balken an. Seufz...
Da ich noch Zeit habe bis zur kostenlosen Klasse um 18h steige ich auf das Acros, ein Hochhaus direkt neben dem Rathaus. Die gesamte Südseite ist terrassenförmig angelegt und alle 14 Stufen sind mit Bäumen bepflanzt, damit das Gebäude wie ein bewaldeter Berg inmitten der Stadt aussieht. Das Acros ist von einem amerikanischen Architekten entworfen worden, Emilio Ambasz, der das Gebäude mit dem Park davor verbinden wollte. Eine grüne Oase, in den Bäumen und Sträuchern nisten Vögel, oben ist für eine sonnige Viertelstunde außer mir niemand und ich entspanne mich bei einem Blick auf die Stadt.
Auf dem Rückweg zur Schule habe ich Hunger und kaufe mir im Delikatessen-Keller von Iwataya bei einer dänischen Backwarenkette ein Brot, das zwar auch weich ist, aber zumindest Graubrot. , Wieder in Daimyo, komme ich an dem French-Toast (Armer Ritter)-Cafe Ivorish vorbei, das ich in einem Youtube-Video gesehen habe. Aber es ist nicht gerade günstig und sieht sehr süß aus. Stattdessen checke ich online, ob Jinju, das koreanische Restaurant, das beim letzten Mal zu voll hat, aufhat. Ja, hat es und es ist bis auf einen anderen Gast komplett leer. Ich bestelle Bibimbap im heißen Steintopf (njam, auch wenn ich mich fast verbrenne) und freue mich, dass das frische Kimchi, das sie als Beilage geben, absolut 1:1 denselben Geschmack hat wie mein selbstgemachtes Kimchi.
Die kostenlose Klasse heute ist die Fortsetzung von letzter Woche, also über die Sprachgeschichte der te-Form. Kuriyama-sensei erklärt anhand von gemalten Mundhöhlen, wie sich die Laute verändert haben – alles, weil Menschen von Natur aus faul sind und selbst die Zunge im Mund sowenig wie möglich bewegen wollen.
Um 19:00 renne ich aus dem Kursraum, weil Zhiyi geschrieben hat, dass sie zu früh ist. Stattdessen stehen Christian, Jan-Ole, David, Hana und Tobias (der Deutsche, den Jan-Ole für mich gefragt hatte, wo ich Anime-Merchandise kriegen kann und der Animate empfohlen hatte) am Eingang. Wir warten auf Lou-Manon, Zhiyi und Laura, ich lade noch die beiden japanischen Praktikantinnen ein, weil Jan-Ole meint, dass sie mitkommen wollten und wir machen uns Richtung Supermarkt auf.
Im Supermarkt wollen die Jungen sich harten Alkohol (Wodka oder Reisschnapps) holen, um ihn mit Cola zu mischen, aber ich will lieber – ganz traditionell – Bier fürs Hanami, plus Snacks zum Teilen.

Ich bin etwas beunruhigt, als ich merke, wieviele Leute sich trotz Dunkelheit Richtung Ohori Park bewegen, die Bürgersteige sind voll. Immer wieder verlieren wir Leute aus der Gruppe (meist für Touri-Foto-Machen), obwohl ich immer wieder anhalten lasse – ich fühle mich gerade, als ob ich die Lehrerin auf nem Klassenausflug wäre.
Laura hat geschrieben, dass sie im Ohori Park auf uns warten wird, kurz vor der Brücke und dem Weg hoch, über die sich die Menschen in den Maizuru Park schieben, kommt ihre leicht panische Nachricht, dass ihr Handy fast keine Batterie mehr hat. Sie schickt eine Location mit, ich bitte die Gruppe, auf mich zu warten und renne dorthin – keine Laura. Dann sehe ich, dass sie eine zweite Ortsangabe geschickt hat, die hinter dem Eingang liegt. Ich sage ihr, sie soll dort stehen bleiben und renne zurück. Wieder lasse ich die Gruppe warten, um Laura zu suchen, aber sie hat geschrieben, dass sie zum Eingang geht. Ich fluche, denn da wird sie noch schwieriger auszumachen sein. Mit der letzten Kraft ihres Akkus schickt sie ein Bild von sich vor einem Schild – und ich erinnere mich daran und finde sie.
Endlich haben wir alle Hanami-Willigen beisammen und gehen durch die Festwiese. Jede Menge Essstände – dich ich aber nicht in Anspruch nehmen werde, nachdem Christian erzählt hat, dass er die letzte Nacht nach dem Essen dort eine Lebensmittelvergiftung hatte -  und alles voll mit flanierenden japanischen Familien.
Wir bezahlen die 300Yen Eintritt für den Schlosspark, wo es am meisten Kirschbäume gibt und wo wir auch mit der Gastfamilie waren. Hier sind deutlich weniger Leute, die meisten davon auch eher Businesspeople. Wir breiten unsere „Picknickdecke“ aus, ich teile meine Snacks und Bier mit der Festgemeinde: Kekse, Chips, Mystery-Kumamoto-Süßigkeit, wahrscheinlich Rohrzucker. Zhiyi hat leckere Umeboshi-Essig-Chips und Anko-Dango. Nur schade, dass die beiden Japanerinnen sich in der Schlange am Kassenhäuschen verabschiedet haben, der Grund ist aber nachvollziehbar, sie müssen noch zurück nach Kita-Kyushuu, eine Dreiviertelstunde mit dem Zug.
Etwas enttäuscht bin ich auch von der Beleuchtung. Zwar gibt es überall Lichtakzente, wahrscheinlich von Schulen bemalte Laternen mit Szenen aus japanischen Märchen und Legenden und beleuchtete Bambus-Skulpturen, aber die auf die weißen Wipfel gerichteten Scheinwerfer wechseln nicht die Farbe, wie ich erwartet hatte.
Trotzdem ist die Atmosphäre sehr gut, überall lachende Menschen. Einige Firmen oder Uni-Clubs haben wohl auch Hanami-Ritual, Lieder oder Trinkspiele. Und auch bei uns wird der Abend zwar nicht besoffen, aber doch Alkohol-lockerer.  Man merkt, dass Laura schnell auf Hochprozentiges anspricht, sie wird auf jeden Fall noch redseliger und auch Zhiyi wird deutlich gelöster. Wir trinken uns durch Bier, Cider, Sake, den Lou mitgebracht hat und dann auch noch Import-Weißwein aus Italien, den ein sehr teuer angezogener Chinese aus der Nachbargruppe uns als internationalem Grüppchen anbietet, als er und seine ebenso schicke Begleitung (chinesische Musikerin, jap. Moderatorin bei lokalem Fernsehsender, Reiseführerin) sich auf den Heimweg machen. Lustig, dass er mehrfach auf Japanisch betont, dass er kein schlechter Mensch wäre, wahrscheinlich um uns zu sagen, dass er keine K.O.Tropfen in den Wein gekippt hat.
Um 21:30 steht der „Mädchen-Teil“ unserer Hanami-Gruppe auf, um die obligatorischen Fotos zu machen, danach sind die Jungen dran, bevor um viertel vor zehn schon die ersten Organisatoren mit Megaphonen rumlaufen, um anzukündigen, dass um 22 Uhr Schluss ist.
Praktisch auf die letzte Minute rennen wir nach dem Aufräumen hoch auf den Burgberg, um von dort Fotos vom Blütenmeer zu machen – bei mir sind die aber nichts geworden, meine Handykamera ist für Dunkelheit sehr schlecht.
Ich verabschiede mich von allen, wohl wissend, dass ich z.B. Laura nicht mehr sehen werde, weil sie ja nicht zur Schule geht. Da ich heute mein Teikiken vergessen habe, gehe ich zu Fuß durch den Park zurück, finde leider diesmal keine Katzen und bin um 23:00 zuhause. Chiharu und Nobutaka scheinen auf mich gewartet zu haben, daher verzichte ich auf die Dusche, räume das übrig gebliebene Bier in den Kühlschrank und sage Gute Nacht.


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 11. April 2018, 12:22:27
Donnerstag, 29.3. Reisevorbereitungstag
Heute gehe ich nach der Schule sofort nach Hause, um die schwarze Reisetasche zu packen, die ich mit dem Gepäcklieferservice direkt nach Tokyo schicken will. Oha, zwar wird die Tasche nicht schwer, aber sie ist schon ziemlich voll, hoffentlich kriege ich da den Reiskocher noch rein...
Die kostenlose englische Hotline von Yamato Kuroneko ist die ganze Zeit besetzt, erst nach einer halben Stunde komme ich durch und organisiere die Abholung des Koffers zu einem Zeitpunkt, der auch für die Matsuos passt. Der Mann an der Hotline verspricht mir, den passenden Transportzettel heute Abend durch einen Boten in den Briefkasten schmeißen zu lassen.
Danach schicke ich ein Foto des Überweisungsbelegs der Koikarpfen an die Deppen von Nissen und schicke dann in derselben Email meine englische Beschwerde – bin zwar im Gegensatz zu Chiharu nicht davon überzeugt, dass irgendjemand dort Englisch kann, aber auf Japanisch sind Beschwerden irgendwie... ineffektiv.
Noch während ich daran schreibe, überrascht mich Nobutaka damit, dass wir heute Abend zum Kaitensushi (Fließband-Sushi-Restaurant) gehen. Yay, das stand eh noch auf meiner Liste von Dingen, die ich in Japan ausprobieren wollte. Kura ist eine sehr beliebte Kaitensushi-Kette, dessen Restaurants von außen wie traditionelle Lagerhäuser aussehen sollen. Innen erwartet uns eine lange Schlange, komplett mit Nummern-Ziehen, aber Nobutaka hat einen Tisch reserviert.
Erster Eindruck: Überall Kinder! Und es ist laut, von überall kommen Klingeltöne, Durchsagen und das Klappern der Teller. Zunächst ist mir auch zu kalt, als wir uns setzen, daher bin ich Chiharu dankbar, als sie Instant-Grüntee anrührt. An jedem Tisch gibt es dafür Becher, Pulver, einen Heißwasserhahn – und natürlich ein Tablet, mit dem man bestellen kann, wenn die Auswahl auf dem Fließband nicht ausreicht. Bis auf das Mais-Mayonaisen-Gunkan ist alles lecker, Chawanmushi, teurere Fischsorten, die Nobutaka empfiehlt und Rindfleisch-Sushi, die Soya-Eiscreme ist aber etwas gewöhnungsbedürftig. Alles normale Sushi kommt auf einem kleinen Teller, den man dann in einen Schlitz schmeißt. Nach fünf Tellern zeigt das Tablet einen kurzen Zeichentrickfilm von glücksspielenden Manga-Charakteren. Wenn der Charakter gewinnt, hat man auch gewonnen und bekommt ein Gashapon (Überrasschungsei).
Nur schade, dass ich Bauchschmerzen habe und daher das Ess-Erlebnis nicht komplett genießen kann. Bin trotzdem pappsatt, als wir auf dem Nachhauseweg einen Zwischenstopp bei einem Supermarkt machen. Ich wünschte, es gäbe das ganze Gemüse und die Kräuter aus Japan auch bei uns, hier gibt es soviel, was ich noch nie gesehen habe. Da das aber alles erst gekocht werden muss, kaufe ich mir nur Möhren und die fertige Mizutaki-Brühe haben sie nicht, daher lässt Chiharu Nobutaka auch noch beim Reganet raus.
Vor dem Haus wartet schon die weiße Katze mit den schwarzen Flecken auf uns. Chiharu sagt, dass alle Nachbarn sie „Nyanko-Sensei“ nennen. Ich gebe ihr Trockenfutter, aber da wir nach 19:00 gekommen sind, hat sie wohl schon von den Studentinnen Essen bekommen und isst nicht alles auf.
Ich gehe duschen und dann bereite ich die Rede vor, die alle Schüler und Schülerinnen von Asahi Nihongo bei ihrem Abschied halten müssen. Dann klingelt mein Telefon, es ist Inge. Upps, ich habe Skype vergessen, gehe online und nach oben und spreche kurz mit den Eltern, auch um ihnen den Haarschnitt zu zeigen.


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 11. April 2018, 12:23:15
Freitag 30.3. Letzter Tag in Fukuoka
Um 5:56 wache ich schweißgebadet auf und gehe zur Toilette unten, um die Gasteleltern, deren Zimmer oben direkt neben der zweiten Toilette ist, nicht aufzuwecken. Keine Ahnung, ob das die Nachwirkungen der Bauschmerzen sind oder ob die Temperatur wirklich so gestiegen ist, dass selbst eine Lage Daunendecke zu warm ist (zu Beginn des Aufenthalts waren es die Daunendecke und zwei Plüschdecken, weil das Zimmer nicht geheizt wird). Als ich die Treppe hochsteige, kommt mir Nobutaka entegen, den ich damit etwas erschrecke. Ich bleibe noch etwas im Bett liegen, kann aber nicht einschlafen und stehe dann auf, als Nobutaka das Haus verlassen hat. Dass ich so früh dran bin, nutze ich, um zur Yamato Kuroneko-Filiale in Maizuru direkt gegenüber zur Schule zu gehen, um zu fragen, wie ich den Transportzettel korrekt ausfülle. Da alle Angestellten dort sehr beschäftigt sind und der junge Mann, der sich dann erbarmt, sich zu mir zu begeben, ständig von seinem tragbaren Bestellungsgerät abgelenkt wird, dauert es, bis ich ihm erklärt habe, was ich will. Er bestätigt den Code und den Namen der Filiale in Hauptbahnhof Tokyo, aber ich bin noch nicht überzeugt, ob jetzt alles richtig ausgefüllt ist.
Im Unterricht heute schaffen wir so gerade noch das Ende der Lektion 6 (langsam wegen Gigi) und in der Mittagspause werden die Zertifikate verliehen und die Reden gehalten. Ich kann es mir nicht verkneifen, nochmal eine Spitze gegen „Mr False Advertising“ (aka. meine Kontaktperson) einzubauen und Frau Muraoka findet es lustig, dass ich meine Rede auf die Rückseite eines Yamato-Transportzettels geschrieben haben – aber hey, der war falsch ausgefüllt und ich will nicht mehr Müll machen. Das Zertifikat ist auf jeden Fall schnieke, aber über die handschriftlichen Abschiedsworte der Lehrer freue ich mich noch mehr. Jan-Ole und Christian übergeben auch Geschenke, ich ärgere mich, nicht heute schon meine Haribo mitgenommen zu haben, weil mein Plan, die am Abreisetag zusammen mit dem Teikiken für Laura in der Schule zu deponieren, daran scheitert, dass diese nicht auf hat.
Nach dem Ende aller Reden (immerhin haben an diesem Freitag 6 Leute ihren „Abschluss“) verabschiede ich mich von Zhiyi, die aber bald in Kopenhagen studieren wird, daher ist es sehr wahrscheinlich, dass ich sie wiedersehen kann. Dann rufe ich noch schnell Kuroneko an, um nochmal sicherzustellen, dass alles in Ordnung ist. Der Mann dort sagt, dass ich einen orangen Transportzettel haben muss. Ich: „Häh? Der Zettel, den ich hier habe, ist rot oder pink.“ Langes Hin- und Her, bis sich herausstellt, dass wir vom selben Zettel reden, aber dass das Farbempfinden kulturell bedingt anders ist.
Ich entschuldige mich bei Frau Muraoka, da ich mit dem Anruf erst drei Minuten nach Unterrichtsglocke fertig werde. Heute machen wir Textverständnis-Übungen, das geht absolut problemlos, daher bin ich zu schnell fertig und sie erfindet schnell noch eine Aufgabe zum Abschluss, ich soll über meinen Heimatort einen Text schreiben – darin bin ich deutlich langsamer.
Ich verabschiede mich auch nochmal von ihr und renne dann die Treppe runter, um mich zum letzten mal mit meiner Tandempartnerin Mari zu treffen. Wir gehen wieder in den Backwarenladen Boul'Ange und danach sitzen wir im Kegopark, wo ich ihr auf meinem Laptop Tanzlieder vorspiele, weil sie hören wollte, was für eine Art Musik zu dem Hobby gehört.
Auf dem Rückweg zur Schule sehe ich jetzt tatsächlich einen einsamen Mann, der an einer Kreuzung mit einem Banner steht und gegen Atomkraft protestiert. Ich wäre gerne hin gegangen und hätte mit ihm geredet, aber es ist 17:54 und der letzte Unterricht heute fängt um 18:00 an.
Die Kanji-Stunde (wieder sind Gigi und ich die einzigen) heute beschäftigt sich mit den Kanji Fu, Ki, Ki (selten, Stoffrollen-Kanji) und Kalligraphieübungen – letzteres bringt mich dazu, evtl. doch nochmal zuhause in Deutschland zu schauen, ob ich die Reibetinte nicht mal ausprobiere, ich bin richtig schlecht darin, mit dem vertikal gehaltenen Pinsel schöne Kanji zu schreiben.
Kuriyama-Sensei erklärt in der Stunde danach ein paar Unterschiede zwischen Standard-Japanisch und dem lokalen Dialekt, Hakata-ben, vor allem die seltsam gebildete te-Form. Ah, das erklärt einige Namen von Geschäften, die ich gesehen habe.
Ich bin um 19:30 zuhause, wo Nobutaka und Chiharu schon mit dem Abschiedessen Mizutaki auf mich warten – wie immer lecker, muss ich nachkochen, soll ganz einfach sein. Nach dem Essen machen wir noch Fotos mit Selbstauslöser und als ich Kota fotografiere, schenkt mir Chiharu eine alte 2018-Neujahrskarte mit Kota in Samurai-Kleidung.
Auch heute habe ich immer noch Bauchschmerzen, ich glaube inzwischen, dass ich an die Periode komme – oder hoffe es, denn ein weiterer Krankheitsanfall kurz vor der Rundreise wäre kacke.
Ich packe den kleinen Rollkoffer (verdammt, auch voll), dusche ein letztes Mal – und werde dabei schon leicht wehmütig. Einerseits schätze ich meine Fähigkeit, mich sehr schnell an allen möglichen Orten auf der Welt einzugewöhnen, andererseits macht das Abschiede schwer – jedes „letzte Mal“ macht mich emotional, so auch jetzt das Wissen, dass ich heute Abend zum „letzten Mal“ mit Nobutaka, Chiharu und Kota auf der Couch sitze und fernsehe.
Kleiner Aufreger am Ende: Als ich die schwarze Reisetasche unten im Abstellraum hinstelle, will ich Chiharu die Nummer für das Schloss geben und probiere sie aus. Aber das Schloss geht nicht auf – waaah! Kann nicht sein, eben habe ich es doch damit aufbekommen. Chiharu und Nobutaka versuchen es auch, dann geht Nobutaka in die Garage, um Werkzeug zu finden, während ich versuche, zu rekonstruieren, was passiert sein könnte – habe ich aus Versehen beim Anbringen und Drehen des Bügels den Code auf eine neue Zahl eingestellt? Viel Hoffnung habe ich nicht, aber ich probiere „Brute Force“-Zahlen aus, die neben meinem alten Code liegen. Aus purem Zufall geht das Schloss beim zehnten Versuch auf. Puuh! Chiharu lacht und meint, das sei ja schon ein Wunder...
Ich rufe Nobutaka zu, dass ich das Schloss nicht zerstören muss und wir schauen den dritten Teil von Rurouni Kenshin zu Ende. Danach verabschiedet Nobutaka sich, als ich ins Bett gehen will, weil er davon ausgeht, dass er mich nicht mehr sieht, bevor er morgens das Haus verlässt.
Aber ich kann absolut nicht schlafen, renne mehrmals nachts zur Toilette. Aufregung, Krankheit oder Periode?


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 11. April 2018, 12:36:19
Samstag 31.3. Hiroshima
Ich wache um 6:00 auf und kann nicht mehr schlafen, bin wieder schweißgebadet. Daher bekomme ich mit, als Nobutaka und Chiharu um 6:30 ihr Zimmer verlassen, ziehe mich an und verabschiede Nobutaka, als er seine rote, brachial aussehende Kawasaki (die Reifen sind fast Slicks!) aus der Garage holt, aufsteigt und „ausreitet“.
Da ich jetzt viel Zeit habe (der Shinkansen verlässt erst um 10:47 Hakata Station), ziehe ich nach dem Frühstück das Bett ab, hänge die Futons auf, als die Sonne aufgegangen ist und staubsauge.
Und dann ist immer noch Zeit übrig, die ich mit Fernsehen totschlage, die Stimmung ist etwas awkward. Um 9:00 sage ich Chiharu, dass ich jetzt aufbreche, sie schenkt mir eine Packung Müsli zum Abschied (leider crunchy mit viel Zucker) und begleitet mich nach draußen, mit Kota im Arm und umarmt mich vor der Haustür. Keine Ahnung, ob Periode oder Maria, aber ich habe schon wieder Tränen in den Augen. Chiharu wartet und winkt die ganze Zeit, als ich die Straße hochgehe, bis ich an der Reinigung um die Ecke biege.
In Akasaka steige ich aus und gehe zum letzten Mal den Schulweg. Anders als Akiko gesagt hat, ist die Tür unten offen, ich komme also an den Briefkasten und werfe eine meiner Stofftüten gefüllt mit Haribo ein, als kleines Geschenk fürs Personal. Eigentlich wollte ich Laura mein Teikiken geben, aber entscheide mich anders, weil sie mir auf die Line-Frage, ob sie es überhaupt brauchen kann, nicht geantwortet hat, stattdessen lasse ich ihr nur meine Visitenkarte da – indem ich sie Lukas, dem deutschen IT-Typen der Schule in die Hand drücke.
Ich komme in Hakata an und gehe pünktlich durch das Shinkansen-Gate. Der Zug kommt und ich suche meinen reservierten Platz. Der kleine Rollkoffer, den ich von Lars und Elli ausgeliehen habe, hat die perfekte Größe für die Gepäckregale. Leider ist Shinkansen keine so angenehme Erfahrung wie erwartet, zwar bequeme Sitze und Fußfreiheit, aber leider wird mir bei der Hochgeschwindigkeitsfahrt ganz leicht übel, vor allem bei der Fahrt durch lange Tunnel spüre ich den Druck in den Ohren. Und auch sonst habe ich wohl gerade Pech: Es ist schon ungewöhnlich, wenn Shinkansen ein paar Minuten zu spät sind – meiner hat am Ende 45 (!) Minuten Verspätung, weil wir mehrfach halten müssen. Der Grund ist, dass ein vorausfahrender Zug technische Probleme hat und erst gründlich untersucht werden muss, bevor gestattet wird, dass er weiterfährt. Keiner der Japaner um mich herum beschwert sich, aber man merkt, dass alle ihre Handys zücken, um auf der Arbeit per Text Bescheid zu geben.
Endlich kommen wir in Hiroshima an, ich habe mich an die automatische Durchsage gehalten und mich schon ein paar Minuten vorher Richtung Tür begeben (die Shinkansen stoppen nur sehr kurz an Bahnhöfen), aber da wir wieder mehrmals halten müssen, damit die vorfahrenden Züge in den Bahnhof kommen können, stehe ich jetzt sehr lange.
Laut der Webseite meines ersten Hostels soll ich in die Tram einsteigen. Mache ich auch, nur um zu merken, dass ich zwar weiß, dass ich in die richtige Linie eingestiegen bin und was mein Ziel ist, ich aber keine Ahnung habe, wie ich bezahlen soll. Wenn ich die IC-Karte benutzen wollte, hätte ich beim Einsteigen schon den Sensor berühren müssen und ich habe sehr wenig Kleingeld. Daher achte ich wie ein Adler darauf, in welcher Form die Aussteigenden bezahlen und in welcher Zone wir gerade sind. Puh, mein Kleingeld reicht so gerade.
Die Anleitung, das Hostel zu finden, ist einfach. Drinnen zieht man am Eingang die Schuhe aus. Nur leider ist an der Rezeption keiner, ich mache in Japanisch auf mich aufmerksam, als ich aus einem Lagerraum Geräusche höre. Dann kann ich meinen Koffer (und schwere Dinge aus meinem Rucksack) im Gepäckraum lassen, kriege noch den Tür-Code, falls ich vor 15 Uhr zurück sein will (habe ich nicht vor) und orientiere mich per Google Maps. Das Hostel liegt sehr gut, bis zum Friedenspark sind es nur 5 Minuten zu Fuß.
Auch heute ist es wieder sehr sonnig, daher setze ich mich erstmal auf eine Mauer im Schatten und tragen Sonnencreme auf – auch wenn das für mein nächstes Ziel nicht nötig ist, das Peace Museum.
Leider wird das Hauptgebäude des Museums gerade renoviert, daher sind nur Teile der permanenten Ausstellung im Nebengebäude zu sehen, ich gehe natürlich trotzdem rein. Ziemlich voll, ist ja auch Wochenende., Schulferien und Kirschblüten-Saison.
Als ich an der Rezeption nach den auf Schildern angepriesenen „Volunteer Guides“ frage, ruft die Dame jemanden an. Als sie bestätigend wiederholt, dass es keine englischsprachigen Guides mehr gibt, nur japanische und gerade auflegen will, sage ich ihr auf Japanisch, dass ich auch einen japanischsprachigen Guide nehmen würde.
Mein Guide in grüner Uniform-Jacke heißt Herr Suegaoka und ist bemerkenswert faltenfrei für seine über 80 Jahre. Er beginnt damit, dass er aus Hiroshima stammt und sein Elternhaus auf der anderen Seite des Flusses war, in der Nähe des Hostels. Er ist also tatsächlich Zeitzeuge, 1945 muss er zwischen 7 und 9 Jahren alt gewesen sein.
Er leitet mich durch die Ausstellung. Alles, was er sagt verstehe ich nicht, aber den Großteil und die Bilder helfen. Die Ausstellung beginnt mit Bildern des Hiroshimas in den 20er und 30er-Jahren. Der
6. August 1945 wird dann als animierte Stadtkarte auf dem Boden mit 5 Metern Durchmessern dargestellt. Sie wechselt zwischen dem heutigen Hiroshima, Hiroshima vor der Bombe, dem Abwurf, der Explosion, der Druckwelle und der zerstörten Stadt nur wenige Sekunden danach.
Die Auslöschung der gesamten Stadt in einem Radius von 3km hat weniger als 10 Sekunden gedauert! Einige der Zahlen, die Herr Suegaoka nennt, sind nicht wirklich vorstellbar, dass überhaupt jemand den enormen Druck und die Temperatur in der Todeszone von 1km (wenn auch nur kurz) überlebt hat.
Die Bilder und Ausstellungsstücke sind drastisch – neben einem Raum, der den Weg zum Bombenbau, die Entscheidung des „Target Committee“ und die Technik der beiden auf Japan abgeworfenen Atombomben illustriert – sind es vor allem die Fotos mitsamt den Beschreibung von Herrn Suegaoka, die mich irgendwann doch zum Heulen bringen (wobei ich wirklich glaube, dass ich gerade kurz vor der Periode bin). Er erzählt, dass es auch in seiner Familie Krebs- und Leukämieopfer gibt und dass niemand sagen kann, wann es ausbricht – er wäre zwar von allen Ärzten als gesund bezeichnet worden, aber das hieße nichts.
Am schlimmsten sind die Ausstellungsstücke, die Kindern gehörten, z.B. ein Dreirad oder die Bentoboxen mit dem verkohlten Essen. Am 6. August waren sehr viele Kinder im Hypozentrum, da Schüler und Schülerinnen ab der Mittelschule für den Arbeitsdienst im Krieg mobilisiert worden waren und dort Häuser niederreißen sollten, um eine Feuerschneise zu schaffen.
Ich bedanke mich bei meinem Museumsführer (habe ein bisschen ein schlechtes Gewissen, dass ich ihn in Beschlag genommen habe statt Japanern, die seine Erklärungen besser schätzen könnten) und kaufe im Museumsshop noch einen Sticker. Und ich bin stark versucht, Tobi ein T-Shirt als Kontrast zu dem Los Alamos-Shirt zu kaufen, aber natürlich gibt es das nicht in seiner Größe.
Im Friedenspark sehe ich mir auch alles an, was es gibt: Zuerst die von Touristen weniger besuchte Gedenkstätte mit den Namen der Opfer (kostenloser Eintritt, lohnt sich alleine wegen der Zeitzeugenberichte auf Film und in der Bibliothek), Ewige Flamme, Friedensglocke... Am Denkmal für die Kinder falte ich einen kleinen Kranich, den man dann in die an diesem Tag offene Hütte legt.
Der Park ist voll, aber nicht nur Touristen, sondern vor allem Einheimische, die Hanami machen. Jeder Kirschbaum ist umgeben von lachenden sitzenden (oder schlafenden) Menschen, was auch meine Stimmung hebt.
Über die T-Brücke, die der Zielort des Atombombenabwurfs für den amerikanischen Bomber war, gehe ich auf die andere Seite des Flusses zum Genbaku Domu (Atombomen-Dom), dem Unesco-Welterbe. Bis auf stützende Maßnahme ist er komplett im Zustand von 1945 gelassen worden, die Trümmer blieben auf dem Boden liegen, nur das Unkraut wird entfernt. Am deutlichsten zeigen die verbogenen Metallwendeltreppen und das kompett evaporierte Dach (war aus Bronze), wie heiß die Explosion gewesen sein muss.
Es ist kurz vor 18 Uhr und ich habe genug Geschichte gesehen – Hunger! Nach kurzer Überlegung, ob ich irgendwo ein Restaurant in der Nähe suchen soll, entscheide ich mich stattdessen für traditionelles Hiroshima-Style-Okonomiyaki im Okonomiyakimura. Das ist ein Gebäude mit vier Etagen Okonomiyaki-Shops. Ich fahre in den vierten Stock, weil im ersten Stock bereits alles voll ist und setze mich in den Stand einer alten Frau. Dort sitzt eine japanische Familie mit Kindern und vorne am Tresen ein Westler – was dafür sorgt, dass sie denkt, dass wir zusammengehören – was wir beide auf Japanisch verneinen. Er arbeitet bei einer japanischen Bank.
Im Hintergrund laufen zwei Fernseher, einer mit Detective Conan, der andere mit K-Pop-Videos, warum auch immer. Ich bestelle ein normales Butatama-Okonomiyaki (Schweinefleisch, Ei) und einen Oolongtee.
Hiroshima-Style ist anders als das, was ich zuhause mache: Hier wird auf einem Teppan (heiße Platte) erst ein Crepe gemacht, der mit Kohl beladen wird, darauf kommen andere Zutaten (Gemüse, Mochi, Shrimps, Udon, Soba), die aber zuerst separat angebraten werden, oben drauf Speckstreifen und dann wird ein Ei drauf geschlagen. Zuletzt wird das „Sandwich“ gewendet und garniert und dann zum Kunden geschoben. Heiß, lecker.
Während ich esse, kommen mehrmals Reisegruppen rein, die durch das Gebäude geführt werden, aber solche großen Gruppen finden in den Büdchen nie geschlossen Platz.
Auf dem Rückweg komme ich durch eine Shoutengai und Gogatsu-Ningyou-Läden vorbei (Spielzeugläden, die auch Dekorationen für Hinamatsuri und Koinobori anbieten). Hmm, hier hätte ich auch das Flaggenset kaufen können und mir den Ärger mit den Nissen-Deppen erspart.
Im Hostel beziehe ich meine Hochbett-Koje im 6er-Frauen-Zimmer. Außer einem Futon gibt es eine kleine Kommode, Spiegel, Lampe und Steckdosen. Auch hier frage ich mich angesichts der dicken Daunendecke, ob Nächte in Japan so kalt sind – wenn ich an meine drei Schichten Flausch-Decken in Fukuoka denke. Ich nutze nur den Bezug als Decke und lege die Daunenschicht auf den Boden – ist eh bequemer, der Futon unten ist dünn.
Das J-Hoppers Hostel hat gut aufgeteilte Sanitäranlagen (zwei Klos, zwei Duschen, zwei Waschbecken pro Etage), aber ich dusche heute nicht, sondern gehe ins Bett, nachdem ich Whatsapp (weil Wegwerf-Sim) installiert habe und mit Götz und Lars gechattet habe.
Ich hatte in der Woche davor in Takamatsu bei der Gastfamilie Nakamura angerufen, wo ich am längsten war, der ehemaligen Präsidentin der Japanisch-Deutschen-Gesellschaft Kagawa, aber am Telefon nur die Tochter bekommen, die mir sagte, dass „Omi“ (wie ich sie nennen sollte) nach einer Knie-OP in ambulanter Reha ist. Die Tochter hatte, in einer Mischung aus Deutsch, Japanisch und Englisch gesagt, dass sie ihre Mutterfragen wird. 
Da sie sich aber nicht mehr gemeldet hat, habe ich Momoko um Hilfe gebeten, um zu fragen, wie ich das verstehen soll. Einerseits kann es sein, dass sie meine Nummer falsch aufgeschrieben hat, andererseits kann das eine indirekte Zurückweisung sein. Momoko rät davon ab, nochmal anzurufen. Sehr schade, Frau Nakamura ist alt und ich bin mir nicht mal sicher, ob ihr Mann, dem ich damals russische Zeitungen geschickt habe, noch lebt.
Stattdessen buche ich im Bett liegend ein Hostel in Osaka, das einigermaßen günstig ist. Ein Nachteil von billigen Unterkünften zeigt sich gerade in diesem Moment: Im Nebenzimmer brüllt ein Baby, was wegen der dünnen Wände deutlich zu hören ist – aber ich habe auch keine Ahnung, welche Eltern mit einem Kleinkind in Schlafsälen übernachten...
Da ich glaube, mit meiner Laptop-Tastatur beim Tippen auch zu einem Ärgernis zu werden, höre ich nach 22:00 auf, weiter an diesem Tagebuch zu schreiben.


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 11. April 2018, 12:39:06
Sonntag 1.4. Miyajima  - Teil 1 
Es gibt eine Sache, die mich in Japan stört und das sind die kurzen Öffnungszeiten aller Sehenswürdigkeiten. Fast alles hier macht um 17:30 schon zu (warum? Weil das die normalen Arbeitszeiten sind?). Daher hatte ich es am Vortag nicht geschafft, den Shukkeien („Miniatur-Landschaft-Garten“) zu besichtigen.
Ich verlasse, nachdem ich im Aufenthaltsraum die Gespräche von Kanadierinnen belauscht und mir Tee gemacht habe, das Hostel durch den jetzt noch leeren Friedenspark, vorbei am Sportzentrum – und merke, dass die Burg auch ganz nahe ist, da ich an der Außenmauer vorbei komme.
Der Park ist direkt neben dem Kunstmuseum (Ausstellung gerade: „La Parisienne – Pariser Frauenbilder seit 1700“ - aber ich habe keine Zeit). Ich bin 5 Minuten zu früh und warte mit einigen Japanern darauf, dass sich die Türen pünktlich um 9:00 öffnen.
Direkt hinter dem Eingang sind die ersten voll aufgeblühten Kirschbäume, Neuzüchtungen, denen mehrere Farben aufgepropft worden sind. Die Japaner, die mit mir als erste Gruppe hineingekommen sind, sind aus zwei Gründen so früh: Fotografen oder weil sie sich Hanami-Plätze sichern wollen. Ich versuche erst mal, außen um den Park zu laufen, um zu schauen, wie groß er ist. Dabei finde ich eine getigerte Katze, aber sie ist so jung, dass sie sich von jedem Schmetterling und wackelnden Blatt ablenken lässt.
Der Park ist sehr schön, ich kaufe mir Karpfenfutter und starre fasziniert auf das Gewimmel unter der Brücke – die einzigen beiden Punkte, die ich nicht verstehe, sind der verwahrloste Kräutergarten und dass man es hier mit der Sicherheit übertreibt. Die Trittsteine über den Bach darf man nicht begehen, weil man ins Wasser fallen könnte, daher sperrt man lieber den ganzen Weg – seufz.
Nach einer Stunde Lustwandeln nutze ich das Rabattticket für das Museumscafé und sitze ganz kitschig mit einem Matcha in der Hand und Wagashi auf einem Tellerchen vor mir auf rot bezogener Bank unter fallenden Kirschblüten. Sehr entspannend und – klischee-japanisch...
Auf dem Rückweg biege ich zum Rijo-Castle ab, und klettere über Festungsmauern, aber ohne auf den Burgturm zu steigen. Im Park treffe ich die gleichen Nasen wie auch schon im Shukkeien und an der Burg, wir grüßen uns als „fellow tourists“. Im Ninomaru (zweiter Verteidigungsring) schaue ich mir die Fotos an, die zeigen, wie dieser Teil der Burg ab den 90ern wieder aufgebaut worden ist, nach traditionellen Methoden.
Nach Abholen meines Gepäcks steige ich in die Hiroden (auch bekannt als „Hiroshimas Straßenbahn-Museum“, da die Verkehrsbetriebe überall in Japan Tram-Wagen aufkaufen) und fahre nach Miyajimaguchi, was sehr lange dauert. Kurz vor dem Hafen spricht mich die junge Japanerin neben mir mich auf Englisch an, wir reden über Reisen und Miyajima. Sie heißt Asami und wird sich auf der Insel mit Freunden treffen – auch internationale Studenten.
Ich bin etwas überrumpelt, als sie mich um Facebook-Freundschaft bittet, zeige ihr aber mein Profil und lasse mich zu Line überreden – auch wenn ich nicht glaube, dass ich viel Zeit haben werde, im Gegensatz zu mir macht Asamis Gruppe nur einen Tagesausflug.
Wir trennen uns, nachdem die Fähre angelegt hat, ich will zuerst mein Gepäck loswerden – gar nicht so einfach, da der Pier sowas von überfüllt ist. Natürlich sind die Menschenmengen da am dichtesten, wo die halbzahmen Rehe sind oder nahe des ikonischen Torii (Tempelbogen).
Ich folge der bebilderten Anleitung des Gästehauses. Das Haus, früher ein Schulungsheim des Finanzministeriums, ist größer als erwartet. Drinnen erwartet mich nach dem Eingang erstmal eine Art Kunstausstellung, links Chirimen und Glasperlen mit zwei älteren Damen, rechts der Aufenthaltsraum mit allem Möglichen, vom traditionellen Intarsienschrank bis zum Pokemon-Plüschtier.
Den Empfang (auf Englisch) übernimmt ein junger europäischer Mann, dessen Akzent sich sehr deutsch anhört. Jupp, ist Deutscher und seine Freundin sortiert gerade Wäsche – es ist Mittagszeit.
Ich kann meinen Koffer dalassen, den Safe schon für den Inhalt meines Rucksacks nutzen und der Work-and-Travel-Junge beantwortet meine Fragen zur Besteigung des Mount Misen.
Hmm, wenn ich noch vor der letzten Seilbahnfahrt und vor dem Torschluss des Daishouin-Tempels auf dem Weg den Berg runter sein will, kann ich nicht erst nach 15 Uhr hoch (wollte eigentlich erst etwas essen, Schrein besuchen, einchecken), daher Planänderung: Ich ziehe mich jetzt um und sage Asami Bescheid, dass ich nichts mit ihrer Gruppe unternehmen kann, weil ich erst auf den Misen klettere.
In voller Jogging-Kleidung plus Baseballcap und mit dicker Schicht Sonnencreme auf der Haut gehe ich durch die Stadt, vorbei am Aquarium (da reichen mir die Durchsagen, um zu wissen, warum ich da nicht rein will, arme Tiere) – aber finde nirgendwo einen Getränkeautomaten, an dem ich mich für die Wanderung mit Wasser eindecken kann.
Ich frage im Omoto Park einen der Blätter aufrechenden Gärtner und schleiche mich (äh, gehe selbstbewusst, als ob ich da hin gehöre) auf seinen Rat hin in ein Nobelhotel ein, das in einer Ecke einen Automaten hat.
Mein Rucksack ist um eine Flasche Wasser und eine Flasche Mugi-Cha schwerer, ich nicke den Gärtnern dankend zu und lasse bald die Rehe im Park und die Warnschilder (Schlangen! Rutschige Steine! Keine Toiletten auf dem Weg!) hinter mir.
Dieser Pfad ist der längste und einsamste, bis auf einzelne japanische Entgegenkommende bin ich allein mit Felsen, sich windenden Steinstufen, gefallenen Baumstämmen, Überresten von Erdrutschen, uralten Bäumen und Vögeln. Nach gut einem Kilometer wird der Pfad deutlich steiler und ich bemerke, dass es Wegmarker mit Zahlen gibt, aber ohne zu wissen, bis wo sie hochzählen, bringen sie nichts.
An einem bestimmt 10m hohen Felsbrocken mache ich ein Selbstauslöser-Selfie (Gott, ich bin in solchen Fotos so schlecht) und trinke meinen noch kalten Mugi-Cha.
Flüssigkeit ist auch bitter nötig, ab jetzt sind es fast nur noch schroffe Stufen (ich hasse Stufen!), die kein Ende nehmen wollen und ich schwitze. Irgendwann kommt es mir vor, als ob ich nur noch in Zeitlupe die Füße auf den nächsten Tritte heben kann. Vielleicht war es ganz gut, dass ich heute nicht auch noch den „Miyajima Marathon“ (äh ja, das 5km-Rennen) gelaufen bin.
Angenehm ist da die kühle Luft, die aus den kleinen Höhlen am Wegesrand weht, die alle mit Buddhastatuen geschmückt sind. Der Misen gilt nämlich auch als heiliger Berg, weil der Mönch Kukai (Kobo Daishi, der Begründer der Shingon-Sekte), hier meditiert und eine ewige Flamme hinterlassen haben soll, mit der auch das Friedensparkfeuer in Hiroshima entzündet wurde.
Als ich heftiges Rauschen in den Baumwipfeln über mir höre, weiß ich, dass ich nicht mehr weit von der Bergspitze entfernt sein kann. Das ist der Komabayashi Peak, ein kleinerer Berg neben dem Misen. Von hier geht es wieder herunter, ich überhole ein Pärchen, das in die selbe Richtung wie ich wandert und wundere mich über ihre Ausrüstung. Er trägt außer einem Rucksack zwei Plastiktüten in der Hand, sie trägt gar nichts, geht dafür quälend langsam an zwei aus dem Wald geklaubten Stöcken und hat als Schuhe nur Espandrilles an und fast die gesamten Füße mit Pflastern bedeckt.
Was für ein Unterschied zu den meist gut ausgerüsteten japanischen Omai, die mir bis jetzt entgegen gekommen sind und alle freundlichen grüßen oder sogar „Ganbare“ (Viel Erfolg!) wünschen. Als die beiden auf einer Felsspitze Rast machen, um Fotos zu machen (Er: „Geh nicht so nah an den Rand, ich habe Angst.“), überhole ich sie.
Am Nijo-Gate, das den Rand des Tempelbezirks markiert, stößt der Omoto-Pfad auf zwei andere Pfade und vereinigt sich mit dem Daishouin und Okunoin-Pfad. Hier sind auf einmal wieder Leute, die meisten kommen den Berg herab. An einer automatischen Menschen-Zählschranke vorbei gehe ich zur Bergspitze, und mache die obligatorische Fotos der Seto-Inlandssee. Der Ausblick ist großartig, aber mit dem Wind hier oben ist es mir einen Ticken zu kalt, ich habe Angst, mich zu erkälten, weil ich geschwitzt habe. Daher setze ich mich nicht wie geplant auf einen der Felsen und esse mein Brot, sondern gehe zur Toilette und halte mich an die Wasserspar-Bitten.
Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass ich nur 1 Stunde und 15 Minuten gebraucht habe, obwohl ich selbst mein Tempo als schneckig empfunden haben. Offiziell veranschlagt sind für den Omoto-Pfad 120 Minuten, der Deutsche im Mikuniya sprach von 2,5 Stunden.
Neben der Toilette ist ein winziger Shop, in dem die Mount Misen Conservation Association Karten und Süßigkeiten verkauft, deren Erlös zur Bewahrung des Naturparks beiträgt. Ich hole mir ein Tengu-Lesezeichen und der nette alte Mann dort bietet mir ein japanisches Bonbon an. Ich erwidere die Geste mit einem deutschen Salbeibonbon.
Kurzer Abstecher zum Tempel unterhalb des Gipfels – aber bis auf die Reikado-Halle nichts Interessantes und rein gehe ich auch nicht, zuviele Leute. Nachdem ich einem indischen Ehepaar den Weg zur Fähre auf der Karte erklärt habe, laufe ich den Daishouin-Pfad runter und bin froh, ihn nicht hochgegangen zu sein: Fast alle, die den Berg herunter laufen, nutzen diesen Weg (aka. Gegenverkehr), der Pfad ist ausgebaut, komplett mit Asphalt, Abwasserrohren daneben und Geländern.
Ich überhole die langsamen Spaziergänger an Stellen, wo sie für Fotos anhalten, bemitleide ein paar hochsteigende rotgesichtige Europäer (Sonnencreme, Jungs!) und halte nur für eine Kostprobe des Wassers an einem Damm und für den Blick auf den Shirai-Wasserfall an.


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 11. April 2018, 12:40:06
Sonntag 1.4. Miyajima - Teil 2
In kurzer Zeit komme ich erst an einem kleinen Holztempel vorbei, dessen Balken gerade von einem Mönch und einen Novize gewissenhaft abgerieben werden. Der Daishouin erstreckt sich auf mehreren Terrassen direkt neben dem Fluß. Drinnen ist eine Kunstausstellung von Metallskulpturen und ein kleiner Flohmarkt, dessen Aussteller aber gerade mit dem Einpacken anfangen, daher störe ich sie nicht. Ich hinterlasse als Tempelspende wieder Weihrauch und steige die Gebetsrollen drehend, die lange Haupttreppe hinab.
Ich will mich beeilen, weil ich vom Berg und von hier aus gesehen habe, dass gerade Ebbe ist, d.h. man kann zu Fuß zu dem roten Torii gehen – ich habe vergessen, mir im Gästehaus zu merken, wie lange die Ebbe dauert und habe Angst, sie zu verpassen.
Vollkommen unbegründet, der Fließrichtung des Wassers in den Tidenpfützen nach zu urteilen (aufs Meer hinaus) ist noch nicht mal der Tiefstand erreicht. Ich schüttele innerlich ein wenig den Kopf über die Verschwendung von Geld, als ich sehe, dass überall um das Tor herum Münzen liegen (und zwar nicht nur 1-Yen-Alumünzen, sondern auch wertvollere Sorten), weil alle versuchen, Münzen so auf den Torii zu werfen, dass sie darauf liegen bleiben.
Hinter dem Bogen hocken Watt-Muschelsucher im Schlick, die mit Eimerchen und Schäufelchen nach Essbarem graben.
Auf dem Rückweg nutze ich die Tatsache, dass die Ebbe dafür sorgt, dass der Itsukujina gerade weniger Besucher hat. Ich muss sagen, dass der Rundkurs, durch den man gelotst wird, die 300Yen Eintritt nicht wert ist, zwar sind die die beiden Bühnen interessant, aber sonst ist der Schreinkomplex auch von außen gut sichtbar.
Ich mache noch einen Schlenker zum buddhistischen Tempel daneben, aber einen Bogen um die Souvenir-Läden. Erstens, weil es teilweise hart teurer Kitsch ist, zweitens, weil ich eh keinen Platz mehr im Koffer habe.
Der Muschel-Grill hat leider schon zu als ich den Berg wieder hochsteige (Miyajima ist berühmt für die Inlandssee-Austern) und der Momiji-Manju-Laden an der Ecke hat immer noch eine lange Schlange.
Im Gästehaus empfängt mich der Sohn des Besitzers, Junya, in Indigo-Kleidung. Er führt mich herum und zeigt mir die Küche, die Bücher/Info-Stände, das Bad, die Ecke, in der man japanische Dinge ausprobieren kann (Origami, Kalligraphie, Kendama, das jap. Hacky-Sack, Musikinstrumente...).
Toll ist, dass es sehr viel gratis gibt: Frühstück, Softdrinks, Senbei, Heißgetränke. Ich mag das Gästehaus jetzt schon, auch wenn ich die Katze noch nicht gesehen habe. Junya zeigt mir auf dem PC ein Bild der anderen tierischen Gäste, einer Tanuki-Familie (jap. Waschbär).
Vor ihnen warnt auch das Schild am Eingang „Bitte Türe geschlossen halten – sonst fressen die Tanuki ihre Schuhe!“ - was ich für einen Witz gehalten habe, aber das ist ernst gemeint, sie nagen wirklich daran herum.
Die ganze Konversation über die Tanuki war auf Japanisch und als wir zum Bereich mit den Tischen kommen, werde ich von einer der beiden Damen, die dort sitzen gelobt, sie habe gedacht, Junya würde mit einer Japanerin reden, weil ich die ganze Zeit 相槌 (aizuchi, backchanneling) gemacht habe. Öh, okay, aber das liegt daran, dass ich das in Fukuoka aufgeschnappt habe, das Nicken/Zustimmend-Brummen und „Sou desu ne.“ ist ansteckend, wie auch Tamara, das Work-and-Travel-Mädel demonstriert, sie macht das die ganze Zeit.
Gott, es ist mir etwas peinlich, in meinen verschwitzten Jogging-Klamotten das überschwängliche Lob der beiden Frauen zu empfangen, die mich nach meiner Japanisch-Lerngeschichte fragen und die ich jetzt als die beiden erkenne, die die Kunstausstellung im Vorraum beaufsichtigt haben. Um das Thema zu wechseln, frage ich nach der Ausstellung und erfahre, dass die Sachen dort von den beiden handgemacht werden, sie haben auch das Hinamatsuri-Podest aufgebaut. Ich kaufe einen Chirimen-Karpfen für Tobis Patenkind und bekomme einen Hunde-Handyanhänger dazu geschenkt, meine wiederholten Versuche dafür zu bezahlen, scheitern.
Dann merke ich, dass die beiden Damen etwas unruhig werden, ich halte sie wohl davon ab, zur Fähre zu gehen und bedanke mich mehrfach, als die beiden ihre Schuhe anziehen.
Junya holt währenddessen extra für mich die Katze Miku aus dem Büro, nach der ich gefragt hatte, als er von den Tieren im Gästehaus erzählte (Tanuki und Katze sind immer da, Rehe und Füchse manchmal). Sie lässt sich streicheln, geht eine Runde und verschwindet wieder im Personalbereich.
Dann beziehe ich mein Bett in einem Tatami-Raum, der von Paravents in drei Teile geteilt wird, später sehe ich, dass links eine Engländerin und rechts eine Indonesierin schläft, die aber sehr wortkarg bleibt.
Ich habe endlich Zeit zum Duschen. Ich wasche meine Sportkleidung und meine Bluse in der Dusche mit aus und hänge sie draußen im Waschbereich auf Bügel auf.
Draußen wird es langsam dunkel und Junya ruft mich zur Gartentür. Dort sind wirklich drei Tanuki, die das Katzenfutter auf den Stufen fressen. Die Viecher sind fluffiger und niedlicher als erwartet und der Vater der Familie ist ein Albino... Ich rufe ein französisches und deutsches Pärchen dazu, die gerade zum Eingang hereinkommen und wir machen eifrig Fotos.
Dann spreche ich mit den deutschen Praktikanten (Theo und Tamara). Die beiden haben gerade Abi gemacht und machen Work and Travel, waren vorher in Hostels oder einem Kindergarten (langweilig, laut ihnen). Sie wollen evtl. in Bonn Asienwissenschaften studieren, schade, dass mein Studium so lange zurückliegt, wirkliche Tipps kann ich ihnen nicht mehr geben.
Jetzt ist es draußen komplett dunkel, Junya empfiehlt als Ziel für einen Spaziergang drei Plätze, wo es angestrahlte Kirschbäume gibt. Einer davon ist direkt den Weg am Haus hoch. Wirklich schön, in den Bäumen hängen rote Laternen, die die weißen Blüten Pink einfärben. Ich wundere mich nur über den Müll rund um die Mülleimer und denke, dass das daran liegt, dass diese zu voll sind. Ein junges jap. Pärchen, das auch im Mikuniya übernachtet, kommt die Treppe hoch und beginnt sofort, den Müll wegzuräumen. Ich helfe ihnen und mache für sie die Fotografin, als sie unter den Kirschbäumen posieren.
Auf dem Weg die Treppe runter sehe ich links im Berghang einen beleuchteten Tunnel hinter einer Baustelle. Ja, Tatsache, das ist ein normaler Fußgängerweg, der dazu noch an alten Lehm-Holz-Häusern vorbei zu einer beleuchteten Brücke führt. Laut Google Maps gehört sie zum Momijidani-Park, daher will ich zum Park hoch. An einer Gabelung steht ein amerikanisches Pärchen, die fasziniert zwei Rehen dabei zusehen, wie sie durch den Müll graben. Um sie herum liegt alles voller Tüten, die sie aus den Müll-Holzboxen gezogen haben – sie sind wohl lernfähig und Türen mit Griffen halten sie nicht mehr ab. Ah, der Schuldige wurde gefunden!
Das Pärchen sagt mir, dass der Momijidani-Park nicht erleuchtet ist und sich daher nicht lohnt, ich bedanke mich für den Ratschlag damit, dass ich für sie den Zeitplan der Fähre google und wende mich Richtung Stadt. Ich werfe einen Blick in die gepflegten Gärten der Nobelhotels und Ryokans und nehme jede Treppe, die sich mir gerade anbietet (die Stadt erinnert mich an Monschau, windende enge Gassen, überall Verbindungstreppen und in Hänge von Hügeln gebaut). So komme ich zufällig zu einem sehr hübschen Aussichtsort, einem Steinmonument auf einem Plateau mit weiteren angestrahlten Kirschbäumen. Ich setze mich auf eine Bank und genieße die Aussicht auf Setonaikai, die Pagode und die Stadt – nur gestört von einem die ganze Zeit laut hustenden Kerl, der mit Plastiktüten und Flaschen beim Steinmonument sitzt. Keine Ahnung, ob er betrunken ist, aber er vertreibt die Rehe mit Steinwürfen.
Nach einem vergeblichen Versuch, die Pagode von hier aus zu fotografieren, steige ich die nächste Treppe herunter und laufe durch die Hintergassen von Miyajima. Hier gibt es keine Touristenläden, alles ist still – aber manchmal rieche ich, dass in den Häusern gerade gekocht wird. Etwas verwirrt bin ich von einem sehr hohen Geräusch, das immer mal wieder vom Straßenrand und von über mir kommt. Sind das Fledermäuse (ich sehe keine) oder Insekten?
Ich komme durch Zufall am „Größten Reislöffel der Welt“ vorbei – hier in der Souvenirstraße kommen mir sowohl der Besoffene als auch das Pärchen wieder entgegen - und klettere zu der in kompletter Dunkelheit liegenden Großen Halle des Buddhistischen Tempels hoch und verschrecke damit ein paar Rehe, die in die steilen Hänge hüpfen.
Die Pagode neben dem Tempel ist auch von hier aus gesehen nur schwach beleuchtet, wieder keine Fotos. Ich wandere weiter zu einer Landzunge, angelockt von einer Reihe Laternen. Überall sind eher spazierende westliche Touristen unterwegs, auch in den noch offenen Restaurants, wie z.B. einem Ramen-Restaurant - keine Ahnung, ob die japanischen Touristen lieber gemütlich nach dem Abendessen ihr Bad genießen.
Zurück im Mikuniya entscheide ich mich für Tiefkühl-Udon und spreche während des Essens (gar nicht mal so schlecht!) mit der Engländerin aus meinem Zimmer, die das Wandern über den Nakasendo (ehemalige Reichsstraße) empfiehlt, vor allem die Gegend um Kisoji (木曽路). Kommt zusammen mit Nord-Japan auf meine Liste für ein drittes Mal in Japan (irgendwann...).
Nach dem Essen versuche ich mich an den Kalligraphiestrichen, die Kuriyama-Sensei uns gezeigt hat und an Kendama. Währenddessen kochen die Praktikanten in der Küche Mabo-Tofu und (fertige) Creme Brulee – als Geschenk für das Personal, aber sie machen meiner Meinung nach ziemlich viel Unordnung und vor allem merke ich am nächsten Morgen, dass sie den Müll nicht getrennt haben, gna.
Junya isst mit den beiden. Irgendwann nach dem Essen setze ich mich zu ihrer Unterhaltung dazu und steuere Haribo bei. Bei Tee, Haribo und Senbei wird es ein sehr netter (und sehr langer) Abend, da wir von Namensgebung zu Schulabschlüssen, zu Reisen, zu Sprachenlernen als Gesprächsthemen kommen. Junya will, da sein Traum ist, zertifizierter Touristenführer zu werden, den Toeic-Test in den Bereichen Sprechen und Schreiben bestehen und zwar schon in drei Monaten und fragt nach Lernressourcen. Ich lasse mir vom ihm ein Bild beschreiben und sein Vorbereitungsbuch zeigen. Rate ihm zu Lang-8 (dort hat er leider nicht viele Korrekturen bekommen) und Skype-Sprachpartnerschaften und dass er jemanden braucht, der seine Übungstexte mit ihm durchgeht (ich bin raus wegen Referendariat). Tamara fragt ihre Freundin in Deutschland, die tatsächlich einverstanden ist, Junyas Texte zu korrigieren.
Um 1:30 überlege ich, dass ich langsam ins Bett sollte und verabschiede mich, was Junya auch zum Anlass nimmt, „Gute Nacht“ zu wünschen. Erst jetzt fällt mir ein, dass er ja wahrscheinlich früh aufstehen muss, habe ein wenig ein schlechtes Gewissen.
Die Engländerin und die Singaporerin schlafen schon, ich putze noch meine Zähne und schlafe dann sofort ein.


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 11. April 2018, 12:40:52
Montag, 2.4. Oosaka mit Götz
Als ich um 8:00 aufwache, ist die Engländerin schon weg. Ich gehe in die Küche, um mir Instant-Misosuppe und Tee zu machen, statt dem Shokupan-Toast mit Marmelade nehme ich mir lieber Vollkornflocken (Quaker Oats) mit Milch.
Meine draußen hängende Kleidung ist noch nicht trocken, daher entschließe ich mich erstmal zu einem Morgenspaziergang. Durch den kleinen Park mit den Kirschbäumen die Straße hoch gehe ich zum Momijidani-Park. Die äußeren Pfade sind nicht so gut gepflegt und der Park selbst ist im Frühling auch nicht wirklich beeindruckend.
Was beeindruckend ist, ist die Landschaftsgestaltung. Alles hier, die Platzierung der Felsen, Bäume und der Lauf des Wassers sind von Menschenhand geschaffen. Im Jahr 1945 begrub ein Erdrutsch nach einem Taifun das Tal unter sich, danach veranlasste die Regierung umfangreiche Befestigungsarbeiten und Hochwasserschutz, die aber möglichst unsichtbar sein sollten, um das Tal als Naturschauplatz zu erhalten.
An der roten Brücke, die ich bei meinem Nachtspaziergang schon gesehen hatte, warte ich geduldig darauf, dass niemand darauf steht – was nicht klappt, weil ein seltsamer Westler mit einer überkämmten Pläät in einem Givenchy-Trainingsanzug die ganze Zeit Selfies auf der Brücke macht.
Noch ist in der Touristenzone noch nicht viel los, ich mache Fotos von der Pagode (höfliches Standort-Wechseln mit einem japanischen Touristen) und der Senjokaku-Holzhalle, spare mir aber den Eintritt.
Bei Iwamura kaufe ich mir ein frisch gemachtes, noch warmes Momiji-Manju (mit Anko gefülltes Teigbällchen in Ahornblatt-Form) und trinke meinen mitgebrachten Tee dazu.
Dann kehre ich ins Gästehaus zurück, aber meine Wäsche ist immer noch nicht trocken, obwohl ich sie in die Sonne gehangen habe. Stattdessen blättere ich durch die Bücher im Aufenthaltsraum, wie z.B. ein Buch über Katzendarstellungen in der japanischen Kunst. Die beiden deutschen Praktikanten schlafen noch, ein sehr fertig aussehender Junya trägt eine Mischung seiner traditionellen Indigo-Arbeitskleidung und eines Schlafanzugs, als die ersten Gäste (um 9:30 zu früh, der Arme!) auschecken wollen.
Um 10:00 kommen auch die beiden Ausstellungsdamen wieder mit der Fähre aus Hiroshima, das ist für mich ein etwas peinliches Treffen, weil ich nicht weiß, wie ich mich für das Geschenk bedanken soll und eigentlich vorhatte, das Geld für den Preis des Hundes zu hinterlassen, aber das nicht geht, wenn sie dabei sind...
Als ich um 10:30 genug gewartet habe und das Trocknen der Kleidung aufgebe (sie ist zumindest nur noch feucht, nicht mehr nass), gibt mir auch Junya noch Süßigkeiten (wie Maoam) auf den Weg. Noo! Noch mehr Geschenke! Das war wahrscheinlich sein Dankeschön dafür, dass ich ihn auf Lang-8 zur Freundesliste hinzugefügt habe.
Ich bedanke mich daher auch die ganze Zeit, als ich zum Ausgang gehe – ich würde definitiv wieder hier bleiben, vor allem, weil ich das Folklore Materials Museum nicht sehen konnte, weil es montags zu ist.
Auf dem Weg zur Fähre hole ich mir noch die berühmten gegrillten Austern (heiß! fischig!) und verlasse Miyajima. Der Bahnhof am Hafen ist winzig und bis der Zug nach Hiroshima kommt, sind es nur noch vier Minuten, daher stehe ich wie auf heißen Kohlen, als der Japaner vor mir noch Fragen zu seiner Karte hat. Ich schaffe es gerade noch, nach der Sitzreservierung für den Shinkansen mich und meinen Koffer über den Fußgängerübergangs zu bringen, zwei alte Touristinnen auf dem anderen Gleis sind trotz spontanem Spurt zu spät, die Türen sind zu, der Zug fährt ab. Und auch in Hiroshima muss ich etwas laufen, um meinen Shinkansen zu erreichen. Puh, geschafft.
Diesmal eine pünktliche Ankunft in Shin-Osaka und ich habe sogar kurz die Burg Himeji vom Zugfenster aus gesehen. Meine Nimoca-Karte ist für die U-Bahn in Oosaka gültig, daher fahre ich genau nach Wegbeschreibung des Bike and Bed CharinCo Hostels nach Taniyonchoume und checke ein.
Das Hotel erkennt man an den rauchenden Westlern auf der Patio-Bank draußen, drinnen gibt es an der Wand Fahrräder, eine Retro-Console mit Mario Kart und wohl auch Dauergäste. Weil ich diesmal nach 15h in der Zielstadt angekommen bin, kann ich meine Koffer direkt mit dem Aufzug in den Schlafsaal bringen. Im Gegensatz zum J-Hoppers hat dieser Raum 22 Betten – und leider nur ein Waschbecken. Meine Koje ist unten, aber direkt unter dem sehr lauten Lüftungsschacht in der Mitte des Raumes – ich frage an der Rezeption, ob ich die Kojennummer ändern kann. So richtig weit weg komme ich nicht von der Geräuschquelle, aber egal, nur für eine Nacht.
Ich leihe mir nach Auspacken des Rucksacks ein Fahrrad (ist kostenlos, nur 1000 Yen Pfand) und
weil der junge Mann an der Rezeption auf der Karte als erste Station Shinsaibashi empfohlen hat, radele ich dorthin.
Fahrradfahren ist super (ich fühle mich „like a boss“ oder „like a local“), einzige Unsicherheit sind die Verkehrsregeln und die ungeschriebenen Regeln. Zwar hat der Mensch vom Hostel mir gesagt, dass ich keinen Helm und keine Lampe am Fahrrad brauche (ähh, ja, gelogen), aber es dauert etwas, bis ich merke, wohin entgegenkommende Fahrräder in der Regel ausweichen. Und ja, hier fährt fast jeder auf dem Bürgersteig – oder bei Rot über die Ampel...
Die Gegend wird langsam von einem normalen Wohnviertel zu einer hippen Geschäftsgegend mit leichtem Rotlicht-Anteil – ich nähere mich dem Ziel. Fahre durch Amerikamura, das Viertel, das seit den 1970ern importierte Kleidung und Markenschuhe aus den USA verkauft (auch Secondhand) und die aus den Geschäften schallende Musik hier ist hip-hop-lastig.
Dann lasse ich mich von Google Maps zu dem touristischen Hot-Spot Dotonburi leiten, wo zu beiden Seiten eines Flusses ein nach 18:00 Lichtermeer aus Neonreklamen wartet.
Da das Treffen mit Götz spät zu werden verspricht, kaufe ich in einem Don Quijote etwas zu essen und zu trinken. Mit meinen Brotresten aus Fukuoka und dem Stringcheese aus dem Donki sitze ich direkt vor dem Glico-Schild. Danach laufe ich herum, vorbei an dem Trubel. Mir fällt nur das „動かへんて思てた” am Riesenrad auf – Oosaka-ben für „Du hast wohl geglaubt, dass ich mich nie wieder bewege“ - denn das Riesenrad wird nach 15 Jahren Pause und Renovierung ab April 2018 wieder fahren.
Ich habe etwas Probleme, mein angeschlossenes Fahrrad wiederzufinden – beim nächsten Mal merke ich mir den Ort besser, nehme ich mir vor und radele zurück zum Hostel, um mich umzuziehen, weil es nach Sonnenuntergang deutlich kühler geworden ist. Da Inge versucht hat, mich anzurufen und auch auf die Mailbox gesprochen hat, schreibe ich eine kurze Antwort an sie und warte auf der Bank vor dem Hostel auf Götz Bescheid, dass er aus der Firma raus ist. Der kommt erst um 20:30 fertig, weil auf das offizielle Ende der Arbeitszeit die Pausenzeiten nochmal drauf geschlagen werden (Götz: „Was ein Kindergarten! Als ob in den zwei Stunden noch jemand produktiv gearbeitet hätte...“).
Wir verabreden uns in Umeda. Als Landmarke, die man gut mit Google Maps finden kann, schlage ich die Sonezaki Polizeistation vor (schon praktisch, die Standort-Bestimmung). Götz ist wegen seiner Größe nicht zu übersehen. Er erzählt, was er an den drei Tagen, die er schon in Japan ist, gemacht hat und dass er nur eine Anzughose dabei hat, ihm aber gesagt wurde, eine Jeans wäre ein No-Go (also keine Physiker, ne Tobi?).
Wir haben beide genug Hunger für All-you-can-eat Yakiniku. Der Laden, wo mich das Internet hinführt, ist das An-An, aber in derselben Shoutengai hätte man an noch viel mehr Läden zur Auswahl gehabt. Die Bedienung, die uns zum Platz führt, warnt uns vor, dass wir nur noch 1,5 Stunden statt der normalen zwei Stunden Zeit haben, uns egal, wir nehmen trotzdem das mittelteure Set für 3300-Yen-Kurs (mit Softdrinkoption). Wir kriegen eine englische Speisekarte, aber die englische Erklärung für den Starter ist missverständlich (das Restaurant beginnt wohl immer mit einer Fleischplatte aus der teureren Auswahl). Danach kann man aus dem Farben-Set, für das man bezahlt hat, soviel bestellen, wie man will
Am besten schmeckt mir „spicy young galbi“ (mariniertes Rindfleisch) und die Gemüsebeilagen wie  Knoblauch mit Butter oder Kohl mit Sesam-Dressing (obwohl ich nicht weiß, ob das eigentlich zum Anbraten ist...). Irgendwann bin ich pappsatt, aber da ich weiß, dass man für nicht gegessene Platten bezahlen muss, dränge ich Götz zum Aufessen – er wusste das nicht, mein Fehler, hätte ich übersetzen müssen, dieser Hinweis fehlt auf der englischen Version der Karte.
Während des Essens erzählt Götz von der Arbeit. Er wird 10 Monate in Oosaka bleiben, mit kleinem Zwischenausflug nach Shanghai und Anke wird auch dorthin kommen. Hätte schon fast Lust, in den Herbstferien nochmal hin zu fliegen...
Wir müssen uns wirklich zwingen, die letzten Fleischstücke auf den Platten noch zu schaffen, ich verdächtige die Angestellten,  dass sie uns alles bereits aufgeschnittenes Restfleisch gegeben haben, als wir die beiden letzten Gäste im Laden sind, aber um vier Minuten vor Ladenschluss stehen wir schwerfällig auf.
Leider muss Götz wegen frühem Arbeitsanfang nach Hause und ich will diesmal früh raus und nach Tokyo, daher trennen wir uns mit Umarmung, nachdem Götz an einem Konbini-ATM Geld geholt hat (danke, dass du die Getränke bezahlt hast!). Etwas beneide ich ihn, er hat noch so lange Zeit in Japan vor sich...
Die Bar des Hostels ist voll, das Retro-Game lockt laute Rucksackreisende an, aber ich bin im Foodkoma und will nur noch ins Bett, auch wenn ich zuerst mein Reisewaschzeug sauber machen muss, weil meine Zahnpasta ausgelaufen ist. Fluche, habe aber noch genug Aufmerksamkeit für mehrere Verbesserungsvorschläge, die ich dem Hostel machen würde (reißt den dicken Teppich vor dem Waschbereich raus, sorgt dafür, dass Platz für die Schuhe von allen Schlafsaalbewohnerinnen gibt, mehr Haken überall) und wundere mich über die komische Denkweise meines Gehirns. Zumindest der laute Lüfter ist jetzt aus – was aber leider auch heißt, dass es wärmer im Raum wird, mitten in der Nacht reiße ich das Laken vom Plümo und schlafe nur noch unter der einen Lage Baumwollstoff – zu warm!


Titel: Re:Maria in Japan - 2018
Beitrag von: Maria am 11. April 2018, 12:43:13
Mittwoch, 4.4. Kappabashi, Asakusa und Tokyo Edo Museum
Nach dem Frühstück (ich esse Chiharus Müsli plus Kumis Salat und Toast) leiht mir Kumi ihr gelbes Fahrrad, ich fotografiere, um auf Nummer Sicher zu gehen, den Schlosscode und radele Richtung Asakusa. Nach Osaka heißt es: Biking like a pro! Naja, bis ich in Kappabashi bemerke, dass ich aus Versehen Kumis Garagenschlüssel mitgenommen habe...
Kappabashi ist eine Einkaufsstraße, die an beiden beiden Seiten von Läden für Küchenbedarf gesäumt wird: täuschend echte Wachsmodelle von Gerichten, Drahtsiebe, Töpfe in allen Größen, Keramik, Kellneruniformen und Läden, die auf zwei Etagen nichts als Dinge für Backen und Süßigkeitenherstellung verkaufen – ich glaube, Elli hätte hier ihren Spaß. Ich kaufe Omiyage, leider gibt es keine Standing-Nigiri-Box mehr in dem Laden, der Hakoya-Boxen verkauft. Am meisten Zeit verbringe ich in den Keramikläden, weil ich (erfolglos) versuche, meinen Seiji Kannyu-Teller (crackled celadon glaze) durch eine Schüssel zu ergänzen.
Bei Keramik Dengama kaufe ich stattdessen eine Blumenvase und einen Sake-Cup auf der zweiten Etage (aka. hier sind die teuren, nicht touristischen Künstlerobjekte) – beide sind aber im Ausverkauf, hähä, den Rest kann ich mir nicht leisten...
Danach laufe ich die Kappabashi hoch und runter, als mein erster Versuch, tax free einzukaufen – bis ich bemerke, dass sich das für mich überhaupt nicht lohnt, ich kriege ja nur magere 8% zurück bezahlt. Mehr Rumgelaufe, weil ich zwar ein Foto gemacht habe, wo ich das Fahrrad gelassen habe, aber nicht auf der Karte gemerkt habe....
Ich trete auch schüchtern in einen Messer-Laden ein, mit dem Gedanken, evtl. für Tobis Vater ein Messer zu kaufen. Aber die Fragen, die sie hier vor dem Kauf stellen, kann ich alle nicht beantworten, daher flüchte ich, bevor mich ein Verkäufer bemerkt hat. Sorry, ich glaube, das mit dem Santoku-Geschenk wird nichts...
Asakusa ist ganz nahe, dort komme ich am Ausgang des altehrwürdigen Hanayashiki-Vergnügungsparks aus und setze mir diesmal sofort die Marke für den Fahrradabstellplatz. Das Hanayashiki hat einen heruntergekommen, aber auch nostalgischen Retro-Charme, genau wie die Shoutengai direkt daneben, beides existiert wohl schon seit der Taisho-Zeit. An Leerstand vorbei, beschallt vom Kreischen der Achterbahn, suche ich nach dem Tempelgebäude, an das ich mich von 2005 erinnern kann. Das gibt es auch, aber hier ist im Gegensatz zu damals so viel Gedrängel, dass ich keine wirkliche Lust habe, die Nakamise Dori-Ladengasse zwischen den beiden Toren zu durchlaufen, um, wie ich eigentlich vorhatte, Senbei zu kaufen. Ich umrunde den Sensouji einmal und suche mir dann über die verlassenen Hintergassen den Weg zum kostenlosen Edo Shitamachi Traditional Crafts Museum. Das ist ein kleines Gebäude in der Shoutengai von eben, auch etwas 70er-Jahre-Stil, unten am Empfang sitzt niemand, aber das Kunsthandwerk verschiedener Künstler in dem einen Raum ist den Besuch wert.
Im Spirit des „Japan von Annodazumal“ bleibend, schlage ich einen Bogen zurück, um bei einer Filiale von Kagetsudou, einem Laden, der seit 1945 Melonpan (Brötchen mit Zuckerkruste) und Kakigoori (Raspeleis) verkauft. Mein Kakigoori ist ein Eisberg mit süßer Dosenmilch und Shiratama (Klebreisbällchen) – schon bei der Hälfte habe ich Gehirnfrost.
Nach diesem ungewöhnlichen Mittagessen überlege ich, wohin ich als nächstes will. Da das Tokyo Edo Museum auch nahe genug für eine Fahrradfahrt ist, fahre ich am Ufer des Sumida runter (mit Stop für Fotos des Skytree und des „Golden Poop“ aka. der Asahi-Flamme). Hier sitzen immer noch Familien mit Kindern unter den inzwischen schon stark verblühten Kirschbäumen.
Auf der anderen Flusseite setze ich mich kurz in einem Park nahe dem Museum, um das Jumbo Melonpan zu essen und werde dabei von alten Männern auf Bänken gemustert.
Ich parke das Fahrrad an einer Laterne, nicht in den Verbotszonen rund um das Museum und gehe rein. Peinlicherweise muss mir ein Sicherheitsmann zeigen, wie man das Münzschließfach verwendet (ich werde aus den Bildern und Pfeilen nicht schlau, kann ich bitte Kanji haben?).
Leider gibt es auf der 6. Etage, wo die Ausstellung beginnt, keine englischen Volunteer Guides mehr, also folge ich einer japanischen Tour, alles alte Männer. Auch wenn das, was der Guide erzählt, interessant ist, sind sie mir zu langsam, so würde ich Tage für das gesamte Museum brauchen, daher löse ich mich und erkunde selber, es gibt auch genug englische Schilder (bin zu faul für Japanisch).
Ich mag vor allem die interaktiven Ausprobier-Stücke, wie z.B. eine Sänfte, ein Tragejoch, eine Feuerwachen-Lederflagge etc. und die Nachbauten von Häusern aus der jeweiligen Zeit, das Museum ist nämlich chronologisch organisiert.
Leider bleibt viel zuwenig Zeit für den Teil der Ausstellung nach dem 2. Weltkrieg, dort renne ich nur durch und das Museum schließt  pünktlich um 17:30 – Mist, hätte weniger Zeit in Asakusa verbringen sollen...
Nahe Ueno Station komme ich zufälligerweise durch ein weiteres Ziel meiner Bucketliste: Ameyoko Shoutengai – hier mit dem Fahrrad durchzukommen ist aber schwierig, viele Leute, von der wilden Mischung von Gamecentern, Tsukemono-, Nori- und Secondhandläden angezogen. Ich bin hier, weil ich bei Yodobashi das Gehäuse für meine Festplatte und das Ladekabel holen will. Letzteres brauche ich nicht, weil ich merke, dass mein Handyladekabel doch passt und ersteres gibt es nicht, nur einen Kabeladapter für 2.5 und 3.5-Inch-Festplatten, den ich mir nach einiger Überlegung hole.
Kumi fragt, wo ich bin, wir haben uns für 18:30 zum Essen verabredet, für Okonomiyaki, diesmal Kantou-Style (also so, wie ich das zuhause machen würde). Ich radele zum Kaminarimon und wir haben Glück, in dem Restaurant, das Kumi empfiehlt, ist gerade ein Tisch frei geworden. Ich wähle eine Mentaiko-Version, Kumi macht ihr Okonomiyaki selber auf der heißen Platte vor sich. Ich bestelle auch Nukazuke (eingelegtes Gemüse) – ohne zu wissen, dass Kumi nachher wieder bezahlen wird – wah? Zurück gehen wir zu Fuß, weil Kumi ja direkt von der Arbeit gekommen ist und kein Rad hat, mit Zwischenstop in einem Supermarkt, auf der Jagd nach dem mysteriösen Kawaraketsumei-cha – gibt es nicht, daher kaufe ich nur Wasser.
Asa ist noch wach, ich glaube, er arbeitet nachts. Ich gehe wieder unter die Dusche, probiere danach aus, ob auch die Festplatte kaputt ist (nein, nur die Ultrabay hat ein abgebrochenes Plastikteil innen, puh) und schlafe nach einer Frage an Kumi, wie das mit Umtauschen von Waren in Japan ist, ein – in dieser Nacht hätte die Decke ruhig dicker sein können.